Im ersten Moment war sogar Harald Schmidt sprachlos: Ein Computer hatte dem Talkmaster in seiner Show bescheinigt, dass seine politischen Positionen eindeutig denen der Grünen am nächsten stünden. Der Selbstversuch des Entertainers löste einen Ansturm auf das neue Angebot im Internet aus: Den Wahl-O-Mat. Hier kann jeder Wähler herausfinden, welche Partei seine Positionen am ehesten vertritt. Dabei ist dieser virtuelle „Wahlhelfer“ nicht der einzige seiner Art. Auch der Wahlkompass oder der Test von Politik-im-Netz soll Unentschlossenen auf die Sprünge helfen.
Beim Wahl-O-Mat (www.wahlomat.de) müssen 27 Thesen mit „Ja“, „Nein“, „Neutral“ oder „Keine Meinung“ beantwortet werden, wie beispielsweise „Haschisch und Marihuana sollen legalisiert werden“ oder „Der höchste Einkommenssteuersatz wird gesenkt“. Die anschließende Auswertung zeigt, welches Parteiprogramm den per Mausklick eingegebenen Vorstellungen am Nächsten kommt. Der Test dauert nicht länger als zwei Minuten. Hinterher kann der Internet-Nutzer sich detailliert aufklären lassen, welche Partei für welche Position steht.
Der Wahl-O-Mat wurde einst für eine Berliner Jungwähler-Kampagne konzipiert, mit der vor allem Erstwähler einen Einblick in die Wahlprogramme der Parteien bekommen sollen. „Wir haben die Parteien ursprünglich mit 83 Thesen konfrontiert“, sagt der Berliner Politikstudent Arne Richter, der gemeinsam mit vier Kommilitonen den Wahl-O-Mat entwickelt hat. Um ein Meinungsbild zu bekommen, wurden die Parteien gebeten, die Thesen anhand der vier Antworten einzuordnen. Da FDP und Grüne 50 Thesen unkommentiert ließen, blieben nur 27 übrig.
Der Test für Insider
Wesentlich umfangreicher und zeitaufwendiger ist der Test von Politik-im-Netz (www.politik-im-netz.com), genannt PIN. Diese von Passauer Politologen entworfene Wahlentscheidungshilfe ist in zehn Themenschwerpunkte unterteilt. Pro Schwerpunkt kann unter fünf möglichen Antworten ausgewählt werden. Hinter jeder Antwort verbirgt sich der Standpunkt einer im Bundestag vertretenen Partei, so wie er im Programm formuliert ist.
Eine Auswahl kann sich mitunter als schwierig herausstellen, wenn die Parteien sich nur im Detail unterscheiden. Beispiel Familienpolitik: „Ausbau von Ganztagseinrichtungen für Kinder und Erhöhung des Kindergeldes auf 200 Euro“ oder „Aufstockung des Kindergeldes sozialschwacher Familien um bis zu 100 Euro sowie Ausbau des Betreuungsangebotes für Kinder“. SPD und Grüne stecken hinter diesen Forderungen. Hätten Sie es auf Anhieb gewusst?
Die programmatischen Ähnlichkeiten der Parteien können aber nicht nur Unentschlossene vor Rätsel stellen. Auch erfahrene Politiker kann der Test in die Bredouille bringen: Der ehemalige Passauer Oberbürgermeister Willi Schmöller hat sich beim PIN-Test in seinem Meinungsprofil zu 66 Prozent bei der Union wiedergefunden - für einen SPD-Politiker ein erstaunliches Ergebnis. Seine eigene Partei schnitt mit 16 Prozent deutlich schlechter ab.
Der Test für Ungeduldige
Der Wahltest bei Wahlkompass.de hingegen ist für die Ungeduldigen unter den Unentschlossenen: Der Test dauert keine zwei Minuten. 14 Fragen, die schlicht mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten sind, müssen durchgeklickt werden. Entwickelt wurde der Wahlkompass von Berliner Politologen der Freien und der Technischen Universität Berlin in Zusammenarbeit mit der Agentur für kritische Projekte „kakoii“. Er basiert auf der Verknüpfung von Persönlichkeitsfragen, wie die nach Geschlecht und Einkommensklasse, und Fragen nach politischen Inhalten. Ist man beispielsweise männlich, selbstständig, verdient mehr als 55.000 Euro pro Jahr und plädiert für eine private Eigenvorsorge als Ergänzung zur gesetzlichen Rente, bekommt die FDP einen Punkt. Bei anderen Konstellationen sind auch Punkte für mehrere Parteien möglich. Zum Schluss gibt es ein Ergebnis in Form eines Parteien-Rankings.
Erstaunlich ist, dass beim Parteien-Ranking aller Nutzer, die den Wahlkompass durchlaufen haben, die Grünen und die FDP die ersten beiden Plätze einnehmen. Die Wähler der Grünen seien im Schnitt jünger und damit auch „Internet-affiner“ sagt Stefan Mannes, einer der Redakteure des Wahlkompasses gegenüber FAZ.NET. Und das FDP-Programm beinhalte einige Aspekte, die in ähnlicher Art und Weise auch in den Programmen der Union und der SPD auftauchten - somit entfielen etliche Punkte beim Durchlauf des Tests auf die Liberalen.
Mannes und seine Kollegen hoffen, programmatische Inhalte der Parteien „abseits von Ideologie und Personen“ an den Mann und die Frau bringen zu können. Insbesondere wollen sie denen bei der Wahlentscheidung helfen, die sich nicht ausführlich mit Politik beschäftigen oder unentschlossen sind. Auch in einem Computerspiel-Forum sei über den Wahlkompass gesprochen worden, erzählt Mannes. Nachdem ein Spieler den Test durchlaufen hatte, besorgte er sich sofort die Wahlprogramme aus dem Internet, um die rund 50 Seiten starken Papiere in aller Ausführlichkeit zu studieren. Mannes ist zufrieden: „Ziel erreicht.“