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Internet-Angriffe : Krieg im Cyberspace

Deshalb wird in der Nato darüber nachgedacht, was die Verbündeten in ihrem eigenen Land tun können, wenn ihre Netze benutzt werden, um einem Nato-Partner zu schaden. Zum anderen macht man sich Gedanken darüber, wie einem betroffenen Mitglied des Bündnisses schnell geholfen werden kann. Die estnischen Behörden kamen mit der Attacke ziemlich gut zurecht, weil in dem Land die Internetbegeisterung groß ist. Die Regierung in Tallinn konnte auf genug Fachleute zurückgreifen. In der Nato weiß man aber, dass manch größerer Mitgliedstaat deutlich mehr Schwierigkeiten hätte, wichtige Internet-Seiten im Falle eines Angriffs in Betrieb zu halten. Es gibt deshalb die von den Amerikanern unterstützte Überlegung, das hauseigene Nato-Zentrum zu einer Krisenreaktionszelle auszubauen, die allen Verbündeten im Notfall zur Hilfe eilen kann.

Datenmengen von 90 Megabit pro Sekunde

Es gibt durchaus technische Möglichkeiten, sich gegen einen Angriff aus dem Cyberspace zur Wehr zu setzen. Was in Estland geschah, nennen Fachleute eine „verteilte Dienstverweigerung“ (distributed denial of service). Die Rechner des Landes wurden systematisch mit Anfragen bombardiert, was sie zum Zusammenbruch brachte oder was den eigentlichen Nutzern den Zugang verwehrte. Das ist, wie wenn Tausende auf einmal denselben Mobilfunkanschluss anrufen - auch der würde dann nicht mehr funktionieren.

In Estland wurde zum Beispiel der E-Mail-Server des Parlaments mit einer Flut von Nachrichten überschwemmt. An einem Tag war der Datenfluss, den die Leitungen des Landes zu bewältigen hatten, tausendmal größer als an gewöhnlichen Tagen. Nach einer Berechnung pumpten die zehn größten Einzelangriffe Datenmengen von 90 Megabit pro Sekunde in das estnische Netz, und das über zehn Stunden. Das ist, als ob man das gesamte Windows-XP-Betriebssystem alle sechs Sekunden komplett herunterlüde.

Fachpersonal zu Kursen nach Estland

Vor dieser Art von Sabotage schützen Computerfachleute sich, indem sie die eigenen Netze genau beobachten, denn vor einem Angriff finden oft bestimmte vorbereitende Aktivitäten statt. Werden diese rechtzeitig erkannt, können zum Beispiel die Bandbreite der Netze erhöht, die Daten umgeleitet und wichtige interne Server von öffentlich zugänglichen Portalen getrennt werden. „In einem Land wie Deutschland geht wegen eines solchen Angriffs noch nicht das Licht aus“, sagt ein Fachmann.

Dass die Allianz sich überhaupt der Sache annimmt, ist allerdings nicht unumstritten. Den Schutz des Cyberspace halten vor allem die Amerikaner für ein wichtiges Thema, das - ähnlich wie die Sicherung der Energieversorgung - zu den neuen Aufgaben der Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert gehöre. In manchen europäischen Mitgliedstaaten tut man sich dagegen immer noch schwer mit diesem „erweiterten Sicherheitsbegriff“ und hält den Schutz des nationalen Computernetzes für eine zivile Aufgabe. Die Nato hat deshalb zunächst einmal nur jenes estnische Zentrum, das die Angriffe vom April abwehrte, als besondere Einrichtung anerkannt. Das soll andere Verbündete dazu ermutigen, ihr Fachpersonal zu Kursen in das baltische Land zu schicken.

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