15.12.2004 · Seit Tagen ringen die Delegationen bei der UN-Klimakonferenz in Buenos Aires über die Frage, wie es nach 2012 weitergehen soll, ob auch die Vereinigten Staaten eine Verpflichtung übernehmen müssen, ihre Treibhausgasemissionen zu vermindern.
Von Nico Fickinger, Buenos Aires„Den Klimawandel gibt es, seit es die Erde gibt“, berichtet Maldon Rahrak, „und ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Früher lag mein Dorf in den Feldern, und jetzt habe ich ein Grundstück am Strand.“ Wer bis dahin noch keine Zweifel an der Echtheit des WWF-Flugblattes hegte, dem kommen sie spätestens jetzt.
„Das Wasser ist so hoch gestiegen, daß ich hier oben im Baum festhänge“, wird der angeblich 30 Jahre alte Gelegenheitsarbeiter weiter zitiert. „Der WWF kam in einem Boot vorbei und hat mich fotografiert. Aber sie haben mir nicht einmal angeboten, mich mitzunehmen.“ Darüber lachen konnten die Mitarbeiter vom „World Wildlife Fund“ nicht, weder über den Text noch über das paßbildgroße Foto, das einen Schwarzen zeigt, der sich ein wenig ungelenk an eine Palme klammert.
„Laßt die Welt nicht versinken“
Das zynische Plagiat, das auf den ersten Blick echt aussieht, ist offenkundig eine Reaktion auf „Klimazeugen“-Aktion des WWF. Die Umweltorganisation hatte Betroffene aus Nepal, Indien, Argentinien und den Fidschiinseln auf die UN-Klimaschutzkonferenz nach Buenos Aires eingeladen, um die Folgen des Klimawandels an Einzelschicksalen zu illustrieren. Nun schlägt das Imperium der Klimasünder zurück.
Nur wenige Umweltorganisationen begnügen sich mit allgemeiner Kritik. „Laßt die Welt nicht versinken, stoppt den Klimawandel“, prangt auf den knallgrünen T-Shirts der Organisation „Friends of the Earth“. Andere pflegen ein konkretes Feindbild. „Hat Ihr Land das Kyoto-Protokoll ratifiziert?“ fragen die Mitarbeiter des „Global Climate Action Network“ jeden, der gegenüber des Zoologischen Gartens die Hallen im Landwirtschaftszentrum „La Rural“ betritt.
„Yes to Kyoto, no to Bush“
Wer ja sagt, erhält zum Dank einen dunkelroten runden Anstecker und einen scheckkartengroßen Mitgliedsausweis für den Kyoto-Club. „Der Unterzeichner ist Teil der internationalen Gemeinschaft, die sich verpflichtet hat, die globale Bedrohung des Klimawandels zu lösen“, heißt es im Kleingedruckten. Und eingerahmt: „Nicht erhältlich in den Vereinigten Staaten und Australien“. Eine andere Umweltorganisation wird noch deutlicher: „Yes to Kyoto, no to Bush“ steht auf den Bändern, an denen viele Konferenzbesucher ihre Sicherheitsausweise um den Hals baumeln lassen.
Vorerst dürfen die Amerikaner bleiben - als eine von 189 Nationen, die die UN-Klimarahmenkonvention von 1994 unterzeichnet haben und deren Delegationsmitglieder seit dem 6. Dezember, zusammen mit mehr als 2000 Beobachtern von Nichtregierungsorganisationen und etwa 700 Journalisten, in das Konferenzzentrum an der Avenida Sarmiento strömen.In den schmucklosen Hallen, in deren blauen, gelben und grünen Konferenzzonen mit Plastiktrennwänden kleine graue Arbeitsparzellen abgesteckt sind, werden einmal im Jahr Zuchtbullen zur Leistungsschau zusammengetrieben. Nun wacht hier der argentinische Tagungspräsident Estrada über die Beratungen zum Wekltklima. Er ist für seine direkte Art und sein klimapolitisches Engagement bekannt. 1997 hat er maßgeblich zum Gelingen des Kyoto-Protokolls beigetragen.
Verkniffener Gesichtsausdruck
Die erste Woche gehörte den Beamten. Auf Arbeitsebene wurden Detailfragen besprochen, Vorgehensweisen geklärt, Stimmungen ausgelotet. Erst in der zweiten Woche kam Bewegung in die Konferenz: Das Treiben im Tagungszentrum wurde geschäftiger, die Angespanntheit der Delegierten und Beobachter allmählich auch in deren Mienenspiel erkennbar. Bis zum Beginn der Verhandlungen auf Ministerebene am Mittwoch mußten sie die Vorarbeiten erledigt und die Weichen für die dreitägige Plenumsveranstaltung gestellt haben.
Mit verkniffenem Gesichtsausdruck schreiten vor allem die Amerikaner zu ihren Pressekonferenzen. Die jüngste Häufung von Wirbelstürmen in Nordamerika, beschwichtigt Admiral Lautenbacher von der nationalen Ozean- und Atmosphärenverwaltung (NOAA), sei „Teil der normalen Zyklen in der Geschichte der Erde“. Kein Grund zur Beunruhigung, lautet seine Botschaft. Auch das lassen die Umweltverbände nicht unkommentiert. Schon beim Eintreten in den Saal verteilen Greenpeace oder das „U.S. Climate Action Network“ schriftliche Interpretationshilfen, die die Aussagen der Politiker und Fachbeamten als Täuschung entlarven und die wahren Hintergründe aufdecken sollen.
„Der Weg der Weltbank in die Klimakatastrophe“
Fast immer, wenn von offizieller amerikanaher Seite etwas behauptet wird, sind die Nichtregierungsorganisationen zur Stelle. Auch wenn die Weltbank - auf einer Veranstaltung in einem zum Restaurant umfunktionierten Pferdestall ausgerechnet durch einen Amerikaner und einen Australier vertreten - Hintergrundmaterial verteilt, wie die Folgen des Klimawandels durch globale Kooperation abgemildert werden können, schleichen sich Mitarbeiter des „Sustainable Energy and Economy Network“ (einer Kooperation des Washingtoner „Institute for Policy Studies“ und des „Transnational Institute in Amsterdam“) mit prall gefüllten Umhängetaschen an die Journalisten heran und stecken ihnen - ein wenig geheimnistuerisch, ein wenig schamhaft - ihre Gegenbroschüre zu: „Der Weg der Weltbank in die Klimakatastrophe“, lautet der Titel.
Der Vorwurf: Seit dem Erdgipfel von Rio billigt die Weltbank, die eigentlich die nachhaltige Entwicklung in der Dritten Welt fördern soll, durchschnittlich alle zwei Wochen ein Projekt zur Förderung oder Nutzung fossiler Brennstoffe. Das bisherige finanzielle Engagement wird auf 28 Milliarden Dollar beziffert, die Kohlendioxydemissionen auf 43,4 Milliarden Tonnen (über die gesamte Lebenszeit der Projekte gerechnet).
Europäer verlangen zielführende Diskussionen
Die Minderung des Kohlendioxydausstoßes ist, neben den Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel, Hauptthema von Buenos Aires. Seit Tagen ringen die Delegationen über die Frage, wie es nach 2012 weitergehen soll, ob auch die Vereinigten Staaten und die in der Gruppe 77 zusammengeschlossenen Entwicklungsländer eine Verpflichtung übernehmen müssen, ihre Treibhausgasemissionen zu vermindern oder wenigstens zu begrenzen. Doch die Chiffre „nach 2012“ gehört zu den verbotenen Wörtern. Niemand darf in Buenos Aires offen darüber reden. Denn nach dem offiziellen Kyoto-Fahrplan steht dies erst 2005 auf dem Programm. Ausweichend ist allenfalls von „Seminaren“ die Rede, auf denen über den Klimawandel und die möglichen Antworten darauf diskutiert werden soll - natürlich auch für die Zeit nach 2012.
Die Widerstände sind deshalb nicht geringer. Bis tief in die Nacht gehen die Sitzungen, ohne daß es zu Ergebnissen käme. Wenn sich gar nichts mehr bewegt, werden die Beobachter des Saales verwiesen, informell wird dann hinter verschlossenen Türen weiterverhandelt. Während die Amerikaner auf Eintagesseminare pochen, auf denen der Blick nicht nach vorne, sondern nur auf bisher Erreichtes gerichtet wird, verlangen die Europäer zielführende Diskussionen, an deren Ende konkrete Schlußfolgerungen zu Papier gebracht werden, die dann wieder in das UN-Klimarahmenabkommen eingespeist werden können.
Kleinkrieg zwischen Umweltverbänden und Amerika
Ebenso umstritten ist die Frage, inwieweit die Vereinigten Staaten in die künftigen Verhandlungen einbezogen werden. Wenn sie nur noch Beobachterstatus erhielten und die Verhandlungen gleichsam vor dem Videoschirm verfolgen müßten, werde dies Konsequenzen auch für andere Gespräche haben, droht Verhandlungsführer Watson. Auch hier muß Tagungspräsident Estrada viel diplomatisches Geschick beweisen, wenn er bis zum Konferenzende am Freitag dieser Woche einen Kompromißvorschlag vorlegen will.
Bis dahin geht der Kleinkrieg zwischen den Umweltverbänden und den Vereinigten Staaten weiter, auch wenn in vielen anderen Ländern noch manches im argen liegt. „Es ist immer einfacher, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und von den eigenen Problemen abzulenken“, sagt Gabriela von Goerne von Greenpeace. „Deutschland macht das auch.“ Bei der Party der Nichtregierungsorganisationen waren Mitglieder der amerikanischen Delegation jedenfalls unerwünscht - schon einmal ein Vorgeschmack darauf, wie es sein wird, wenn die künftigen Klimaverhandlungen nur noch im Club der Kyoto-Ratifizierer geführt würden. Die Amerikaner müßten dann ihr pinkfarbenes Badge, der sie als Delegationsmitglieder ausweist, gegen das gelbe Schild der Beobachter eintauschen und säßen künftig am Katzentisch - auf einer Stufe mit WWF und Greenpeace. „Das wär doch was Nettes“, sagt Goerne und schmunzelt.