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Integration „Du bist zu deutsch“

08.11.2005 ·  Er fühlt sich als Deutscher, was ihn für viele Türken zum Verräter macht: Wie sich ein Sohn türkischer Immigranten in der deutschen Gesellschaft einen Platz eroberte und dafür einen hohen Preis bezahlte.

Von Melanie Mühl
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Yilmaz Kalkan war elf Jahre alt, als er plötzlich nicht mehr zu ihnen gehörte. Als Kinder türkischer Einwanderer, die wie er am Rand der deutschen Gesellschaft lebten, ihm ins Gesicht schrien, er solle doch mit „den anderen“ spielen. Die Augen jenes Mädchens, das sich vor ihm aufbaute, sieht er noch heute - 13 Jahre später. „Die anderen“, das waren Italiener und Marokkaner. Und es waren Deutsche.

Das war Yilmaz Kalkans größter Fehler. Ein Fehler, der sich durch sein Leben ziehen sollte. Das ist die Geschichte - wie sich ein Sohn türkischer Immigranten in der deutschen Gesellschaft einen Platz eroberte und dafür einen hohen Preis bezahlte, wie er die Nähe seiner Landsleute irgendwann gegen die abstrakte Größe Integration eintauschte und bis heute nicht versteht, warum er sich entscheiden mußte. „In den Augen vieler Türken bin ich ein Verräter“, sagt Kalkan. Er, der ein Frankfurter Gymnasium besuchte und mit einem Abiturzeugnis in der Schultasche wieder verließ, das Adreßbuch gefüllt mit deutschen Namen. Seine engsten Freunde heißen Hans und Martin.

Scheitern an der Sprache

Yilmaz Kalkan ist 24 Jahre alt. Sein Teint ist dunkel, die unruhigen Augen beinahe schwarz. Er spielt in einem deutschen Verein Fußball und studiert im zweiten Semester Jura. Ein junger Mann, der sich seinen eigenen Lebensrahmen steckt. Die Biographien Jugendlicher ausländischer Herkunft lesen sich meist ganz anders. Nicht einmal jeder zehnte von ihnen schließt nach einer Studie der „Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration“ die Schule mit Abitur ab. Bei den Deutschen sind es 25 Prozent. „Mit jedem Schuljahr“, sagt Yilmaz Kalkan, „begegneten mir weniger ausländische Schüler.“ Viele von ihnen scheiterten an der deutschen Sprache.

Die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien Pisa und Iglu zeigen, daß die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in keinem Vergleichsland so sehr vom sozialen Status der Eltern abhängen wie in Deutschland. Jugendliche ausländischer Herkunft sind im Bildungssystem weit weniger konkurrenzfähig als deutsche Kinder.

Abschottung im eigenen Verein

Daß Yilmaz Kalkan auch in seinem Fußballverein nur selten Türken oder Marokkaner begegnen, liegt daran, daß sich seit Mitte der achtziger Jahre mehr und mehr Einwanderer in eigenen Vereinen abschotten. Nur noch sieben Prozent engagieren sich in deutschen Sportvereinen. Es liege wohl an seiner Sturheit, daß er zu dieser Minderheit gehöre, sagt Yilmaz Kalkan. Denn die Stürmerei auf dem Fußballplatz hatte ihm der Vater eigentlich verboten - trieb ihn doch die Sorge, nicht zu wissen, wen der Sohn dort traf.

Die ständigen Auseinandersetzungen mit den Eltern haben Yilmaz Kalkan in die Gegenwart begleitet. „Türkisch“, sagt er, „ist nur mein Aussehen.“ Fragt jemand nach seiner Herkunft, reagiert er gereizt. „Ich fühle mich als Deutscher.“ Ein Satz, der seine Eltern zusammenzucken läßt. Sie sitzen in ihrem Wohnzimmer im zweiten Stock eines Hochhauses und tauschen irritierte Blicke, die von einer tiefen Angst erzählen, den Sohn längst an jene Fremde verloren zu haben, in der sie selbst seit 32 Jahren leben.

Deutschland sollte nie Heimat werden

Winzige Gläser mit türkischem Tee stehen auf dem Tisch. Hanife Kalkan huscht in die Küche und kehrt mit einem Teller Börek zurück. Die mit Käse und Zwiebeln gefüllten Teigtaschen sind warm. Mehr Türkei gibt es nicht. Keine orientalischen Klänge oder Fotos aus Anatolien. In Deutschland aber sind Kalkans Eltern niemals angekommen. An manchen Tagen, sagt Yilmaz, wenn er, sein jüngerer Bruder oder die beiden Schwestern keine Lust haben, die Eltern zu Verwandtenbesuchen zu begleiten, dann flüstere seine Mutter: „Ihr seid zu deutsch.“ Was der Diskurs über Integration als Idealbild einer Gesellschaft entwirft, bedeutet für Yilmaz' Eltern Verlust. Deutschland sollte nie ihre neue Heimat werden.

Wie so viele Gastarbeiter, die das Wohlstandsland gerufen hatte, kamen sie, um reich zu werden. Im Oktober 1961 schlossen die deutsche und die türkische Regierung jenes Anwerbeabkommen, das etliche Lebensläufe erschüttern sollte. „Geld verdienen, ein schickes Auto kaufen und heimkehren nach Anatolien“, davon habe er geträumt, sagt Orhan Kalkan. Ein Traum, den viele türkische Einwanderer hatten.

Zu spät zur Rückkehr

Die Familie Kalkan ist geblieben. Irgendwann kam das zweite Kind, Yilmaz. Es folgten das dritte und vierte. „Plötzlich“, sagt Hanife Kalkan, die in einem Krankenhaus putzt, „war es zu spät, um nach Hause zurückzukehren.“ Die älteste Tochter ging schon zur Schule, der Sohn besuchte den Kindergarten. Cokradan aber, jenes Heimatdorf mitten in Anatolien, regiert bis heute ihre Gedanken. Yilmaz Kalkan sagt: „Könnte sie, würde meine Mutter Deutschland sofort verlassen.“ Hanife Kalkan und ihr Mann leben für die Rückkehr. Ihre Vertrauten sind Türken. Die Begegnungen mit Deutschen sind flüchtig und berühren nicht einmal die Oberfläche. Sein Vorgesetzter sei Deutscher, sagt Orhan Kalkan, der seit Jahren bei der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH arbeitet. Außer seinen Kollegen kenne er niemanden, der aus diesem Land stamme.

Türken blieben eben gerne unter sich. „Wer ausbricht, verletzt das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt sein Sohn. Die Angst davor bestimme das Verhalten. „Keine Gruppe darf aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, keine aber darf sich auch selber ausschließen.“ Horst Köhler hat diesen Satz einmal in Tübingen gesagt, als er an der Universität einen Vortrag hielt. „Die meisten Türken“, sagt Yilmaz Kalkan, „grenzen sich bewußt aus.“ Seine Eltern gehören dazu. Als der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) vor einigen Monaten in einem Interview mit der Zeitschrift „Spiegel“ sagte, daß ein Teil der in Deutschland lebenden Ausländer Ghettos gründeten, wurde er heftig kritisiert.

Ein innerer Konflikt

Integriert fühle er sich, sagt Orhan Kalkan, wenn ihn die Nachbarn lächelnd grüßen und es keine Streitereien gebe. Der deutschen Sprache habe er sich nie wirklich zugewandt. Das Abenteuer Deutschland sollte sein Leben nur streifen. Aus dem Abenteuer ist ein innerer Konflikt geworden. Ein Ringen darum, was kulturelles Erbe bedeutet. Zwei Jahre lang schickte er seinen Sohn Yilmaz in eine Koranschule, fünf Stunden an jedem Wochenende. Was er dort las, verstand der Junge nicht. Als Onur, das Nesthäkchen, sagt, er wolle die Koranschule nicht besuchen, obwohl der Vater versuche ihn zu zwingen, büßt der sonst ruhige Herr Kalkan zum erstenmal an diesem Abend seine Contenance ein. „Du weißt nicht, was zwingen bedeutet“, herrscht er den 14 Jahre alten Jungen an.

Später wird Yilmaz Kalkan sagen, er wisse längst, daß die Eltern den jüngsten Sohn nicht ins Leben führen könnten, wüßten sie doch zu wenig über Deutschland. Selten herrscht Einigkeit zwischen den Generationen. Etwa bei der Frage, ob die Türkei Mitglied der Europäischen Union werden soll. Leidenschaftlich hält Orhan Kalkan sein Plädoyer für einen türkischen Beitritt: „Wir haben schon vor zehn Jahren die Vollmitgliedschaft verdient. Die Türkei ist ein demokratisches Land und achtet die Menschenrechte.“ Seine Frau nickt. Dann spricht er von Subventionen, von Reisefreiheit und Anerkennung und Stolz und lobt den türkischen Außenminister Gül, der erst nach Luxemburg reiste, als Österreich seinen einsamen Widerstand aufgegeben hatte. Mit einem differenzierten Blick betrachtet sein ältester Sohn die politischen Ereignisse. Er sei auch für einen Beitritt der Türkei, doch das Land müsse noch eine gewaltige Strecke zurücklegen, um Europa näher zu kommen. Der Fall des Schriftstellers Orhan Pamuk, den ein Istanbuler Gericht anklagt, die Türkei beleidigt zu haben, weil er die Verbrechen an Kurden und Armeniern öffentlich verurteilt, befremde ihn.

In der Türkei ein Einwanderer

Wer beobachtet, wie Yilmaz Kalkan die familiären Hierarchien klug verwischt, wie er seine Mutter drängt, ihre Seelenwelt nicht zu verbergen, wie er dem Vater manch strengen Blick zuwirft und die Tochter verteidigt, ahnt, was es bedeutet, wenn er eigentlich klischeehaft klingende Sätze sagt wie: „Ich bewege mich in zwei Welten.“ Die Türkei ist für ihn ein Urlaubsland. Seine Großeltern liegen in Cokradan begraben. Er wird einmal ihr Haus erben, ohne je dort einzuziehen. „Ich wäre ein Einwanderer.“

Seine Heimat ist Deutschland. Daß er für dieses gelebte Gefühl von vielen Türken verachtet wird und selbst seine Eltern mit Kälte reagieren, verletzt ihn. Es ist noch nicht lange her, da spielte seine Mannschaft gegen eine türkische. Abschätzige Blicke verfolgten während des Spiels jede seiner Bewegungen. Als er in der zweiten Halbzeit nach einem Foul in die Knie sank, nannten die Türken Yilmaz Kalkan eine „verdeutschte Hure“ und spuckten in seine Richtung.

Quelle: F.A.Z., 08.11.2005, Nr. 260 / Seite 3
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