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Insolvenz von dapd Sonst schalten wir ab!

 ·  Nach außen schien es, als liefen die Umstrukturierungen bei der Nachrichtenagentur dapd gut. Für die Mitarbeiter kommt die Insolvenz umso plötzlicher - die Verantwortlichen sehen die Schuld aber bei den anderen.

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© Getty Images Die Agentur sollte ein Schaufenster werden

Zwei Finanzinvestoren kauften sich eine Nachrichtenagentur. Peter Löw, der schon mit 18 als Berufsziel „Millionär“ im Sinn hatte, und Martin Vorderwülbecke, mit dem er seit den neunziger Jahren gemeinsam viel Geld verdiente. Billig kaufen, „umstrukturieren“, verkaufen. Sie übernahmen die ddp. Das überraschte, denn Nachrichtenagenturen sind zwar einflussreich, beliefern Zeitungen und andere Medien mit aktuellen Meldungen. Sie werfen aber nicht viel Geld ab. Darum ging es allerdings auch nicht, wie die Investoren sagten.

Es sollte ein Schaufenster werden. Ein Schaufenster ihres Erfolgs, in dem sie sich mit der Berliner Polit-Schickeria zeigen konnten. Sie kauften den deutschen Dienst der amerikanischen Agentur AP dazu und nannten die Agentur dapd. Ihre Arbeit betrachteten sie als „Dienst am Gemeinwesen“ und „Beitrag zur Meinungsvielfalt in der deutschen Presse“. Meinungsvielfalt, das hieß vor allem, die Nummer eins vom Podest zu schubsen. Die dpa. Das war mutig, denn die 189 Gesellschafter der dpa sind ausschließlich Medienunternehmen. Also ihre eigenen Kunden.

Plötzlich aus dem Nichts

Löw und Vorderwülbecke zogen auf den Markt mit Geheul und schufen ihr Medienimperium. Gerade erst hatten sie einen neuen Dienst für Promi-News gestartet. Noch vor wenigen Tagen versuchten sie, Leute abzuwerben. Jetzt hat die Nachrichtenagentur dapd Insolvenz angemeldet. Am Freitag schrieb der Betriebsrat an die Kollegen: „Es ist mehr als befremdlich, wenn die Entwicklung der Agentur öffentlich stets in den buntesten Farben geschildert wird und dann von heute auf morgen kein Geld mehr zur Verfügung steht; wenn hochangesehene Kollegen aus etablierten Medien und sicheren Stellen heraus abgeworben werden und dann vor dem Nichts stehen.“ Dieser Umgang sei „unmenschlich und inakzeptabel“.

Das Investorenduo scheiterte auch deswegen, weil der Colt zu locker saß. Das kam bei einigen Kunden nicht gut an. Als Springer-Chef Mathias Döpfner einen alten Vertrag nicht gleich verlängerte, bekam er von Vorderwülbecke einen Brief. Sein Partner Löw habe ihn schon vor dem Verlag gewarnt und zu „äußerster Vorsicht“ geraten. „Deshalb fordere ich Sie auf, bis zum 18.1.2010 den verhandelten Vertrag von Ihrer Seite rechtsgültig an uns zurückzusenden (Fax reicht). Wir würden ansonsten die Dienste abschalten.“ Döpfner hatte den Vertrag schon verlängert, als er jenen Brief im „Spiegel“ lesen musste - und wie sich Vorderwülbecke damit brüstete. Er teilte seinen Leuten mit, auf den ddp-Dienst verzichten zu wollen, denn unter Vorderwülbecke und Löw sei „mit einer weiteren Qualitätsverschlechterung“ zu rechnen.

Kundenverluste

Auch im Bundestag machten sie sich nicht gerade beliebt. Dort bestellt der Ältestenrat alle wichtigen Nachrichtendienste, damit die Abgeordneten nachlesen können, was sie zu Protokoll gegeben haben. Auch ddp und AP liefen über den Ticker, nach der Fusion dann als dapd. Im Bundestag dachte man, das sei nun das volle Angebot unter neuem Namen. Merkwürdigerweise gab es immer ein paar Dutzend Nachrichten am Tag, die nicht auf den Bundestagsbildschirmen auftauchten. Ein Premiumangebot, für das man extra zahlen müsse, hieß es bei der dapd. Sie machte Angebote, der Bundestag lehnte ab. Im Ältestenrat war von „Unstimmigkeiten“ die Rede, der Vertrag wurde ein paar Monate lang ausgesetzt.

Die dapd hatte sich als günstigere Alternative angeboten und mit dieser Strategie der dpa einen wichtigen Kunden abgenommen: das Auswärtige Amt, das bei einer Ausschreibung der dapd den Zuschlag gab, weil sie viel billiger war. Nun wollten die Investoren endlich Geld sehen. Sie gaben ja auch viel aus: Für einen neuen Sportdienst, für den Ausbau der Landesdienste. Die Geschäftsführer versuchten, bessere Verträge auszuhandeln. Sie verhandelten auch mit dem Bundespresseamt, dessen Aufgabe es ist, Bundespräsident und Bundesregierung über das Weltgeschehen zu informieren. Allerdings zahlte das Bundespresseamt der Konkurrentin dpa wesentlich mehr. Um Ausgleich zu schaffen, schaltete die dapd die Auslandsmeldungen ab.

„Alle zahlen zu wenig“

Zum Ärger der dapd kursiert im Ältestenrat ein Papier mit dem Titel „Konzept zur Bedarfsermittlung für den Deutschen Bundestag“. Darin werden alle vom Parlament genutzten Nachrichtendienste aufgelistet. Kurz und knapp, nur die dapd bekam ein ganzes Kapitel. Darin ist von schlechter Mitarbeiterführung die Rede und von ungleicher Bezahlung. Von „regimefreundlicher Berichterstattung über Aserbaidschan“ während des Eurovision Song Contest. Vorderwülbecke soll in Baku gewesen sein, um mit einer staatlichen Nachrichtenagentur über Kooperation zu sprechen. Zu dieser kam es nach Angaben von dapd bisher zwar nicht. Aber auch der ehemalige ZDF-Intendant Dieter Stolte, Mitglied im dapd-Beirat, berät gleichzeitig eine PR-Firma, die das Image des autoritär regierten Aserbaidschans verbessern soll.

Das Erfolgsschaufenster von Vorderwülbecke und Löw verdunkelte sich. Da half es nicht viel, dass in der dapd-Zentrale Minister und Industrielle ein- und ausgingen und der ehemalige Innenminister Otto Schily im Beirat saß. Aber so eine Insolvenz hat auch Vorteile: Das Verfahren in Eigenverwaltung biete Chancen, sich von Altlasten zu befreien, hatte Vorderwülbecke gesagt.

Die beleidigte Art gegenüber den Kunden bewahrten sie sich bis zum Schluss. Auf der Mitarbeiterversammlung am Dienstag nannte Vorderwülbecke die Verantwortlichen für die Misere: ZDF, Bundespresseamt. Keine Unterstützung aus der Politik. Alle zahlen zu wenig. Das sei ungerecht.

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