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Veröffentlicht: 26.12.2012, 17:51 Uhr

Zweiter Weihnachtstag Zollitsch: Christen weltweit am meisten verfolgt

Der Freiburger Erzbischof Zollitsch hat vor einer Auswanderungsbewegung orientalischer Christen gewarnt. Besonders schlimm sei es im Nahen und Mittleren Osten. Weltweit würden derzeit bis zu 100 Millionen Christen verfolgt oder bedroht.

© dpa Robert Zollitsch bei seiner Weihnachtspredigt im Freiburger Münster

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, sieht die Christen als die in unserer Zeit am stärksten verfolgte religiöse Gruppe. Besonders schlimm sei die Lage im Nahen und Mittleren Osten. Christen würden dort Opfer von Gewalttaten. Dies habe zu einer Auswanderungsbewegung geführt, die mittelfristig „die Existenz des orientalischen Christentums in Frage stellt“, hieß es in seiner Erklärung zum „Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen“, der am zweiten Weihnachtstag begangen wird. „In Ägypten droht ein islamischer Gottesstaat ohne Religionsfreiheit“, sagte Zollitsch. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte, im zu Ende gehenden Jahr habe sich die Lage der Christen in mehreren Ländern weiter verschlechtert. Weltweit würden nach Angaben von internationalen Organisationen derzeit bis zu 100 Millionen Christen verfolgt oder bedroht.

Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki forderte zu solidarischem Handeln mit verfolgten Christen in aller Welt auf. „Christen sind heute die weltweit am meisten diskriminierte und verfolgte Glaubensgemeinschaft. Und das in einem Zeitalter, in dem Menschenrechte und Religionsfreiheit so gerne beschworen werden“, sagte Woelki in seiner Predigt. Mit großer Besorgnis schaue er auf die Situation von Christen in vielen Ländern der Welt - in Syrien, in Ägypten, in Nigeria. An Heiligabend waren im Norden Nigerias zwölf Menschen bei Anschlägen mutmaßlich islamistischer Terroristen auf Kirchen getötet worden. Papst Benedikt XVI. hatte in seiner Botschaft am ersten Weihnachtstag bereits über „grausame terroristische Attentate“ in Nigeria gesprochen, die besonders unter den Christen Opfer forderten.

In ihren Weihnachtspredigten riefen Spitzenvertreter der katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland zu einem gewaltlosen und achtsamen menschlichen Zusammenleben auf. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, warnte vor Absolutheitsansprüchen, die zur Unterdrückung von Menschen führten. Allzu oft würden solche Ansprüche mit Terror und Gewalt durchgesetzt.

Dies zeige der Blick zurück in die Geschichte, aber auch auf die Krisenherde der Gegenwart, sagte Schneider in der Düsseldorfer Johanneskirche. Der rheinische Präses verwies auf Selbstmordattentate, Raketenbeschuss und Siedlungsbau in Israel und Palästina, auf die Waffenlobby in Amerika und auf den rechtsextremen Terror in Deutschland. Er mahnte die Christen zu Demut und Bescheidenheit: „Kein Mensch kann und darf sich im Besitz der absoluten Wahrheit und Erkenntnis wähnen - und auch keine Religion oder Kirche im Besitz der absoluten Erkenntnis Gottes.“ Allein Jesus kenne Gott wahrhaftig und vollständig.

Gewalt beginne bereits mit verbaler Entgleisung und hasserfülltem Reden, sagte Zollitsch in seiner Weihnachtspredigt in Freiburg. Er beklagte die zunehmende Gewalt in Schulen und Fußballstadien. Eine Ursache dafür sähe er in den Unterhaltungsmedien. Wenn das Fernsehen „sogar an Weihnachten stundenlang Action-Streifen und brutale Thriller ausstrahle“, dürfe die Gewalt nicht überraschen, sagte Zollitsch.

„Der Reichtum in der Hand weniger nimmt weiter zu“

Evangelische wie katholische Kirche warnten zu Weihnachten auch vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. In der Zeitung „Ruhr Nachrichten“ forderte Zollitsch: „Die Armen bleiben zurück, und der Reichtum in der Hand einiger weniger nimmt weiter zu. Das ist eine gefährliche Entwicklung.“ Jeder Mensch brauche die Chance zu einem menschenwürdigen Einkommen. Schneider hob hervor, auch in Deutschland gerieten zunehmend Menschen ins Abseits und drohten dauerhaft abgehängt zu werden. „Die Weihnachtsbotschaft fordert uns heraus, für diese Menschen die Stimme zu erheben und nach sozialer Gerechtigkeit zu suchen.“

Der Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, kritisierte am ersten Weihnachtstag das geplante Gesetz der Bundesregierung zur Sterbehilfe in seiner bisherigen Form. Es mangele an einer eindeutigen Absage an die organisierte Sterbehilfe, sagte Wiesemann im Dom von Speyer. „Schon ändern Sterbehilfe-Organisationen ihre Satzungen, um vom neuen Gesetz gedeckt ihr Ziel auch weiterhin verfolgen zu können. Was die Menschen aber brauchen, ist Beistand im Leben, nicht Mitwirkung am Sterben.“ Der Mensch sei nicht Herr über Leben und Tod, mahnte der katholische Bischof.

Der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, warnte davor, die Menschenwürde zum Spielball der Technik und „unbeherrschbarer Mächte“ verkommen zu lassen. „Präimplantationsdiagnostik, Bluttests zur Erkennung des Down-Syndroms bei Ungeborenen und deren Selektion infolgedessen, aber auch erleichterte Möglichkeiten zum Suizid offenbaren eine Respektlosigkeit hinsichtlich der Menschenwürde.“ Christen müssten sich „in weihnachtlicher Konsequenz“ dort massiv als „Störenfriede“ betätigen, wo immer „die Mächte des Todes am Werk“ seien. Hamburgs Erzbischof Werner Thissen bezeichnete deutsche Rüstungsexporte als „organisierte Sterbehilfe“.

Angriffe auf Christen in Nigeria

Der Dachverband christlicher Kirchen in Nigeria (Can) hat unterdessen empört auf den Überfall auf zwei Kirchen im Norden des Landes reagiert, bei dem am Heiligabend insgesamt zwölf Menschen getötet worden waren. „Das ist eine bestialische Tat gegen Menschen, die ihr Recht auf Gottesdienst ausübten“, sagte Can-Präsident Ayo Oritsejafor am Dienstag. Im Bundesstaat Yobe hatten Unbekannte eine Kirche während der Christmette in Brand gesetzt. Dabei wurden der Pastor und fünf weitere Gläubige getötet. Der zweite Anschlag ereignete sich in Maiduguri im Bundesstaat Borno. Dort wurden der Diakon und fünf weitere Gläubige getötet. Zu beiden Anschlägen bekannte sich zunächst niemand.

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Quelle: F.A.Z.

 

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