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Kardinal Woelki : Der vermeintliche Hardliner

Rainer Maria Kardinal Woelki mit einer Bibel „op Kölsch“, aufgenommen am 17. September in Köln Bild: dpa

Der Kardinal kehrt heim. Rainer Maria Woelki ist am Samstag als neuer Erzbischof von Köln eingeführt worden. Dort werden sich viele wundern. Berlin hat den Rheinländer verändert.

          Wieder fließt der Verkehr auf der Osloer Straße nur zäh. Rainer Maria Woelki hatte ihn oft im Blick, wenn er aus seinem spartanisch möblierten Arbeitszimmer hinausschaute. Wieder schmeckt das Essen fabelhaft in dem nahe gelegenen türkischen Restaurant, in dem der in schlichtem Schwarz gekleidete Kardinal sich früher wie selbstverständlich an einen Tisch setzte und mit der Kellnerin über ihre Eindrücke von einer Reise nach Istanbul plauderte. Ob er wohl hierher zurückkehren und sich nach dem Tagesgericht erkundigen wird, sollte er dereinst als Kardinal von Köln in Berlin zu Besuch sein? Wird er nochmals zu einem Gottesdienst zu spät kommen, weil es bei der S-Bahn hakte? Oder mit dem Fahrrad unterwegs sein?

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Anfang September hat sich der gebürtige Kölner nach nur drei Jahren von seiner „zweiten Heimat“ Berlin verabschiedet. Hier, in der „mehr atheistisch geprägten neuen Hauptstadt“ (wie sein Berliner Vorvorgänger Joachim Kardinal Meisner zu sagen pflegte) hatte er sich angenommen gefühlt wie selten – und unter den vermeintlich gläubigen Katholiken zunehmend als Fremder. So wird es auch am Samstag sein, wenn Woelki in seine erste Heimat zurückkehrt und offiziell von dem Erzbistum Köln Besitz ergreift. Denn mit den geschlossenen katholisch-klerikalen Milieus hat er nichts mehr im Sinn, in denen er sich als langjähriger Sekretär des Kölner Kardinals Meisner, als Leiter des Theologenkonvikts „Albertinum“ und schließlich als Weihbischof im Erzbistum Köln bewegte.

          Nicht, dass der 58 Jahre alte Geistliche in Berlin vom Saulus zum Paulus geworden wäre. Schon vor seiner Wahl zum Erzbischof von Berlin war Woelki nicht der Büttel Meisners, auch nicht Opus-Dei-Mann oder die Inkarnation katholischer Homophobie, wie im Juli 2011 in den ersten „Nachrichten“ über seine Wahl durch das Berliner Domkapitel zu lesen war. Ja, Meisner hatte ihn wie viele fähige Priester lange gefördert. Aber Woelki hat sich stets seine innere Unabhängigkeit bewahrt. Am Ende der gemeinsamen Jahre war er einer der wenigen, die dem Kölner Kardinal offen widersprachen.

          Zur Not kommt die Methode K zum Einsatz

          In Berlin ließ Woelki Taten sprechen. Das Domkapitel, das ihn in einem der vornehmsten Berliner Viertel leben sehen wollte, brüskierte er mit dem Einzug in eine Dachgeschosswohnung: Wedding statt Dahlem. Von männerbündischer Inzucht an der Spitze des Erzbistums wollte er nichts wessen, weder in der West- noch in der Ostberliner Variante. Zug um Zug ersetzte der neue Erzbischof Prälaten und andere leitende Mitarbeiter durch Frauen: Caritas, Weltkirche, Dialog mit den Religionen, Seelsorge, Schule, Familie – außer dem Münchner Generalvikar Peter Beer setzt niemand so sehr auf Frauen wie der Berliner Kardinal Woelki.

          Niemand aber versuchte den sozialen Ort der Kirche so sehr und so schnell zu verändern wie der vermeintliche Hardliner aus dem Rheinland: Einsatz für Flüchtlinge statt Rückzug ins kuschelige Gemeindegetto; den Glauben in einer der buntesten und schrillsten Städte des 21. Jahrhunderts „Raum gewinnen lassen“, anstatt in der Erinnerung an die „Frohe Herrgottstunde“ der Jugendzeit in Ehren zu ergrauen; mehr Engagement der gesamten deutschen Kirche in Wissenschaft und Theologie statt selbstgefälliger Konservierung längst abgelebter Institutionen. Die Botschaft hörten viele. Und sie verstanden richtig. Aber vielen fehlte der Glaube.

          Selten schlug einem Bischof so viel Abneigung seitens der „lieben Mitbrüder“ entgegen wie Woelki im März 2013. Durch eine Indiskretion war vorzeitig öffentlich geworden, wie er die wissenschaftliche Theologie in Berlin stärken wollte. Da hätte einer den Instanzenweg gehen müssen und hatte es nicht getan. Jetzt konnte Woelki immerhin verkünden, eine bischöfliche Arbeitsgruppe werde sich des Themas der wissenschaftlichen Präsenz der katholischen Kirche in der Stadt annehmen, die vor Wissenschaftsinstitutionen nur so strotzt. Als Kardinal von Köln könnte er künftig auch anders: Wenn zu Zeiten seines Kölner Vorvorgängers Joseph Kardinal Frings die anderen Bistümer nicht so wollten wie der weitsichtige Kirchenmann, kam die Methode K zum Einsatz. Köln finanzierte die eine Hälfte, und wenn die anderen nicht mitzogen, noch mehr.

          Kathedrale statt sozialistischer Wärmestube

          Selten auch blies einem Bischof so sehr der Wind ins Gesicht wie Woelki bei seinem Versuch, die kleinteilig-kiezige Pfarreistruktur in der Stadt Berlin mit ihren rund 360.000 Katholiken zugunsten größerer Verwaltungseinheiten aufzubrechen. Als ob Mobilität und Flexibilität in dieser Stadt noch erfunden werden müssten, wehrten sich viele alteingesessene Katholiken mit Ingrimm gegen jede Veränderung. Endgültig biss Woelki auf Granit, als er eine Initiative seines Vorgängers Georg Kardinal Sterzinsky aufgriff, den Innenraum der St. Hedwigs-Kathedrale vis-á-vis der Humboldt-Universität umzugestalten. Aus einem Relikt der frühen DDR sollte eine Bischofskirche werden, die sich der Stadt des 21. Jahrhunderts öffnet. Einhellige Unterstützung aus Politik und Gesellschaft, hinhaltender Widerstand aus dem Osten Berlins gegen die Umwidmung „ihrer“ Bischofskirche, beinharte Obstruktion von Architektenwettbewerb und Bauplanung durch viele Mitglieder des Domkapitels – ganz so, als sei der Dom bis heute noch immer eine sozialistische Wärmestube und nicht die Kathedrale einer Hauptstadtdiözese, in der mehr als jeder fünfte Katholik Deutsch nicht als Muttersprache hat.

          „Nur Mut und Ausdauer auf diesem Weg in die Zukunft“, predigte der scheidende Kardinal in dem letzten Gottesdienst, den er mit den Berliner Katholiken in der Hedwigs-Kathedrale feierte – „nicht im Sinne von Museumswächtern, denen es um die Bewahrung vergangener Zeiten zur Identitätsbildung geht, sondern als Christen, die im Heute das Evangelium leben und bezeugen wollen“. Der Schock sitzt tief, auf beiden Seiten. Weitere werden kommen. Denn der Kardinal, der nach Köln zurückkehrt, ist nicht mehr der Weihbischof, der nach Berlin ging. Dort hat das Erzbistum die Wohn- und Diensträume Woelkis in der Osloer Straße sofort gekündigt – dem Nachfolger zur Warnung.

          Quelle: F.A.Z.

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