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Zum Weihnachtsfest Kirchen fordern mehr Gerechtigkeit

In Bethlehem haben die Weihnachtsfeierlichkeiten begonnen. Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland warnten derweil vor einer Spaltung der Gesellschaft.

© dapd Vergrößern Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, in Bethlehem

Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland haben zum Weihnachtsfest mehr soziale Gerechtigkeit gefordert und vor einer Spaltung der Gesellschaft gewarnt. Unterdessen begannen in den christlichen Rom und Bethlehem die Weihnachtsfeiern.

„Die Armen bleiben zurück, und der Reichtum in der Hand einiger weniger nimmt weiter zu. Das ist eine gefährliche Entwicklung“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“. Wenn die soziale Schere so auseinandergehe, führe das zu Unruhe. „Wir sind der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Jeder Mensch braucht die Chance zu einem menschenwürdigen Einkommen“, so der Freiburger Erzbischof, der seine offizielle Weihnachtspredigt am Dienstag halten wird.

Zollitsch mahnte vor allem mit Blick auf das Problem der Altersarmut mehr Solidarität zwischen den Einkommensgruppen an. „Es erscheint mir angebracht, diejenigen stärker in die Pflicht zu nehmen, die über hohe Einkommen verfügen. Steuererhöhungen und Abgaben für Vermögende dürfen kein Tabu sein, wenn es gilt, gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu finanzieren“, sagte er. Die Lebensleistung jedes einzelnen verdiene Anerkennung und das Problem drohender Altersarmut müsse gelöst werden, forderte Zollitsch.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, kritisierte in seiner Weihnachtsbotschaft, auch in Deutschland gerieten immer mehr Menschen ins Abseits und drohten dauerhaft abgehängt zu werden. „Die Weihnachtsbotschaft fordert uns heraus, für diese Menschen die Stimme zu erheben und nach sozialer Gerechtigkeit zu suchen“, so Schneider in Hannover. Trotz aller Dunkelheit und in alle Dunkelheit aber scheine das Licht der Weihnacht und trotze den Nächten dieser Welt.

Schneider rief außerdem zur Solidarität mit dem von der Euro-Schuldenkrise geschüttelten Griechenland und anderen europäischen Ländern auf. Europa sei „mehr als ein Wirtschaftsraum. Europa ist ein Friedensprojekt, in dem jede Nation nicht allein auf den eigenen materiellen Vorteil bedacht ist“.

In Bethlehem feierten Tausende Christen Weihnachten. Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, rief an Heiligabend in seiner Weihnachtspredigt zu Gerechtigkeit und Frieden auf. Mit Blick auf die zahlreichen Konflikte in der Region appellierte er an „die Politiker und alle Menschen guten Willens“, sich konsequent für Frieden und Versöhnung für „Palästina und Israel und diesen leidenden Nahen Osten“ einzusetzen. An der Christmette in der katholischen Katharinenkirche nahmen auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der jordanische Außenminister Nasser Judeh und die neue Bürgermeisterin von Bethlehem, Vera Baboun, teil.

„Besatzung, die kein Ende nimmt“

Ausdrücklich dankte Twal Palästinenserpräsident Abbas und dem jordanischen König Abdullah II. für ihre „mutigen Positionen auf nationaler und internationaler Ebene“ sowie für ihre Anstrengungen, die zur Anerkennung Palästinas durch die Vereinten Nationen als Nicht-Mitgliedstaat mit Beobachterstatus geführt hätten. Diese Anerkennung müsse „ein entscheidender Schritt in Richtung Frieden und Sicherheit für alle sein“, betonte Twal in seiner in mehreren Sprachen vorgetragenen Predigt: „Allein Gerechtigkeit und Frieden im Heiligen Land können zu einem regionalen und globalen Gleichgewicht führen!“ Viele Menschen im Heiligen Land litten unter einer „Besatzung, die kein Ende nimmt“. Auch die Folgen des jüngsten Kriegs in Gaza seien „sowohl auf dem Land als auch in den Seelen noch immer sichtbar“, so das Oberhaupt der lateinischen Katholiken des Heiligen Landes. Er rief zugleich zum Gebet für die unter der andauernden blutigen Auseinandersetzung leidenden Menschen in Syrien auf.

Im Anschluss an die Mitternachtsmesse sollte der Patriarch mit der traditionellen Prozession zur Geburtsgrotte ziehen. Am Nachmittag hatten Tausende bei sonnigem Wetter den feierlichen Einzug des Patriarchen in Bethlehem gefeiert, darunter viele Muslime. Auf dem Krippenplatz wurde er von Pfadfindern und zahlreichen Besuchern empfangen.

Die ganze Nacht über pilgerten zahllose Besucher zur Bethlehemer Geburtsgrotte, viele davon legten die etwa 13 Kilometer von der Jerusalemer Altstadt aus zu Fuß zurück. Nach palästinensischen Angaben wurden für den Monat Dezember rund 120.000 ausländische und 35.000 palästinensische Besucher erwartet. Für die katholischen Weihnachtsfeierlichkeiten rechnete die Geburtsstadt mit rund 35.000 Besuchern. Viele Hotels der Stadt waren ausgebucht. Seit Jahresbeginn verzeichnete Palästina einen Touristenzuwachs von 17 Prozent, die Zahl der Übernachtungsgäste stieg um 25 Prozent, wie die zuständigen Stellen auf Nachfrage mitteilten.

Papst Benedikt XVI. wird am Montagabend im Petersdom das Weihnachtsfest mit der Christmette feiern. Am Dienstagmittag verliest das Kirchenoberhaupt von der Mittelloggia des Petersdoms aus seine Weihnachtsbotschaft und spendet den Segen „Urbi et orbi“ - an Rom und den Erdkreis. Wie in jedem Jahr sind auch diesmal zu den Feiertagen viele Tausend Pilger und Besucher aus aller Welt in Rom eingetroffen, um an den Festtagszeremonien mit dem Papst im Vatikan teilzunehmen. Vor dem Segen „Urbi et orbi“ wird der Papst wieder Weihnachtswünsche über mehreren Dutzend Sprachen an alle Welt richten.

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Quelle: KNA-BAS

 
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