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Zum Tode Hermann Scheers Einflussreicher Außenseiter

15.10.2010 ·  Hermann Scheer hat seit jeher zu jenen in der SPD gehört, deren Einfluss nicht in erster Linie an Posten und Mandate geknüpft war. Es entsprach seinem Verständnis von Politik, dass er seine eigentlichen Erfolge außerhalb des engeren Bereichs der Politik erzielte.

Von Günter Bannas, Berlin
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Hermann Scheer ist ein stets engagierter Redner gewesen und ein sehr guter dann, wenn es gegen „die da oben“ ging – gegen den Bundeskanzler, gegen den Parteivorsitzenden, gegen den Fraktionsvorsitzenden. Er konnte die Leute oben zur Weißglut und ganze Parteitage durcheinander bringen. Er hatte die Fähigkeit, nicht nur Stimmungen hervorzurufen, sondern zu erzeugen. Er war – so gesehen – einer der letzten Vertreter der 68-Studentengeneration, in welcher Zeit er in Heidelberg „Präsident“ des Studentenparlamentes war. Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte Hermann Scheer in Stuttgart – bei einer der Demonstrationen gegen „Stuttgart 21“. Ein letztes Mal hatte er dabei seinen Einfluss in der SPD und auch die Form, diesen auszuüben, deutlich gemacht. Seiner Heimatzeitung, der „Waiblinger Kreiszeitung“, sagte er, das Projekt sei ein politisches, weil der frühere Bahnchef Mehdorn das Ja des Landes Baden-Württemberg zur Privatisierung der Bahn mit einem Ja der Bahn zu „Stuttgart 21“ erkauft habe. Es war ein echter Scheer. Der Bundestagsabgeordnete setzte sich für eine Volksbefragung zu „Stuttgart 21“ ein. Die Partei folgte.

Hermann Scheer hat seit jeher zu jenen in der SPD gehört, deren Einfluss nicht in erster Linie an Posten und Mandate geknüpft war – nimmt man die Funktion als Bundestagsabgeordneter aus, die er seit 1980 inne hatte. Führungsämter in der Fraktion hatte er nicht. Er brauchte sie nicht. In der Parteiführung rückte er bloß in den ziemlich großen Kreis des Vorstandes vor. Das reichte, um dem engeren Kreis der Führung die Meinung zu sagen. Die Übernahme eines Amtes als Parlamentarischer Staatssekretär – zum Beispiel des Umweltministeriums – wäre ihm als Verrat an seinen Prinzipien erschienen.

Ein Versuch von ihm, selbst ein Ministeramt zu bekommen, scheiterte. Scheer hatte in Hessen die Politik von Andrea Ypsilanti geprägt – und bei Berliner Sozialdemokraten für erheblichen Widerspruch gesorgt. Doch wäre es falsch, ihn im einfachen Sinne als „links“ zu bezeichnen. Zitate von ihm hat nun die Zeitung seines Wohnortes aufgeschrieben. „Ich bin ein Buschkowsky-Fan. Er redet Klartext mit einem sehr sozialen Menschenbild“, sagte er über den Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. „So etwas muss man mit Diskussionen, nicht mit Ausschluss lösen“, äußerte er über das SPD-Parteiverfahren gegen Thilo Sarrazin. „Wer Urlaub braucht, hat den falschen Beruf“, konnte er auch sagen, selbstironisch und darauf verweisend, er habe seit 1981 keinen Urlaub mehr gemacht, sondern sich nur zeitweise gegen „Kommunikationsattacken“ abgeschirmt.

Es entsprach Scheers Verständnis von Politik, dass er seine eigentlichen Erfolge außerhalb des engeren Bereichs der Politik erzielte. 1988 gründete er die Vereinigung für Erneuerbare Energien (Eurosolar). Solarprogramme und Energiegesetze hat er mehr beeinflusst als mancher Minister und Staatssekretär. 1999 wurde er mit einen „Alternativen Nobelpreis“ geehrt. „Hermann Scheer war für seine erbitterten Gegner und seine besten Freunde gleichermaßen anstrengend“, hat es nun in einem Nachruf geheißen. Im Alter von 66 Jahren ist Scheer am Donnerstag gestorben.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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