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Veröffentlicht: 31.05.2016, 15:06 Uhr

Zum Tod von Rupert Neudeck Ein Flüchtling unter Flüchtlingen

Rupert Neudeck hat nie vergessen, dass er als Flüchtling dem Tod nur knapp entkam. In anderen Migranten erkannte er deshalb immer Gefährten in der Not wieder. Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.

von , Rom
© dpa, reuters Cap-Anamur-Gründer Neudeck gestorben

Rupert Neudeck ist Zeit seines Lebens wie ein Flüchtling ohne Gepäck gewesen und ein Botschafter ihrer Nöte in Deutschland. Nie vergaß er, dass er 1945 als fünf Jahre altes Kind aus Danzig nur knapp dem Tod auf der „Wilhelm Gustloff“ entkommen war, die von sowjetischen Torpedos versenkt wurde. Seine Familie erreichte den Hafen zu spät und entkam so dem Tod. Doch die Erinnerung an jene verzweifelte Flucht und bittere Armut später im westfälischen Hagen prägten Neudeck sein Leben lang.

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Bei Reisen kam er stets mit einem kleinen Köfferchen aus, stieg immer in den bescheidensten Herbergen ab und fühlte sich besonders wohl bei Flüchtlingen, in denen er Gefährten in der Not wiedererkannte. Das letzte Mal bei einem gemeinsamen Besuch auf Malta mischte er sich an einer Bushaltestelle in das Gespräch mit Flüchtlingen aus Eritrea ein, wo seine Hilfsorganisation Mitte der achtziger Jahre bei der Überwindung der Hungersnot geholfen hatte. Dabei weckte Neudeck in den jungen Männern heimatliche Gefühle, fragte er sie doch mit Worten ihrer Sprache nach Plätzen und Straßen daheim.

Später sagte er, es müsse doch auf dem langen Weg von Eritrea zum Mittelmeer einen Platz geben, wo man diesen Menschen Obdach und Hilfe geben könne, damit sie sich nicht erst auf die gefährliche Reise übers Meer zu begeben. So etwas geschehe in Mauretanien und andernorts, „denn manchmal ist es nur wichtig, den jungen Migranten die Würde wiederzugeben, einen Arbeitsplatz und ein Zeugnis, mit dem sie in ihre Heimat zurückkehren können“. sagte er.

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Neudeck konnte sich weder an die Not der Menschen gewöhnen noch an die politischen Phrasen jener, die sich nicht mit den Bedürftigen abgeben wollen. Das lag nicht nur an seiner theologischen Ausbildung, an seinem kurzfristigen Noviziat bei den Jesuiten, zu Neudeck passte auch nicht die Rolle des Beobachters, die er als Journalist, seit 1977 als Redakteur beim Deutschlandfunk hätte einnehmen sollen. Konfrontiert mit der Not vietnamesischer Flüchtlinge im südchinesischen Meer gründete er auf Anregung des französischen Studentenführers André Glucksmann und mit der Unterstützung des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll 1979 das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“. Ein Leben lang verband sich Neudecks Name dann mit jenem Rettungsfrachter „Cap Anamur“, der vielen tausend Menschen das Leben rettete. Im April 2003 wurden Neudeck zum Mitbegründer und Vorsitzender des internationalen Friedenscorps Grünhelme.

Es war typisch, dass sich Neudeck großer Namen wie Glucksmann und Böll bediente, denn in aller Bescheidenheit machte er von sich selbst nie ein Aufheben. Er blieb bis zuletzt auch ein Mensch des Zweifels, der Verständnis dafür hatte, dass sich viele Menschen vor Fremden fürchten. Neudeck verurteilte nicht, vielmehr versuchte er in allen gesellschaftlichen Gruppen Partner dafür zu finden, die Welt ein wenig besser zu machen. So schlug er pragmatisch kurz vor einer Herzoperation in einem Beitrag für das „Philosphie Magazin“ vor: „Jeder, der in eine Erstaufnahme kommt, muss ein Papier – heute sagt man Flyer – in die Hand bekommen in seiner Muttersprache. In dem Papier wird klar gesagt: ‚Dieses Geschenk der Deutschen, dass man erst mal ohne Bezahlung eine Unterkunft, einen Schlafplatz und eine Vollversorgung plus Taschengeld bekommt, muss durch eigene Anstrengungen im Asylheim beantwortet werden.‘“

Heute ist Neudeck im Alter von 77 Jahren an den Folgen der Herzoperation gestorben.

Quelle: wahlrecht.de
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