http://www.faz.net/-gpf-8honh

Zum Tod von Rupert Neudeck : Ein Flüchtling unter Flüchtlingen

Bild: dpa

Rupert Neudeck hat nie vergessen, dass er als Flüchtling dem Tod nur knapp entkam. In anderen Migranten erkannte er deshalb immer Gefährten in der Not wieder. Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.

          Rupert Neudeck ist Zeit seines Lebens wie ein Flüchtling ohne Gepäck gewesen und ein Botschafter ihrer Nöte in Deutschland. Nie vergaß er, dass er 1945 als fünf Jahre altes Kind aus Danzig nur knapp dem Tod auf der „Wilhelm Gustloff“ entkommen war, die von sowjetischen Torpedos versenkt wurde. Seine Familie erreichte den Hafen zu spät und entkam so dem Tod. Doch die Erinnerung an jene verzweifelte Flucht und bittere Armut später im westfälischen Hagen prägten Neudeck sein Leben lang.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Bei Reisen kam er stets mit einem kleinen Köfferchen aus, stieg immer in den bescheidensten Herbergen ab und fühlte sich besonders wohl bei Flüchtlingen, in denen er Gefährten in der Not wiedererkannte. Das letzte Mal bei einem gemeinsamen Besuch auf Malta mischte er sich an einer Bushaltestelle in das Gespräch mit Flüchtlingen aus Eritrea ein, wo seine Hilfsorganisation Mitte der achtziger Jahre bei der Überwindung der Hungersnot geholfen hatte. Dabei weckte Neudeck in den jungen Männern heimatliche Gefühle, fragte er sie doch mit Worten ihrer Sprache nach Plätzen und Straßen daheim.

          Später sagte er, es müsse doch auf dem langen Weg von Eritrea zum Mittelmeer einen Platz geben, wo man diesen Menschen Obdach und Hilfe geben könne, damit sie sich nicht erst auf die gefährliche Reise übers Meer zu begeben. So etwas geschehe in Mauretanien und andernorts, „denn manchmal ist es nur wichtig, den jungen Migranten die Würde wiederzugeben, einen Arbeitsplatz und ein Zeugnis, mit dem sie in ihre Heimat zurückkehren können“. sagte er.

          Neudeck konnte sich weder an die Not der Menschen gewöhnen noch an die politischen Phrasen jener, die sich nicht mit den Bedürftigen abgeben wollen. Das lag nicht nur an seiner theologischen Ausbildung, an seinem kurzfristigen Noviziat bei den Jesuiten, zu Neudeck passte auch nicht die Rolle des Beobachters, die er als Journalist, seit 1977 als Redakteur beim Deutschlandfunk hätte einnehmen sollen. Konfrontiert mit der Not vietnamesischer Flüchtlinge im südchinesischen Meer gründete er auf Anregung des französischen Studentenführers André Glucksmann und mit der Unterstützung des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll 1979 das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“. Ein Leben lang verband sich Neudecks Name dann mit jenem Rettungsfrachter „Cap Anamur“, der vielen tausend Menschen das Leben rettete. Im April 2003 wurden Neudeck zum Mitbegründer und Vorsitzender des internationalen Friedenscorps Grünhelme.

          Es war typisch, dass sich Neudeck großer Namen wie Glucksmann und Böll bediente, denn in aller Bescheidenheit machte er von sich selbst nie ein Aufheben. Er blieb bis zuletzt auch ein Mensch des Zweifels, der Verständnis dafür hatte, dass sich viele Menschen vor Fremden fürchten. Neudeck verurteilte nicht, vielmehr versuchte er in allen gesellschaftlichen Gruppen Partner dafür zu finden, die Welt ein wenig besser zu machen. So schlug er pragmatisch kurz vor einer Herzoperation in einem Beitrag für das „Philosphie Magazin“ vor: „Jeder, der in eine Erstaufnahme kommt, muss ein Papier – heute sagt man Flyer – in die Hand bekommen in seiner Muttersprache. In dem Papier wird klar gesagt: ‚Dieses Geschenk der Deutschen, dass man erst mal ohne Bezahlung eine Unterkunft, einen Schlafplatz und eine Vollversorgung plus Taschengeld bekommt, muss durch eigene Anstrengungen im Asylheim beantwortet werden.‘“

          Heute ist Neudeck im Alter von 77 Jahren an den Folgen der Herzoperation gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Mehr als 220 Tote bei Erdbeben in Mexiko Video-Seite öffnen

          Dutzende Gebäude zerstört : Mehr als 220 Tote bei Erdbeben in Mexiko

          Bei einem schweren Erdbeben in Mexiko sind mindestens 224 Menschen ums Leben gekommen. Allein in der Hauptstadt Mexiko-Stadt wurden nach offiziellen Angaben mindestens 117 Menschen getötet. Das Beben der Stärke 7,1 hatte das Zentrum des Landes erschüttert.

          Franks Horrorshow

          TV-Kritik zu Wahlsendungen : Franks Horrorshow

          Kurz vor der Wahl wird es hektisch – jeder hat noch etwas zu sagen. Während sich Martin Schulz in der „Wahlarena“ Einzelschicksalen stellt, hat Frank Plasberg seine „hart aber fair“-Fragen offenbar aus einem AfD-Chat abgeschrieben.

          Staubwolken über Mexikostadt Video-Seite öffnen

          Starkes Erdbeben : Staubwolken über Mexikostadt

          Bei einem starken Erdbeben in Mexiko sind mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Dutzende Menschen haben die Erschütterungen mit ihren Smartphones gefilmt, so auch ein Mann auf einem Hochhaus, der die Ausmaße der Zerstörung in Mexikostadt festgehalten hat.

          Topmeldungen

          UN-Vollversammlung : „Niemand wird Amerika wieder vertrauen“

          Mit seiner Rede vor der UN hat Donald Trump für Entsetzen gesorgt – und viel Applaus seiner Basis eingeheimst. Einer der vom amerikanischen Präsidenten Kritisierten wird heute die Antwort auf die Vorhaltungen liefern.

          Erdbeben in Mexiko : Zahl der Toten steigt auf mehr als 200

          In der Hauptstadt stürzten mehrere Hochhäuser ein, in einer Schule wurden Kinder unter den Trümmern begraben. Millionen Menschen sind ohne Strom. In der Nacht zu Mittwoch gab es zahlreiche Nachbeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.