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Terror vor Weihnachten : Das Drehbuch der Todesfahrt

Die Szenerie des Anschlags am Breitscheidplatz, am Morgen nach der Tat. Bild: Reuters

„Fahrzeuge sind wie Messer“: In der jüngsten Ausgabe eines IS-Propagandamagazins findet sich eine Art Handreichung für Anschläge wie den von Berlin. Sie liest sich wie eine zynische Vorhersage, nach der sich der Täter gerichtet hat.

          Es ist ein Lastwagen der Marke „Scania“, der am Montagabend über einen Gehweg auf die Menschen des Weihnachtsmarkts am Berliner Breitscheidplatz zurast. Wie in Nizza wird ein alltägliches Transportmittel zur Waffe. Acht Menschen reißt der Täter mit dem Lkw direkt in den Tod, Dutzende werden verletzt, drei sterben im Krankenhaus. Nach dem Anschlag von Nizza berichteten Medien sehr genau, wie die Täter vorgegangen sind. Wie sie Betonhindernisse überwanden und immer mehr Menschen in den Tod reißen konnten.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Wie Nizza rein technisch möglich war, das ist vielfach beschrieben worden. Wenn der Tathergang genau rekonstruiert wird, zeigt das die Schwächen der öffentlichen Sicherheit auf. Im besten Fall führt es dazu, Taten wie diese in Zukunft zu verhindern. Zwar gehen die Sicherheitsbehörden von einem Anschlag aus, noch ist aber nicht klar, wer dahinter steckt. Die Parallelen zu Nizza sind indes deutlich. In der jüngsten Ausgabe des Propaganda-Magazins „Rumiyah“ steht eine relativ detaillierte Anleitung für einen solchen Anschlag. Das Magazin, das seit September erscheint, richtet sich gezielt an sogenannte einsame Wölfe, die sich ohne Mitgliedschaft in einer Terrorzelle, nur oder vornehmlich durch Propganda-Videos und Chats radikalisieren.

          Produziert wird das professionell gestaltete Heft von der Medienabteilung der Terrororganisation „Islamischer Staat“. Im Stil ist es ähnlich wie „Dabiq“, das Propaganda-Magazin, mit dem der IS vorher für sich warb. Man muss nur wenige Worte bei Google eingeben, um zum Download-Link des PDFs zu gelangen. Die Anleitung zum Terroranschlag ist nur ein paar Klicks entfernt.

          Der Text, der auf Seite zwölf der englischen Ausgabe erscheint, ist in jedem Wort, in jeder Zeile von Hass getragen. Immer wieder wird sehr deutlich geschrieben, dass das größte Ziel sei, so viele unschuldige Menschen wie nur möglich zu töten. Von Kuffar, Ungläubigen, ist ständig die Rede. Über dem Text ist eine Bildmontage zu sehen. Es zeigt eine amerikanische Erntedank-Parade, die als „ideales Ziel“ bezeichnet wird; daneben ist ein Lastwagen des Autovermieters „Hertz“ und im Hintergrund ein Bild der Verwüstungen des Anschlags von Nizza zu sehen. Nur wenige würden bis heute die tödliche und zerstörerische Wirkung von Transportfahrzeugen verstehen, heißt es einleitend im Text. Der Attentäter von Nizza hätte das „großartig demonstriert“. Ihm sei es gelungen 86 Menschen mit Hilfe eines Lastwagens „abzuschlachten“.

          Screenshot aus dem Magazin „Rumiyah“

          „Eine der sichersten und einfachsten Waffen“

          „Fahrzeuge sind wie Messer“, heißt es im Text, „sie sind leicht zu bekommen.“ Während es aber zu Problemen führen könne, ein Messer bei sich zu führen, sei ein Lastwagen vollkommen unverdächtig. Der sei „eine der sichersten und einfachsten Waffen, die man sich gegen Kuffar besorgen kann, während sie zugleich zu den tödlichsten Methoden des Anschlags zählt.“

          Das richtige Fahrzeug gilt den Autoren als Hauptvoraussetzung für den Erfolg einer Mission. Einige Kriterien werden dafür angeführt. Von kleineren Autos rät man etwa ab. Auch größere Geländewagen eigneten sich nicht. Mit ihnen könne man nicht den „gewünschten Grad eines Gemetzels“ garantieren. Zu meiden seien Fahrzeuge, die nicht schneller als 90 Stundenkilometer fahren können und besonders lange Lastwagen. Sie ließen sich nur schwer manövrieren.

          Lkws nennt der Text grundsätzlich als ideale Fahrzeuge für einen Anschlag. Die mögliche Geschwindigkeit sei dabei entscheidend. Ein hohes Gewicht erhöhe den Schaden ebenfalls, zudem sei doppelte Bereifung zu empfehlen. Dadurch würden mehr Opfer zerquetscht. Es geht auch um die Frage, wie man sich das Fahrzeug beschafft. Am einfachsten sei es, eines zu kaufen. Das Ausleihen bei einer Autovermietung oder im sozialen Umfeld sei auch eine Option. Diebstahl käme nur für Leute in Frage, die sich auf „diesem Gebiet auskennen“.

          Als Anschlagsziele werden große Veranstaltungen im Freien empfohlen, Fußgängerzonen, Festivals, Paraden und Märkte. Ein solches Ziel war auch der Weihnachtsmarkt. Entscheidend sei, dass die Veranstaltung eine große Zahl von Interessierten anziehe. Bei der Planung solle der Attentäter beachten, wie gut ein Ziel erreichbar sei und ob man auf dem Weg dorthin eine bestimmte Geschwindigkeit erreichen könne. Wer eine solche „Operation“ plane, solle sich nicht bloß auf militärische Ziele oder Regierungsgebäude beschränken. Zivile Paraden etwa hätten eine geringere Sicherheitsstufe und seien damit einfacher zu treffen.

          Anschlagsziel Rom

          Für die Planung empfehlen die Autoren, das Fahrzeug vollzutanken, die Route auf einer Karte durchzugehen und eine zusätzliche Waffe einzupacken. Vor dem Anschlag solle man auch sicherstellen, dass anschließend bekannt werde, welche Motive man verfolge; dass man Allahs Wort groß machen wolle. Empfohlen wird, etwa auf einige Zettel Sätze zu schreiben wie „Ich bin ein Soldat des Islamischen Staats“ oder „Der Islamische Staat wird bleiben“ und diese bei der Durchführung des Attentats aus dem Fenster zu werfen.

          Der Attentäter soll das Fahrzeug, wenn möglich, nicht verlassen. Bis es physisch unmöglich sei, solle er weiterfahren und die „Überreste der Ungläubigen“ auch mehrmals überfahren. Auch Polizei und Hilfskräfte solle er ins Visier nehmen.

          Mit weiteren Waffen wie Messer oder Pistole könne man die Zahl der Toten weiter erhöhen, heißt es. Im letzten Abschnitt des Textes wird ein Vers aus dem Koran angeführt, wonach all das die Chance auf den Weg in den Himmel erhöhe.

          Der Name des Magazins, „Rumiyah“, bedeutet Rom. Als italienische Hauptstadt und Zentrum der Christen ist sie mehrfach als bevorzugtes Anschlagsziel des IS genannt worden. Das Vorgängerheft „Dabiq“ setzte in erster Linie auf das Rekrutieren von Kriegern im „Kalifat“ des „Islamischen Staats“. „Rumiyah“ dagegen scheint eine Reaktion darauf zu sein, dass die Terrororganisation zunehmend durch Luftschläge unter Druck gerät. Die Angeworbenen sollen im Westen bleiben und dort als Attentäter zur Kriegsstrategie des IS beitragen. 

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