Home
http://www.faz.net/-gpg-72wy4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum 70. Geburtstag Wolfgang Schäubles Der Unvollendete

Wolfgang Schäubles Bedeutung in der deutschen Politik ist kaum zu überschätzen, doch die höchsten Staatsämter blieben ihm verwehrt. Das lag auch an den Umständen. Doch mag ihm in den entscheidenden Momenten der letzte Wille zur Macht gefehlt haben.

© dpa Vergrößern Von unschätzbarer Bedeutung für die deutsche Politik: Wolfgang Schäuble wird 70 Jahre alt

Einer der besten Kenner der deutschen Zeitgeschichte, Hans-Peter Schwarz, der als Adenauer- und Kohl-Biograph auch Einblicke in die komplexe Psyche politischer Führer gewinnen konnte, hat Wolfgang Schäuble „die sympathischste, fähigste und zugleich tragischste Persönlichkeit in der neueren CDU-Geschichte“ genannt. An Schäubles Fähigkeiten besteht kein Zweifel; der Rollstuhl macht das Tragische an seinem Leben öffentlich sichtbar. Ob er sympathisch sei, darüber werden seine politischen Gegner und auch manche Parteifreunde oder Mitarbeiter ein differenziertes Urteil haben.

Stationen einer Politikerkarriere 15.11.1984: Wolfgang Schäuble legt vor dem Bundestag seinen Amtseid als Bundesminister für besondere Aufgaben ab. Rechts Bundestagspräsident Philipp Jenninger © AP Bilderstrecke 

Günther Nonnenmacher Folgen:    

Schäuble ist sich seiner intellektuellen Überlegenheit wohlbewusst und kann dies andere spüren lassen: durch Ungeduld oder ätzende Kommentare. Und dass man sich bei der entschiedenen und hartnäckigen Verfolgung politischer Ziele, also, wie es verkürzt heißt, beim „Kampf um die Macht“, nicht nur Freunde macht, weiß er und wird es als Erster zugeben. Die nicht so sichtbare Tragik seiner politischen Karriere ist es, dass er in diesem Kampf in entscheidenden Momenten nicht Täter, sondern Opfer war.

Als Parlamentarier in allen wichtigen Ämtern

Wolfgang Schäuble, in Freiburg geboren, wächst in Hornberg im Schwarzwald als zweiter von drei Söhnen eines Steuerberaters auf, der engagierter CDU-Kommunalpolitiker ist. In seinem Elternhaus wird viel „politisiert“, und so wundert es nicht, dass sich der Student der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften (in Freiburg und Hamburg) im Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und in der Jungen Union engagiert. Nach zweitem Staatsexamen und Promotion folgt ein kurzes Zwischenspiel in der Steuerverwaltung des Landes Baden-Württemberg in Freiburg. Am 19. November 1972 wird er in einem Offenburger Wahlkreis mit gut 53 Prozent der Erststimmen in den Deutschen Bundestag gewählt. Wenn er bei der Wahl 2013 noch einmal antritt, wird er den ehemaligen CSU-Politiker Richard Stücklen als Rekordhalter im Bundestag ablösen.

Als Parlamentarier hatte Schäuble alle wichtigen und entscheidenden Ämter inne: Nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 wird er erster parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, Fraktionschef wird er erstmals 1991, gut ein Jahr nach dem Attentat, das ihn in den Rollstuhl zwingt. 1998, nach der verlorenen Bundestagswahl, wird er in diesem Amt bestätigt.

Meisterstück: Vertrag zur deutschen Einheit

Schäubles politische Karriere war eng mit der Kohls verbunden. Der Kanzler holt ihn 1984 als Chef des Amtes ins Bundeskanzleramt, mit dem Titel eines „ordentlichen“ Ministers, also nicht nur als „Staatsminister“ (eigentlich Parlamentarischer Staatssekretär). 1989 wird er Innenminister und handelt in dieser Funktion in kurzer Zeit den Vertrag zur deutschen Einheit aus, was viele als sein Meisterstück ansehen

Wenige Tage nach dessen Inkrafttreten geschieht, was Schäuble selbst immer als „Unfall“ bezeichnet hat: Ein geistig verwirrter Mann schießt bei einer Parteiversammlung in seinem Wahlkreis auf ihn. Schäuble überlebt knapp, der vorher sportbegeisterte, drahtige Mann wird aber, wie er selbst sagt, zum „Krüppel“. Kaum einigermaßen genesen, hält er im Bundestag im Juni 1991 seine vielleicht bedeutendste Rede: Er setzt sich gegen die Bonn-Befürworter, von denen es in der eigenen Fraktion nicht wenige gab, für Berlin als alt-neue Hauptstadt Deutschlands ein und dreht damit, wie viele Beobachter glauben, die Stimmung im Parlament.

Viele Fragen blieben ungeklärt

Schon vor der Abwahl Kohls 1998 gilt Schäuble als „Kronprinz“, als geborener Nachfolger des Kanzlers und CDU-Vorsitzenden. Doch als Parteivorsitzender wird er in den Strudel der Parteispendenaffäre gezogen und geht darin unter. Wie viel daran selbst verschuldet war, ob sein Name einfach zu eng mit der Ära Kohl verbunden war oder ob eine Intrige, an der Kohl selbst und auch Angela Merkel (mit ihrem offenen Brief an Kohl in der F.A.Z. vom 22. Dezember 1999) auf verschiedene Art und Weise beteiligt waren, seinen Sturz bewirkte, ist bis heute in den Details nicht geklärt. Aus dieser Zeit stammen der harte, unversöhnliche Bruch mit Kohl und ein kompliziertes Verhältnis zu Frau Merkel.

Ungeklärt ist auch, ob er bei der Wahl des Bundespräsidenten 2004, bei der er von Edmund Stoiber und Roland Koch öffentlich als der am besten geeignete Kandidat der Union vorgeschlagen worden war (ohne dass sich Schäuble selbst dazu geäußert hätte), tatsächlich am Widerstand der FDP und Westerwelles scheiterte oder ob die CDU-Vorsitzende und Fraktionschefin Angela Merkel schon zuvor den ehemaligen Staatssekretär und damaligen IWF-Direktor Horst Köhler als einen weniger selbständigen und wortmächtigen Kandidaten von Union und FDP herausgedeutet hatte.

„Der letzte Europäer“

In der großen Koalition von 2005 an wird Schäuble noch einmal Innenminister, seit 2009 ist er Finanzminister der „bürgerlichen Koalition“. Bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit kämpft er seither für die Rettung der Währungsunion - eine Aufgabe, in welcher der an der deutsch-französischen Grenze geborene Badener eine Lebensmission sieht und deshalb, Ironie des Schicksals, nicht zuletzt in Frankreich als Erbe Kohls in der Bundesregierung, als „letzter Europäer“ gilt.

So ist die Tragik Schäubles nicht nur eine persönliche, sondern hat auch politische Seiten: Seine Bedeutung in der deutschen Politik ist kaum zu überschätzen, doch die höchsten Staatsämter blieben ihm verwehrt. Die Fähigkeiten dazu hätte er ohne Zweifel gehabt. Über die Härte, die es braucht, um sich dabei durchzusetzen, muss den erfahrenen Taktiker, der alle Tricks in der Politik kennt, niemand belehren.

Sein Scheitern war auch durch die Umstände bedingt; aber dazu beigetragen hat, dass ihm in entscheidenden Momenten der letzte, der absolute Wille zur Macht gefehlt haben mag. An diesem Dienstag wird Wolfgang Schäuble, dessen Lebenswerk in die Geschichtsbücher eingehen wird, 70 Jahre alt.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Lammert verärgert über Regierung Widerborstigkeit als Grundausstattung

Helmut Kohl hatte er sich schon zu Beginn seiner Politikerkarriere zum Feind gemacht. Auch als Bundestagspräsident kämpft Norbert Lammert gegen die Arroganz der Macht. Nun hat er sich mit der Bundesregierung angelegt. Mehr Von Günter Bannas, Berlin

29.09.2014, 21:52 Uhr | Politik
Angela Merkel wird sechzig

Jeder vierte Bundesbürger wünscht sich die gebürtige Hamburgerin auch in zehn Jahren noch als Bundeskanzlerin. Angela Merkel entschied sich trotz erfolgreichen Physikstudiums für eine politische Karriere. Mehr

17.07.2014, 09:35 Uhr | Politik
Konflikt mit Hedgefonds Argentinien kritisiert deutsche Feindseligkeit im Schuldenstreit

Die Regierung in Buenos Aires ist über Deutschland verärgert. Der Grund: Finanzminister Schäuble wirft dem Land unsolide Haushaltspolitik vor. Und wird von den Hedgefonds zitiert, die mit Argentinien Krach haben. Mehr

24.09.2014, 18:50 Uhr | Wirtschaft
Merkel hält Deutschland für Gewinner der Globalisierung

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in der Generaldebatte im Bundestag ein positives Bild von der wirtschaftlichen Lage in Deutschland gezeichnet. Mehr

09.04.2014, 10:45 Uhr | Politik
Europäische Kommission Schmeckt ziemlich deutsch

Jean-Claude Juncker hat die EU-Kommission geschickt umgebaut. Die Staaten bekamen, was sie wollten – und werden sich noch wundern. Eine Analyse. Mehr Von Thomas Gutschker

22.09.2014, 10:57 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.09.2012, 15:34 Uhr