06.09.2010 · Nach dem Fall Brunner ist die Angst, sich Gewalttätern in den Weg zu stellen, bei vielen Menschen gestiegen. Wie kann man helfen, ohne selbst Opfer zu werden? Ein Besuch in einem Training für Zivilcourage.
Von Katharina Iskandar, KelkheimDas Georg-Leber-Haus liegt im tiefsten Taunus, an einer schmalen Hauptstraße, hinter einer kleinen Biegung im Wald. Das Foyer erinnert an ein vier Sterne-Hotel. Dicker, blauer Teppichboden, auf dem man scheinbar lautlos dahingleitet. Ansonsten hat das Tagungszentrum eher Jugendherbergscharme. Wolfgang Müller kommt um kurz vor neun. 53 Jahre alt, Vollbart, randlose Brille, zur dunklen Hose und dem gestreiften Hemd trägt er Birkenstocks. Er wählt den Platz ganz hinten im Raum.
Normalerweise würde Müller an diesem Montagmorgen in seinem Büro sitzen, in der Verwaltung des Main-Taunus-Kreises. Er würde Akten bearbeiten und über die Vergabe von Mitteln im Amt für Jugend, Schulen und Sport entscheiden. Doch stattdessen blickt er nun auf die Stellwand, auf die zwei Fragen mit grünem Edding auf Papier geschrieben sind: „Was führt mich hierher? Und was erhoffe ich mir von dem Seminar Gewalt-Sehen-Helfen?“
Es geht reihum. Zwei Männer, vierzehn Frauen, zwischen Ende zwanzig und Anfang Sechzig. Die meisten arbeiten wie Müller in einer städtischen Behörde und haben oft „Bürgerkontakt“. Sie sagen, sie fühlten sich zunehmend unwohl im öffentlichen Raum: auf der Straße, in S-Bahnen, manchmal auch auf Parkplätzen. Einige berichten von Prügelattacken unter Jugendlichen, andere von ihrer Furcht vor Übergriffen auf dem Weg zur Arbeit, in der Freizeit, sogar vor dem eigenen Haus. Eine Teilnehmerin sagt, sie sei schon einmal in der Bahn belästigt worden, als sie nur dasaß und Kreuzworträtsel löste. Sie sei dann aufgestanden und weggegangen, „mit einem ganz mulmigen Gefühl“. Und Wolfgang Müller meint, er sei schlichtweg nachdenklich geworden nach dem Fall Brunner.
„Ich möchte ja gerne helfen können“
Nach dem, was er über den Fall gehört und gelesen habe und was sich vor allem in den vergangenen Wochen während des Prozesses herausgestellt hat, sei er verunsichert, wie er selbst in einer solchen Situation reagieren würde. „Ich möchte ja gerne helfen können,“ sagt er. „Aber ich habe eine Frau und zwei Kinder, gegenüber denen trage ich doch auch Verantwortung.“ Als er das sagt, nicken einige. Dann ist es für einen Moment still im Raum.
Es ist nicht lange her, dass Müller selbst Zeuge einer Gewalttat wurde. Er hatte aus dem Fenster seines Büros einen Streit zwischen einem Mann und einer Frau beobachtet. Der Mann schrie und zerrte an der Frau herum, umklammerte sie und packte sie umso fester, je mehr sie versuchte, sich zu befreien. Schließlich eilte eine Kollegin Müllers auf die Straße und versuchte zu schlichten, wurde aber ebenfalls angegriffen. Müller sah sich die Szene einige Sekunden an, dann rief er den Sicherheitsdienst der Kreisverwaltung, der wiederum die Polizei informierte. Müller hatte alles richtig gemacht. „Dennoch“, sagt er, „die Verunsicherung bleibt.“ Einige Tage später hat sich Müller für den Kurs angemeldet.
„Gewalt-Sehen-Helfen“ – die drei Worte sind inzwischen zur landesweiten Kampagne geworden, symbolisch dargestellt durch eine zuschlagende Faust, ein Auge und einen Mund. Konzipiert wurde die Kampagne vor elf Jahren in Frankfurt. Der dortige Präventionsrat hatte auf einen Vorfall in Hamburg reagiert: Eine junge Frau wurde in einer S-Bahn vergewaltigt, aber kein Fahrgast schritt ein. Die Stadt Frankfurt beschloss damals, den Bürgern eine Anleitung zu geben, wie sie helfen könnten, ohne sich selbst zu gefährden.
Inzwischen werden die Kurse hessenweit angeboten, es gibt sie in Chemnitz und bald möglicherweise in einigen bayerischen Kommunen. Die Kurse sind regelmäßig ausgebucht – und die Nachfrage ist immer dann besonders groß, wenn es irgendwo in Deutschland wieder einen Übergriff im öffentlichen Raum gegeben hat. Die Kampagne geht von der Annahme aus, dass die meisten Menschen helfen würden, wenn sie wüssten, wie.
Am Ende kostete ihn sein Engagement das Leben
Das mag auch im Fall Brunner so gewesen sein. Er war der einzige in der vollbesetzten S-Bahn, der auf die sich anbahnende Gewalt zwischen den jugendlichen Tätern und einigen Kindern reagiert hat – doch hat ihn dies am Ende das Leben gekostet. Viel wird über den Fall Brunner im Georg-Leber-Haus nicht gesprochen, doch die Teilnehmer treibt die Frage um, was man hätte anders machen können. In der Pause steht Müller mit einer Tasse Kaffee im Foyer und sagt, dass man in Zukunft wahrscheinlich drei Mal überlege, ob man selbst eingreifen würde.
In der anschließenden Diskussion berichtet er, wie er selbst einmal „explosionsartige Gewalt“ erlebte, als er einen Jugendlichen in der S-Bahn aufforderte, die schmutzigen Schuhe vom Sitz zu nehmen. Seitdem, sagt Müller, spricht er niemanden mehr an, „aus Angst, irgendwann ein Messer zwischen den Rippen zu haben“. Müller sagt, diese Haltung ärgere ihn selbst. Aber er wäge inzwischen ab: Was sei schon eine schmutzige Hose gegen sein Leben?
Nach der Pause hängt ein neues Papier an der Stellwand: Die Worte „gewaltfrei, opferzentriert und gemeinwesenorientiert“. Es geht um das Thema Deeskalation und Eigenschutz. Seminarleiter Uwe Thöne, der als Polizist viele Jahre lang Gewaltdelikte Jugendlicher in Frankfurt bearbeitet hat, stellt sich demonstrativ in den Raum und sagt, der Täter suche immer nach einer Rechtfertigung für sein Handeln. Thöne sagt das mit tiefer, fester Stimme. Es besteht kein Zweifel daran, dass er weiß, wovon er spricht. „Der Täter“, sagt Thöne weiter, „weiß genau, was er will, er führt die Regie.“ Es gehe darum, sich dieser Regie zu entziehen. In der Sprache von „Gewalt-Sehen-Helfen“ spreche man auch von einem „Magnetfeld“, das ein Täter um sich herum aufbaue und in das man sich auf keinen Fall hineinziehen lassen dürfe.
Dass Brunner im Kampfsport erprobt war, schützte ihn nicht
Im späteren Rollenspiel ist Müller einer der Hauptakteure: Herrn Erbacher, der mit seiner Ehefrau spazieren geht, begegnet auf der Straße ein pöbelnder Mob. „Lassen Sie sich nicht darauf ein“, mahnt Thöne. „Wenn es zum Straßenkampf kommt, kann man nur verlieren.“ Thöne bringt das Beispiel eines Bundeswehrsoldaten, der im Nahkampf ausgebildet war und dennoch vor einigen Jahren an einer Frankfurter U-Bahnstation von drei Jugendlichen brutal niedergeschlagen und ausgeraubt worden war. Auch Brunner war im Kampfsport erprobt – was ihn dennoch nicht schützte.
Doch für Müller stellt sich die Frage des Prinzips: Warum soll ich die Straßenseite wechseln, fragt er. Dann überlassen man „denen“ doch den öffentlichen Raum? Die Szene wird dreimal durchgespielt. Zwei Mal versucht Müller, seine Ehefrau vor der Gruppe zu schützen, indem er sich schützend vor sie stellt. Beim ersten Mal redet er beruhigend auf die Pöbler ein, beim nächsten Mal schreit er sie an, sie sollten seine Frau in Ruhe lassen. Jedes Mal kommt es zum Handgemenge, in der Realität wären es wohl Schläge. Beim dritten Versuch ändert Müller seine Strategie.
Noch bevor er auf die Gruppe trifft, dreht er um, murmelt, er habe sein Handy zu Hause vergessen und müsse noch einmal zurück, dann macht er einen großen Bogen – und kommt heil davon. Dafür bekommt er Applaus. Müller braucht eine Weile, bis er registriert, dass er eben in dieser Szene nicht, wie befürchtet, sein Gesicht verloren hat. Dass seine Umkehr keiner Kapitulation gleichkommt und dass er auch vor seiner Frau nicht als Angsthase da steht. „In dieser Situation“, sagt auch Thöne, „haben Sie alles richtig gemacht. Sie wirkten souverän.“
Die Regel lautet: Nie den Täter ansprechen, immer das Opfer
Dies ist nicht die einzige Rolle, in die Müller schlüpft. Er spielt Szenen in einer S-Bahn, in der er lernt, wie er einem belästigten Fahrgast helfen kann. „Die Regel lautet: Nie den Täter ansprechen, sondern immer das Opfer“, erklärt Thöne. „Indem man den Täter ignoriert, nimmt man ihm die Regie ab. Er ist dann handlungsunfähig.“ Danach spielt Müller einen Helfer an einer Bushaltestelle. Er hilft einer Frau, die von einem Mann belästigt wird. Die Situation erinnert an den „Fall Okoronkwo“, der sich im Mai in Frankfurt ereignete. Der junge Nigerianer Emeka Okoronkwo hatte beobachtet, wie zwei Männer an einer Straßenbahnhaltestelle im Bahnhofsviertel zwei Frauen belästigten. Als er sich einmischte, um den Frauen zu helfen, kam es zur Auseinandersetzung. Okoronkwo wurde mit einem Messer niedergestochen und starb wenig später im Krankenhaus.
Müller soll lernen, Öffentlichkeit herzustellen. Etwa zehn Menschen stehen um die Haltestelle herum. Jeder sieht, was da vor sich geht, doch niemand reagiert. Schließlich übernimmt Müller die Initiative. Er weist einen der Fahrgäste an, die Polizei zu rufen, dann informiert er die Umstehenden. Schließlich geht er auf das Opfer zu, nimmt die Frau am Arm und führt sie ohne weitere Erklärung aus der Gefahrenzone heraus. „Das war einfach“, wird Müller später in der Feedback-Runde sagen. Er nennt es „Brücken bauen“ zwischen Opfer und Helfer. „Das funktioniert.“
Müller will ein weiteres Seminar besuchen. Vielleicht wird er dann auch wieder Jugendliche ansprechen, die ihre Füße auf den Sitz legen. Und er würde eingreifen können, wenn sich wieder einmal ein Konflikt vor seinem Bürofenster ereignet. Sein Gesicht verlieren wird er dabei nicht.
Hallo aufwachen !!!
Bernhard Rais (bernie-gz)
- 06.09.2010, 23:20 Uhr
Da fehlt mir was.
Ya Guza (yaguza)
- 07.09.2010, 01:04 Uhr
Die Gesetzgeber und die Justiz brauchen Zivilcourage!!!
Josef Bujtor (Mramorak)
- 07.09.2010, 04:47 Uhr
Mache Waffen illegal, dann werden nur Illegale Waffen besitzen (US-Sprichwort)
Karl Hammer (cromagnon)
- 07.09.2010, 06:15 Uhr
Gute Menschen werden normalerweise bestraft!
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 07.09.2010, 09:22 Uhr