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Zentralrat der Juden Repräsentant eines neuen Judentums

09.02.2010 ·  Vieles spricht dafür, dass Dieter Graumann bald den Zentralrat der Juden führt. Er spricht fast visionär von einem „pluralen neuen deutschen Judentum“. Aber bei aller gewünschten Vielfalt ist für ihn die politische Einheit nicht verhandelbar.

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
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Er wird vermutlich der nächste Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sein: Dieter Graumann. Der Frankfurter Unternehmer besitzt die besten Chancen, im November Charlotte Knobloch nachzufolgen, die am Sonntag ihren Verzicht auf eine weitere Kandidatur bekanntgegeben hat. Ihm das Amt streitig machen könnte wohl nur noch Salomon Korn, der Frankfurter Gemeindevorsitzende und wie Graumann einer der beiden Vizepräsidenten des Zentralrats.

Doch Korn, der nach dem Tod Paul Spiegels vielen als dessen natürlicher Nachfolger erschienen war, hat schon 2006 auf eine Kandidatur verzichtet – unter anderem mit der Begründung, er wolle kein Leben im Schutze von Leibwächtern führen. Es deutet nichts darauf hin, dass er seine Haltung geändert hätte. Stephan Kramer hingegen, der während der vergangenen Jahre als Generalsekretär häufig für den Zentralrat gesprochen hat, wird allein schon aus ökonomischen Gründen auf seinem Posten bleiben wollen; das Präsidentenamt ist ein Ehrenamt, der Generalsekretär hingegen wird regulär bezahlt.

Als Betreiber einer Liegenschaftsverwaltung ist der 59 Jahre alte Graumann finanziell unabhängig. Seit 2001 gehört der studierte Volkswirtschaftler dem Zentralratspräsidium an – und hat sich schnell als einer der fähigsten Köpfe der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland erwiesen. Als Finanzdezernent brachte er die Bilanzen der Organisation wieder in Ordnung und als Verhandlungsführer in den Gesprächen mit den Vertretern des liberalen Judentums verhinderte er eine politische Spaltung der jüdischen Gemeinschaft.

Gute Verbindungen zur Politik sind sein Kapital

Hätte Graumann, der viel vom früheren Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis gelernt hat, damals im Streit um die Unterstützungsgelder des Bundes und der Ländern nicht so geschickt zwischen den neuen religiös-liberalen Gemeinden und den etablierten, den Zentralrat dominierenden orthodoxen Gemeinden vermittelt, gäbe es jetzt womöglich zwei Zentralräte.

Dass die jüdische Gemeinschaft mit ihren gerade einmal etwas mehr als 100 000 Mitgliedern sich demographisch stabilisiert hat, verdankt sie nicht zuletzt den Verhandlungsfähigkeiten Graumanns. Er hat in langwierigen Gesprächen mit den Innenministern erreicht, dass der seit 2005 von der Politik verfügte faktische Zuzugsstopp für Juden aus der ehemaligen Sowjetunion im Sommer 2006 wieder aufgehoben wurde.

Die Zuwanderer, dies predigt er bis heute nicht nur den alteingesessenen Gemeinden, sondern auch der nichtjüdischen Gesellschaft, seien keine Belastung, vielmehr ein großer Gewinn. Graumann ist es damals sogar gelungen, den in Einwanderungsfragen angeblich so hartleibigen Günther Beckstein (CSU), zu jener Zeit bayerischer Innenminister, als Verbündeten zu gewinnen. Seine guten Verbindungen zur Politik sind ein Kapital, das ihm als Zentralratspräsidenten nur nützen kann.

Bei öffentlichen Auftritten unterläuft Graumann selten ein Lapsus. Er ist ein glänzender Redner, der Aussagen gerne einmal polemisch zuspitzt. Graumann spricht ohne Manuskript, doch bereitet er seine Reden sorgfältig vor und prägt sich die Sätze ins Gedächtnis ein. Zu Beginn seiner Karriere ist er zuweilen etwas schnell der Versuchung unterlegen, im Stile Michel Friedmans auf der Klaviatur der Empörung zu spielen, wenn eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens wieder einmal eine unglückliche Formulierung über Juden oder einen unseligen Holocaust-Vergleich gewählt hatte.

„Phantasie statt Rituale“

Mittlerweile agiert Graumann nach der Devise: „Phantasie statt Rituale.“ Er tritt dafür ein, dass der Zentralrat – und überhaupt die ganze jüdische Gemeinschaft hierzulande – aus der Rolle des Moralwächters heraustritt, die „Dauer-Mecker-Ecke“ verlässt und die Opferrolle aufgibt. Graumann sieht die durch Zuzug gewachsene deutsche Judenschaft zu einer lebendigen Gemeinschaft heranwachsen und spricht fast visionär von einem „pluralen neuen deutschen Judentum“, dessen Fixpunkt nicht mehr der Holocaust ist. Juden, lautet seine Mahnung, seien nicht nur Opfer, und nicht einmal in erster Linie Opfer, sondern Träger einer besonderen Religion, Tradition, Kultur und Gedankenwelt.

Bei aller gewünschten Vielfalt im Judentum ist eines für Graumann nicht verhandelbar: deren politische Einheit. Er warnt vor stärker werdenden zentrifugalen Kräften, welche die deutschen Juden auseinandertreiben könnten. Die jüdische Gemeinschaft sei auf der einen Seite größer geworden, auf der anderen aber auch viel heterogener, argumentiert Graumann. Nur wenn die Verantwortlichen das Gemeinsame hüteten und pflegten, könne das deutsche Judentum weiter politisch mit einer Stimme sprechen.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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