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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Zentralrat der Juden Eine Frage des Protokolls

29.01.2009 ·  Der Boykott der Gedenkveranstaltung im Bundestag durch den Zentralrat der Juden schlägt immer höhere Wellen. Nun wird Bundestagspräsident Lammert der „glatten Lüge“ bezichtigt.

Von Florentine Fritzen
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Salomon Korn gibt zu, dass seine Institution manchmal auch übersensibel ist. „Aber lieber einmal zu viel als einmal zu wenig etwas gesagt“ – da ist sich der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sicher. Dabei findet Korn es anstrengend, immer der lästige Mahner sein zu müssen. „Das wird von der Öffentlichkeit oft nicht so wahrgenommen, dass wir ständig damit konfrontiert sind, mahnen zu müssen, und dass das manches Mal auch ermüdend ist.“

Manche meinen, der Zentralrat habe aus Anlass des Holocaust-Gedenktages am Dienstag einmal zu viel etwas gesagt: Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch werde diesmal nicht zur Gedenkstunde in den Bundestag kommen, weil der Bundestagspräsident sie und ihre Vorgänger nie persönlich begrüßt habe – obwohl sie allesamt Überlebende des Holocausts seien oder gewesen seien. Der da sprach, war der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. Charlotte Knobloch selbst sagte da noch nichts. Sie war am Dienstag – mit Kramer – in Israel, auf der Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses, wo die 400 Delegierten sie als Vizepräsidentin bestätigten

„Wir saßen immer nur in der zweiten oder dritten Reihe“

Am Mittwoch sagte Frau Knobloch dann der „Badischen Zeitung“: „Wir waren (im Bundestag) immer Gäste in der zweiten oder dritten Reihe, in der ersten Reihe haben wir nie gesessen.“ Man habe sich darüber schon in den Vorjahren beklagt, sagte Frau Knobloch. „In keinem Jahr wurde die Anwesenheit der Vertreter des Zentralrats und der Überlebenden auch nur erwähnt.“

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) erinnerte sich dagegen am Mittwoch im WDR, Knoblochs Vorgänger immer begrüßt zu haben. Zumindest für 2005 gibt ihm das Protokoll des Bundestags recht. Damals saß Paul Spiegel auf der Ehrentribüne.

„Es geht nicht um persönliche Eitelkeit“

In den Nachrichten über das Fehlen des Zentralrats auf der Ehrentribüne des Bundestags vermischte sich unterdessen der Vorwurf, die Zentralratsvertreter seien nie persönlich begrüßt worden, auf seltsame Weise mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Kramer beklagte nämlich in der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ auch eine „fortschreitend um sich greifende Feindschaft gegen Juden, mehr und mehr auch in der Mitte der Gesellschaft“.

Korn bemüht sich dagegen, die allgemeine Antisemitismuswarnung und den Vorwurf gegen den Bundestag zu trennen. „Die Zentralratspräsidenten waren und sind authentische Zeitzeugen des Holocausts. Darüber hinaus vertreten sie die Institution, die ihrerseits die Gemeinschaft der Opfer des Wahnsinns des Holocausts vertritt.“ Korn sagt: „Es geht nicht darum, persönliche Eitelkeiten zu befriedigen.“ Im Zusammenhang mit dem Vorfall im Bundestag gebe es aber „keinen Anlass, auch nur im entferntesten Antisemitismus in die Debatte zu bringen“. Korn sagt zudem: „Mir wäre lieber gewesen, es wäre nicht in diesen möglicherweise missverständlichen Zusammenhang gestellt worden.“ Auch Dieter Graumann, wie Korn Vizepräsident des Zentralrats, warnte am Mittwoch im ZDF davor, die Sache zu „überfrachten“, „hochzuspielen“, zu „dramatisieren“.

„Etwas mehr Sensibilität“

Korn sagt aber auch, angesichts eines dreister gewordenen Antisemitismus in Deutschland sei die Empfindlichkeit jüdischer Vertreter gestiegen. „Der als feinfühlig bekannte Bundestagspräsident Lammert hätte protokollarisch etwas mehr Sensibilität zeigen können.“ Möglicherweise führte diese höhere Empfindlichkeit dazu, dass der Zentralrat ausgerechnet in diesem Jahr zum Mittel des Boykotts griff.

Korn sagt, der Zentralrat habe über die Jahre immer wieder versucht, „diese Frage mit dem Protokoll des Bundestages zu regeln“. Im Bundestag heißt es dagegen: „Hier ist dazu nichts Schriftliches auffindbar, und an mündliche Beschwerden kann sich auch niemand erinnern.“

Was 2009 angeht, sagt Kramer, über den Boykott-Plan habe man das Protokoll mehrere Tage zuvor telefonisch informiert, der Bundestag habe sich aber geweigert, etwas am Protokoll zu ändern. Im Bundestag heißt es: „Am Freitag kam die endgültige Absage.“ Darüber sei auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) informiert worden. Die öffentlichen Vorwürfe des Zentralrats habe er aber erst kurzfristig der Presse entnommen. Das will wiederum Kramer so nicht stehen lassen. Er bezichtigte Lammert deshalb der „glatten Lüge“.

Wurde Charlotte Knobloch gedrängt?

Korn und offenbar auch Graumann erfuhren erst von der Entscheidung, nachdem Kramer und Knobloch sie getroffen hatten. „Ich wurde davon unterrichtet“, sagt Korn. „Wenn die Präsidentin des Zentralrats diesen Weg gewählt hat, wird sie vermutlich schon wissen, warum.“ Kenner des Zentralrats vermuten, dass der Boykott nicht die Idee von Charlotte Knobloch war, die sich zudem gut mit Angela Merkel verstehe. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Kramer Charlotte gedrängt hat“, sagt einer, der sich auskennt.

Korn sagt dazu nichts. Aber er spricht von einer Generationenfrage: „Da ich kein Zeitzeuge bin, habe ich vielleicht nicht denselben Zugang wie Frau Knobloch. Ich handle rationaler, kühler. Zeitzeugen haben verständlicherweise eine eigene Sensibilität.“ Die Zeitzeugin Charlotte Knobloch ist Jahrgang 1932. Korn kam im späten Kriegsjahr 1943, Graumann im Nachkriegsjahr 1950 zur Welt. Der kämpferische Kramer ist Jahrgang 1968.

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