http://www.faz.net/-gpf-7yncl

Attacke auf Zeitungsleser : Meine zerrissene Mohammed-Karikatur

  • Aktualisiert am

Die Ausgabe der F.A.Z. vom Donnerstag Bild: F.A.Z.

Ein Redakteur der Frankfurter Neuen Presse wird in der Straßenbahn attackiert, weil er die F.A.Z. liest. Auf dem Titelblatt war die Mohammed-Karikatur von Charlie Hebdo zu sehen. Ein Erlebnisbericht.

          Ich hatte gerade einen Kommentar geschrieben. Der Tenor: Integrationswillige Muslime gehören zu Deutschland, nicht aber der Islamismus. Dann machte ich Feierabend und setzte mich mit der druckfrischen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), die in unserem Verlagshaus schon abends vorliegt, in die Straßenbahn der Linie 21.

          Ich war froh, einen freien Doppelsitz gefunden zu haben und schlug die Zeitung auf. Sekundenbruchteile später stürzte jemand von hinten auf mich zu und versuchte, mir die Zeitung aus der Hand zu reißen. Ich hielt fest, aber das Titelblatt war zerfetzt.

          Das war das, was der Angreifer offenkundig wollte: Auf dem Titel der gestrigen FAZ ist eine Französin mit der neuen „Charlie-Hebdo“-Ausgabe zu sehen. Der Mann (um die 30, Bart, weiße Kappe), rief mit lauter hektischer Stimme: „Solche Bilder sind eine Beleidigung des Propheten.“ Das dürfe man nicht zeigen.

          Als ich merkte, dass er zwar erregt war, aber mir anscheinend keine Messerattacke drohte, gelang es mir sogar, ihn, wie ja immer empfohlen, in einen – wenn auch hitzigen – Dialog zu verwickeln. Schnell stelle sich heraus, dass er a) gut deutsch sprach und b) offenbar ein geschulter Prediger war.

          Ich sagte, dass ich mir ungern in einer Demokratie das Zeitunglesen verbieten ließe und das gezeigte Bild keine Provokation, sondern eher Dokumentation sei und bei uns übrigens Meinungsfreiheit herrsche. Er entgegnete, Meinungsfreiheit decke keine Beleidigung, das widerspreche auch dem Grundgesetz – was ich bezweifelte. Zumindest sei das alles komplizierter, als er denke, weil Satire schon einiges dürfe.

          Dann sagte er, aber unsere Demokratie sei sowieso verlogen und nichts wert. Ich daraufhin, politisch etwas unkorrekt, warum er dann das Land nicht verlasse und nach Marokko gehe (er hatte kurz zuvor mal fallen lassen, er sei aus Marokko). Er daraufhin: „Da war ich noch nie.“

          Mir wurde klar, wie viele der hier geborenen Muslime gar keine echte Heimat haben. Vielleicht träumen sie deshalb vom Kalifat.

          Die Debatte ging weiter. „Würden Sie auch akzeptieren, wenn jemand Ihre Mutter beleidigt?“ Das musste kommen, dachte ich und sagte ihm, erstens sei meine Mutter gestorben, zweitens könne eine Beleidigung von irgendjemanden ihr sowieso nichts anhaben. Und außerdem müsse das Christentum in islamischen Ländern auch viele Beleidigungen aushalten.

          Für mich seien alle Religionen gleich viel wert, es gebe aus meiner Sicht keine absolute Wahrheit. Darauf fragte er mich nach der Weihnachtsgeschichte, um anzumerken, dass in der Bibel vieles nicht stimme.

          Ich hielt dagegen, jeder Buchstabe und jedes Detail stimme sicher bei der Mohammed-Geschichte auch nicht, was ihn erneut wütend machte. Am Bahnhof musste er aussteigen und sagte noch: „Passen Sie auf, dass Ihnen nicht das Gleiche wie in Paris passiert.“

          Keine Reaktion von anderen Fahrgästen

          Das Ganze hatte kaum länger als fünf Minuten gedauert. Ich dachte danach, dass ein junger entwurzelter Muslim für einen solch offenkundig geschulten Hassprediger sicher leichte Beute wäre. Von den anderen Fahrgästen in der Bahn, übrigens ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund, gab es keinerlei Reaktion.

          Ein Kollege hat mich gefragt: „Hattest du Angst?“ Ich muss gestehen: Die Begegnung empfand ich sehr wohl als bedrohlich – sicher auch unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse in Paris.

          Darf das sein, dass man in diesem Land angegriffen wird, weil man in der Straßenbahn eine Zeitung liest?, frage ich mich. Hätten die übrigen Fahrgäste mir geholfen, wenn ich auch körperlich attackiert worden wäre?

          Quelle: FAZ.NET/ds

          Weitere Themen

          Die Sondierungsgespräche gehen in die Verlängerung Video-Seite öffnen

          Jamaika-Sondierungen : Die Sondierungsgespräche gehen in die Verlängerung

          Die Parteivorsitzenden von CDU, CSU, FDP und Grünen verhandeln abermals über eine Jamaika-Koalition. Die Frist bis Sonntagabend zu einem Ergebnis zu kommen, konnte nicht eingehalten werden. Nun sind die Parteichefs zu einer Schlussrunde zusammengekommen.

          Argentinisches U-Boot bleibt vermisst Video-Seite öffnen

          Argentinien : Argentinisches U-Boot bleibt vermisst

          Ein Marine-U-Boot mit 44 Besatzungsmitgliedern wird seit vergangenem Mittwoch vermisst. Der Kontakt zu dem Schiff sei abgerissen, sagte ein Marine-Sprecher letzten Freitag. Ein Kontaktversuch via Satellit ist misslungen. Nun hat das amerikanische Militär Hilfe angeboten.

          Topmeldungen

          Sondierung gescheitert : Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab

          Die Verhandlungen von CDU, CSU, FDP und Grünen über ein Jamaika-Bündnis sind gescheitert. Die Liberalen ziehen sich aus den Gesprächen zurück. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagt FDP-Chef Christian Lindner.
          Flüchtlingskrise: Gabriel besucht das Lager Kutupalong, in dem aus Burma vertriebene Rohingya leben.

          Gabriel in Bangladesch : Der Albtraum von Kutupalong

          Sigmar Gabriel besucht ein Lager der Rohingya im Süden von Bangladesch. Die Bedingungen hier sind katastrophal, doch es werden noch mehr Flüchtlinge erwartet.
          Vorzeitiger Abschied: Thomas Ebeling verlässt Pro Sieben Sat.1

          Pro Sieben Sat.1 : Vorzeitiger Abschied von den Fetten und Armen

          Der langjährige Pro-Sieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling verlässt im Februar 2018 vorzeitig den Medienkonzern. Zuletzt hatte er mit abschätzigen Bemerkungen über die Zuschauer der eigenen Sender Kritik auf sich gezogen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.