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Veröffentlicht: 19.10.2015, 23:20 Uhr

Zehntausende Anhänger Pegida spaltet Dresden

Ganze drei Stunden dauert die Kundgebung zum Pegida-Jahrestag. Als Bachmann noch redet, verschwinden einige Hooligans - und bewerfen Polizisten mit Steinen und Flaschen.

von , Dresden
© dpa Angespannt: Am Montagabend herrschte in Dresden der Ausnahmezustand

Familiengeburtstage können lang und öde sein, und dieses Gefühl stellte sich am Montagabend auch bei tausenden Pegida-Demonstranten ein, die bereits mehr als zwei Stunden in der Kälte gestanden hatten: Sie traten in Scharen den Rückzug an, als der als „hocherfolgreicher und weltberühmter Schriftsteller“ angekündigte Autor Akif Pirincci den Tiefpunkt des Abends setzte. Aber da war noch längst nicht Schluss. Pegida-Chef Lutz Bachmann dehnte die Kundgebung unter dem Motto „Ein Jahr Pegida“ am Ende auf über drei Stunden aus. „Wäre ja auch schade, wenn wir die Technik nur 30 Minuten lang nutzen würden“, hatte er gleich am Anfang erklärt.

Stefan Locke Folgen:

Im Gegensatz zu dem Kleintransporter, auf dessen Ladefläche Bachmann sonst spricht, hatte Pegida diesmal eine professionelle Bühne nebst mobilem Bildschirm errichten lassen. Zwischen 15.000 und 20.000 Menschen waren nach Schätzung der Studentengruppe „Durchgezählt“, auf den Theaterplatz zum Pegida-Jahrestag gekommen. Der mit Hilfe einer Drohne ermittelte Wert gilt als einigermaßen zuverlässig; die Polizei dagegen gibt bereits seit Monaten keine Teilnehmerzahlen mehr heraus.

© AP, reuters Tausende Pegida-Anhänger in Dresden

Pegida-Organisator will Innenminister wegen Hetze anzeigen

Insgesamt 15.000 Menschen hatten sich den Angaben zufolge zu mehreren Gegendemonstrationen versammelt, die in einem Sternmarsch unter dem Motto „Es reicht! Herz statt Hetze“ in Richtung Innenstadt liefen. Dresden, das wurde damit abermals deutlich, ist tief gespalten. Pegida-Chef Lutz Bachmann gab sich in seiner kurzen Ansprache deutlich moderater als an den vergangenen Montagen und erklärte, Pegida sei gekommen, um zu bleiben und um zu siegen. Zudem kündigte er unter großem Jubel an, Bundesinnenminister Thomas de Maizière „wegen purer, eiskalt kalkulierter Hetze“ anzuzeigen. De Maizière hatte zuvor die Pegida-Organisatoren als „harte Rechtsextremisten“ und „Rattenfänger“ bezeichnet. Bachmann erklärte, sich keiner Schuld bewusst zu sein und „nur die Wahrheit deutlich auszusprechen“. In den Wochen zuvor hatte er unter anderem Politiker als „Volksverräter“ sowie Asylbewerber als „Verbrecher und Invasoren“ bezeichnet.

People gather for an anti-immigration demonstration organised by PEGIDA in Dresden © Reuters Vergrößern

Seine Anhänger reagierten mit den bekannten Schlachtrufen „Merkel muss weg“, „Widerstand“ und „Lügenpresse“. Im weiteren Verlauf präsentierte Bachmann „internationale Gastredner“, darunter einen Parlamentsabgeordneten aus der Tschechischen Republik, einen Vertreter der italienischen „Lega Nord“ sowie Redner aus Polen und den Niederlanden. Während der Reden, die sich aufgrund der Übersetzungen in die Länge zogen, drangen immer wieder Musik und Sprechchöre der Teilnehmer des Sternmarsches herüber auf den Theaterplatz zur Pegida-Kundgebung, darunter auch von der Protestgruppe „Gepida“, was für „Genervte Einwohner protestierten gegen die Intoleranz Dresdner Außenseiter“ steht.

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Sachsens stellvertretender Ministerpräsident und SPD-Vorsitzender Martin Dulig sagte auf einer Kundgebung, die Dresdner würden sich ihre Stadt zurückerobern. Bei Pegida hatte inzwischen abermals Lutz Bachmann das Wort ergriffen, er rühmte Deutschland als „das Land der Dichter und Denker“, berief sich auf Benz, Einstein, Dürer, Bach und Beethoven und erklärte, dass er diese Kultur „bewahren und verteidigen“ wolle.

Die Verteidigungslinie skizzierte sodann der als Stargast angekündigte Akif Pirincci, der Deutschlands Politiker als „Gauleiter gegen das eigene Volk“, das heutige Deutschland als „Scheißstaat“ [...] bezeichnete sowie von „Moslemfritzen mit Talibanbart“, sprach, „die mit der deutschen Kultur soviel gemein hätten wie mein Arschloch mit Parfümherstellung“. An dieser Stelle begannen Pegida-Teilnehmer, die Veranstaltung zu verlassen, unter ihnen abermals zahlreiche Hooligans, die sich während des Abzugs Scharmützel mit der Polizei lieferten und unter anderem Steine und Flaschen waren; die Polizei brachte die Lage jedoch unter Kontrolle.

- © AFP Vergrößern Pegida-Unterstützer am Abend vor Beginn ihrer Demonstration

Bereits im Vorfeld der Demonstration war es zu mehreren Übergriffen vor allem gewaltbereiter Antifa-Demonstranten gekommen, die immer wieder Absperrungen durchbrachen, Barrikaden errichten wollten und sich Lauf-Wettbewerbe mit Polizisten durch das Zentrum lieferten. Dabei wurde laut Polizei ein Pegida-Demonstrant zusammengeschlagen und schwer verletzt. Die Polizei, die mit 2000 Beamten aus sechs Bundesländern im Einsatz war, rief unterdessen auch via Twitter und Facebook mehrfach zu Besonnenheit und Gewaltlosigkeit auf.

Quelle: wahlrecht.de
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