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Wulffs Woche Mit dem zweiten Blick

28.01.2012 ·  Christian Wulff bewegt sich dieser Tage in zwei Welten. Die eine ist die Welt des Bundespräsidenten, die andere ist die Welt der Vorwürfe. Manchmal geraten beide ganz ungewollt durcheinander.

Von Stephan Löwenstein und Eckart Lohse
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Der Gong ertönt, der den Bundestagspräsidenten ankündigt, und wie immer erheben sich alle von den Abgeordnetenplätzen, Regierungs- und Bundesratsbänken und auf den Zuschauertribünen. Doch diesmal eilt Norbert Lammert nicht zu seinem Pult, um die Sitzung zu eröffnen, sondern er führt behutsam einen Greis zum Plenum hinunter, wo bereits drei Stühle für die Ehrengäste bereitstehen. Marcel Reich-Ranicki wird die Rede an diesem Tag halten, an dem der Bundestag der Menschen gedenkt, die in der Herrschaft des Nationalsozialismus ermordet wurden. Hinter ihm schreiten nebeneinander Angela Merkel und Christian Wulff, die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident, sowie Andreas Vosskuhle und Horst Seehofer, die Präsidenten von Bundesverfassungsgericht und Bundesrat; zwei Saaldiener führen die Prozession an. Die höchsten Repräsentanten des deutschen Staates, die Köpfe seiner Verfassungsorgane sind beieinander, um einer Geschichtsstunde beizuwohnen, die wohl keinen, der zusieht, unberührt lässt.

Reich-Ranicki erzählt vom 22. Juli 1942, als er im Judenrat des Warschauer Gettos den Befehl zu protokollieren hatte, der die Menschen im Getto in die Vernichtung führen sollte. Er erzählt alle Einzelheiten, den Walzer von einem Grammophon, der zum Fenster hereinklang, die vulgäre Sprache in österreichischer Färbung des SS-Offiziers Höfele, das Klicken der Fotoapparate der umstehenden SS-Leute, das Klappern der Schreibmaschine - und seine damaligen Gedanken an seine Tosia, die er noch am selben Tag heiratete, um sie von der sofortigen Vernichtung zu bewahren. „Ward je in dieser Laun’ ein Weib gefreit?“ Die an jenem Tag dekretierte „Umsiedlung“ der Juden aus Warschau, „sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.“ Es ist still im Deutschen Bundestag.

Die Welt des Bundespräsidenten

Der Bundespräsident spricht heute nicht. Es hat sich eingebürgert, seit dieser Gedenktag eingeführt wurde, dass die deutschen Staatsorgane nicht reden, sondern zuhören. Wulff geleitet, gemeinsam mit dem Verfassungsgerichtspräsidenten, den Berliner, den Warschauer Überlebenden, den großen deutschen Literaturkritiker an seinen Rednerplatz. Ansonsten ist er einfach da. Wulff tut heute das Übliche nicht obwohl, sondern indem er schweigt. Er geht seinen Aufgaben nach in seiner Welt, der Welt des Bundespräsidenten.

Parallel dazu gibt es eine andere Welt, die Welt derer, die ihn kritisieren für seine Privatangelegenheiten, die unablässig fragen, wie diese Privatangelegenheiten seine verschiedenen öffentlichen Ämter berührt haben; in kleinen Dingen und in etwas größeren Dingen. Diese Welt scheint in diesem Moment sehr fern. Wulff sucht seine Welt zunehmend von dieser anderen Welt abzukoppeln. Die Besonderheiten des Amtes des Bundespräsidenten helfen ihm dabei.

Andere Politiker veranstalten laufend Pressekonferenzen, in denen sie neueste Initiativen vorstellen, in denen sie aber auch unsteuerbare Fragen gewärtigen müssen. Der Bundespräsident gibt eigentlich keine Pressekonferenz. Ein Minister hat einen Sprecher, der dreimal in der Woche in der Bundespressekonferenz Rede und Antwort stehen muss. Wulff hat einen Rechtsanwalt, der nach seinen Privatangelegenheiten zu fragen ist. Ein Parteipolitiker geht in Vorstands- und Fraktionssitzungen, wo er darauf angesprochen werden könnte. Der Bundespräsident ist kein Parteipolitiker, seine Parteimitgliedschaft ruht. Ein Abgeordneter geht ins Parlament, wenigstens wenn „sein“ Thema dran ist oder wenn namentlich abgestimmt wird, er hält dort seine Reden, geht anschließend durch die Lobby. Der Bundespräsident sitzt in keinem Parlament mehr, es sei denn bei einem Anlass wie am Freitag auf einem Extrastuhl vor der ersten Reihe.

Eine beinahe ganz normale Woche

Die Woche, die Wulff hinter sich gebracht hat, war eine beinahe ganz normale Woche eines Bundespräsidenten. Es gab öffentliche Auftritte: Am Freitag stumm im Bundestag; am Donnerstag mit einer Ansprache auf einer Juristenveranstaltung in Goslar; am Dienstag zu Ehren des Preußenkönigs Friedrich II. Es gab nichtöffentliche Treffen und Besprechungen. Nur am Anfang der Woche stand ein Termin, an dem sich die beiden parallelen Welten einmal berührten; aber sanft.

Sonntagvormittag um elf. Christian Wulff sitzt auf der spärlich dekorierten Theaterbühne des „Berliner Ensembles“. Am Vorabend wurde hier Büchners „Danton“ gegeben. „Jeder muss in seiner Art genießen können, jedoch so, dass keiner auf Unkosten eines andern genießen oder ihn in seinem eigentümlichen Genuss stören darf“, lautete das liberale Credo des Hérault. Jetzt sitzt Josef Joffe, einer der Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, dem Bundespräsidenten gegenüber und drückt es so aus: „Der Papagei ist bunt, aber das Entscheidende am Papagei ist das Papageiische.“ Und Christian Wulff ergänzt: „Dass er fliegen kann, dass er leben kann, dass er nicht gerade Schaden anrichtet.“

Die Matinee ist vor einem halben Jahr verabredet worden, es sollte um das gehen, was „typisch deutsch“ sei und wie das nach Europa passe. Wirklich wird auch über das deutsche Wesen gesprochen, ein Wesen mit einer gebrochenen Biographie wie der des preußischen Friedrich, wie Wulff bemerkt. Um hinzuzufügen, dass es doch wohl an der Zeit sei, öfter mal an die glücklichen Seiten nach dem Bruch zu erinnern, an den Wiederaufbau, die friedliche Wiedervereinigung. (Freilich, die Erinnerung an den Bruch steht schon fünf Tage später wieder auf der Tagesordnung.) Auch um die bereichernden Aspekte der Einwanderung nach Deutschland geht es. Das ist der Moment, in dem der bunte Papagei ins Spiel kommt.

Einbruch aus der Parallelwelt

Aber es geht doch auch mehr oder weniger konkret um Christian Wulff und die Vorwürfe gegen ihn, die draußen (und drinnen von vereinzelten Zwischenrufern) erhoben werden. Mit ausgiebigen Zitaten und historischen Exkursen besonders zu dem dreihundertjährigen Friedrich kommt der Moderator dem Versprechen nach, kein „Tribunal“ aus der Matinee zu machen. Es kommt aber doch auch Wulff zu Wort. Er spricht von den Vorzügen des Wahlamts gegenüber der Erbmonarchie, weil man zwar sich einiger Mühsal unterziehen müsse, um gewählt zu werden, aber dann doch das Glück genieße zu wissen, dass man gewählt worden ist. Er spricht vom Mittelalter, um sich als Opfer einer Hexenjagd hinzustellen. Er spricht von der Unschuldsvermutung, die auch für seinen einstigen Pressesprecher gelten müsse. Gegen den ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines Anfangsverdachts der Bestechlichkeit.

Zugleich zieht Wulff eine klare Trennlinie zwischen sich und den Sprecher a.D.: Gegen ihn, Wulff, würden bislang keine Vorwürfe erhoben. Er habe nur „Fehler“ gemacht, und für die habe er sich bereits „entschuldigt“. Was aber die neuesten Meldungen betrifft über Verquickungen seiner einstigen Niedersächsischen Landesregierung mit einem Veranstaltungsmanager, über die er im Landtag damals falsche Aussagen getroffen haben soll, wie sich jetzt herausgestellt hat: Davon habe er auch jetzt erst erfahren, und er finde es gut, dass sich der Staatsgerichtshof damit wahrscheinlich befassen werde.

Warum er angesichts der fortdauernden Anwürfe nicht eine gelehrte Rede halte, gespickt mit Zitaten, und dann erkläre: „Ihr könnt mich alle mal“, will Joffe in diesmal wilhelminischer Anspielung von ihm wissen, und Wulff antwortet überraschend, das wäre ihm zu „banal“. Er zeichnet das Bild von sich als Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, der sich so leicht nicht wegboxen lässt. Ein Mann aus dem Volk will er sein, wenn er gegen die Vergleiche mit einigen seiner Vorgänger, die nun über ihn publiziert werden, ins Feld führt: „Die Bundespräsidenten, die nie Fehler machen, die nie straucheln und nie aufstehen müssen, die sind vielleicht viel weiter weg.“ Im öffentlich-rechtlichen Dokumentationskanal Phoenix, in dem die Matinee übertragen wird, läuft derweil ein Textbanner mit aktuellen Nachrichten. Der niedersächsische Grünen-Politiker Wenzel fordert „weitere Aufklärung“ von Wulff, distanziert sich aber von seinem Vorwurf, der Bundespräsident sei ein „Lügner“. Ein Einbruch aus der Parallelwelt.

Unverständnis über Wulffs Auftritt

Dort leben auch Abgeordnete der CDU, die die Stimmung von ihrer Basis mitbringen, wenn sie aus dem Wochenende wieder nach Berlin kommen. In der niedersächsischen Union sieht man mit weniger Vorfreude einem Verfahren entgegen, in dem das Auskunftsverhalten der Landesregierung hin- und hergewendet wird. Und auch bei den Baden-Württembergern ist Unverständnis über diesen Auftritt Wulffs laut geworden. Abgeordnete, die nicht der ersten Reihe angehören, wagen es, sich halblaut Gedanken zu machen, wen man fragen könnte, wenn doch noch vorzeitig ein Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gefunden werden müsste.

Norbert Lammert beispielsweise sei ein sehr guter Bundestagspräsident, lautet ein solcher Gedanke, der allerdings die Fortsetzung findet, dass man ihn vielleicht gerade deshalb auf diesem Posten behalten müsste. Klaus Töpfer andererseits wäre auch eine respektable Persönlichkeit, die auch in anderen Parteien einen guten Namen habe, nicht nur bei den Grünen, sondern auch in der SPD. Und auch auf der anderen Seite des Parlamentrundes macht man sich Gedanken. Der Vorschlag von Grünen und Roten, Joachim Gauck statt Wulff zum Präsidenten zu wählen, war sehr ernst gemeint gewesen. Man erwartet jetzt im Falle eines Falles, dass wirklich ein gemeinsamer Kandidat aufgestellt würde. Zugleich weiß man, dass es wenig Sinn ergäbe, jetzt laut einen Rücktritt Wulffs zu fordern, wenn Wulff dazu doch nicht gezwungen werden kann.

In Wulffs Welt geht es um Projekte für die Zukunft, und zwar um Projekte des Bundespräsidenten Wulff. Am 23. Februar, dem Tag nach Aschermittwoch, lädt der Bundespräsident gemeinsam mit den anderen Verfassungsorganen die Opfer rechtsextremistischer Gewalt sowie die Angehörigen der Ermordeten zu einer Gedenkveranstaltung ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin ein. „Diese Veranstaltung soll ein Signal des Zusammenhalts in der Gesellschaft und ein Zeichen gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen“, heißt es. Ein solcher Termin will sorgfältig vorbereitet sein. Der Präsident spricht mit Leuten, die sich mit der Problematik rechtsextremer Gewalt auskennen. Auch Auslandsreisen stehen auf dem Februarprogramm.

Drei Überschriften mit Leben erfüllen

In Helsinki treffen sich die Staatsoberhäupter jener Länder der Europäischen Union, die nichtexekutive Präsidenten haben. Man spricht hinter verschlossenen Türen, es gibt kein Kommuniqé. Dann in Rom ein Staatsbesuch mit allen Umständen. Eine Rede an der Universität Mailand, natürlich wird es um Europa gehen müssen. Im Mai wird es nach Südamerika gehen sowie Costa Rica. Christian Wulff will seine Präsidentschaft nach fünf Jahren bewertet sehen. Dann sollen drei Überschriften mit Leben erfüllt worden sein, „Zusammenhalt“, „Zukunft der Demokratie“, „Mut zum Wandel“. Das erste Stichwort hat Wulff bisher kräftig bedient, das letzte soll das Thema für 2012 sein. Der Terminplan jedenfalls sei gefüllt mit Gesprächen, die nicht in der Öffentlichkeit stattfänden, heißt es aus Schloss Bellevue. Wie immer.

Im Fernsehen beschäftigen sich fast alle Talkshows mit ihm, manche zum dritten, vierten Mal in fünf Wochen. Bei Jauch heißt es vor fünf Millionen Zuschauern: „In aller Freundschaft - Wie viel ‚wulffen‘ ist in Ordnung?“ Zwei Wochen zuvor hatte Jauch, den eine Mehrheit der Deutschen spontan zum Bundespräsidenten wählen würde, noch gefragt: „Der Problem-Präsident - wie glaubwürdig ist Christian Wulff?“ Auf dem anderen Staatskanal lässt Frau Illner über „die verwulffte Republik“ diskutieren. Ihre vorhergehende Sendung hieß „Wulff, Euro und FDP - kann die Kanzlerin einfach so weiterregieren?“ Die Woche davor hatte sie vor drei Millionen Zuschauern unter der Überschrift „Affäre Wulff - Vorhang zu und viele Fragen offen“ diskutieren lassen. Bei Frau Will darf Richard von Weizsäcker sphinxhafte Äußerungen tun. Frau Maischberger fragte letzte Woche: „Ein Wulff im Schafspelz?“ Bei Beckmann geht es mit Senta Berger um Wulff, vorher waren bei ihm schon der Sänger Kunze (ein Freund Wulffs), Björn Engholm und die Bunte-Chefin Riekel. Bei Lanz spricht der „Altliberale“ Baum, und der Transvestit Olivia Jones darf erklären, „wie die Geschehnisse um den Bundespräsidenten Wulff auf ihn wirken“.

Es ist der Dienstagmittag, kurz vor 14 Uhr, als der Bundespräsident den großen Saal des Konzerthauses an der Seite von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit betritt. Es gab Zeiten, da hätte der gemeinsame Gang der beiden von der hintersten bis zur vordersten Stuhlreihe Gelegenheit zu politischen Phantasiespielen gegeben. Werden sie dereinst gegeneinander antreten im Ringen um das Kanzleramt? Doch das ist vorbei, jedenfalls im Falle Wulffs, vermutlich im Falle Wowereits. Sie kommen gemessenen Schrittes, um Friedrich den Großen zu ehren, dessen imposantes Denkmal nicht weit entfernt auf der Straße Unter den Linden steht und der am Dienstag 300 Jahre alt wird.

„Der Preis der Herrschaft ist Einsamkeit“

Bevor er sich setzt, geht Wulff zu Richard von Weizsäcker, jenem Mann, der das Amt von Wulff ebenso kennt wie das von Wowereit. Die Begrüßung ist kurz. Wulff nimmt Platz, rechts von ihm sitzt Wowereit, links der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck. Wulff, in dunklem Anzug und weißem Hemd, sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen fast unbewegt, während zu Beginn der Veranstaltung ein kurzer Film über Friedrich den Großen gezeigt wird. „In meiner Stadt soll alles seine gute Ordnung haben, da kenne ich kein Pardon“, wird der Alte Fritz zitiert. Und natürlich auch mit dem unvermeidlichen Ausspruch, dass jeder „nach seiner Fasson“ selig werden möge. Schließlich, als zum Ende des Films auch über das Ende des Wirkens Friedrichs räsoniert wird: „Der Preis der Herrschaft ist Einsamkeit.“

Als Erster tritt Wowereit ans Mikrofon. Auf Weizsäcker kommt er zu sprechen, der vor dreißig Jahren als Regierender Bürgermeister Berlins eine vielbeachtete Preußen-Ausstellung eröffnet habe. In seiner damaligen Rede habe er aus einer Umfrage unter Schülern zitiert, die hatten sagen sollen, wer denn der „Alte Fritz“ gewesen sei. „Ich glaube, er hat die Schule erfunden“, sei ein Mädchen zitiert worden. Und ein Knabe: „Sein Vater wollte ihn töten. Da ist er nach Amerika gegangen und ist dort sehr reich geworden.“ Leichte Heiterkeit im vollbesetzten Saal. Auch Platzeck hat dann etwas parat, das Heiterkeit erzeugt. Er berichtet von schwäbischen Bauern, welche die Nachricht vom Tode Friedrichs des Großen erhalten und gestöhnt hätten: „Oh je, wer soll denn jetzt die Welt regieren?“ Darauf Platzeck: „So viel Achtung brachte man damals noch den Politikern entgegen.“ Wer will, kann jetzt an Wulff denken.

Die Staatskapelle Berlin spielt aus der Oper „Montezuma“ von Carl Heinrich Graun „mit einem Libretto von Friedrich II., König von Preußen“. Dann ist der Bundespräsident an der Reihe, steigt die fünf mit rotem Teppich bedeckten Stufen zum Podium empor, geht vorbei an den Musikern zum hellgrauen Rednerpult, vor dem Blumen arrangiert sind. Der Präsident spricht natürlich nicht über sich, sondern über den König: „Was sein Image betraf, kannte der Herrscher kein Pardon. Es war Friedrich II. alles andere als gleichgültig, welches Bild sich die Nachwelt von ihm machen würde.“ Von den Kriegen Friedrichs berichtet Wulff, von der preußischen Justizreform und von Plänen zur Trockenlegung des Oderbruchs. Dann lobt der Redner die „tolerante Zuwanderungspolitik“ des Preußen, in dessen Reich sich alle hätten niederlassen dürfen, ob sie Hugenotten, Katholiken oder Muslime gewesen seien. Unausgesprochen schwingt da der Gedanke mit, Friedrich II. sei der frühe Wegbereiter des Wulffschen Credos, dass der Islam zu Deutschland gehöre.

Ein zweiter Blick

Die Zuhörer im gut gefüllten Konzerthaus müssen nicht, können aber während Wulffs Rede ab und zu an die aktuelle Debatte über den Präsidenten denken. Etwa bei der Ermahnung Wulffs, bei der Bewertung Friedrichs auch mal die Perspektive zu wechseln: „Die Welt von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten, kann sehr lehrreich sein, auch für den Blick auf uns selbst, wenn es uns gelingt, die eigenen Überzeugungen - vermeintliche Gewissheiten - in Frage zu stellen.“ Es lohne sich ein „zweiter Blick“ auf Friedrichs Bild. „Eine solche Haltung wünsche ich uns allen.“ Der Präsident verlässt die Bühne und begibt sich zu seinem Platz. Über das bis dahin fast unbewegte Gesicht huscht ein Lächeln.

Goslar ist ein schmuckes Städtchen mit Fachwerkhäusern und Winkelgassen, gekrönt von einer staufischen Kaiserpfalz. Dorthin bittet am Donnerstag zum 50. Mal ein gemeinnütziger Verein zum Verkehrsgerichtstag. Zum ersten Mal seit Karl Carstens hat sich der Bundespräsident zur Einführungsrede angesagt. In herrlicher Wintersonne steht das staufisch-salisch-preußische Gemäuer über der Stadt, zwischen bronzenen Reiterstatuen von „Wilhelm dem Großen“ und Friedrich Barbarossa baut sich berittene Polizei auf. Der Saal ist bei weitem zu klein für die 1800 Teilnehmer plus eines ungekannten Medienansturms.

In seinem Element

Herauf braust die Wagenkolonne des Präsidenten, er wird begrüßt durch Honoratioren von Verein, Stadt und Region. „Na, gut eingelebt?“, begrüßt Wulff den jungen Mann mit der Amtskette des Oberbürgermeisters von Goslar - Oliver Junk, aus Bayreuth stammend und daher der CSU, nicht der CDU angehörend, ist erst letzten September an die Stadtspitze gewählt worden. Wulff ist in seinem Element, natürlich kennt er die Umstände, unter denen zuvor der sozialdemokratische Vorgänger in der Heimatstadt des SPD-Vorsitzenden abgewählt worden war. Das Begrüßungskomitee lobt das „Kaiserwetter“, das der Präsident mitgebracht hat.

Der Bundespräsident spricht über das innige Verhältnis der Deutschen zu ihrem Auto, „Segen und Fluch“, „Freiheit und Risiko“. Er rekapituliert die Themen der letzten fünfzig Jahre, Rausch am Steuer, Schaden und Versicherung, Gurtpflicht und Umweltschutz. „Sie haben Leben gerettet!“, lobt er die Verkehrsjuristen für ihre Initiativen. Die sind’s zufrieden. Eine gute Rede habe sich der Präsident aufschreiben lassen, sympathisch sei er „rübergekommen“, lautet der Tenor.

Das Wandgemälde hinter dem Rednerpodest zeigt Kaiser Wilhelm I. zu Ross mit moderierender Geste im Kreise der Protagonisten der Einigung des Reiches. Es reiht sich ein in andere Bilder der deutschen Kaisergeschichte aus borussischer Sicht. Heinrich IV. hat eine kleine, farblose Vignette erhalten. Zwar kam der Salier wohl aus Goslar, doch galt sein Canossagang in wilhelminischer Zeit als Schmach, trägt Dagmar Mönnecke-Koroma vor, die im Auftrag der Stadtverwaltung die Ikonographie des Saales erläutert. „Dabei war das doch ganz clever. Er hat drei Tage gebüßt, dann war er wieder in Amt und Würden.“ Auch im Investiturstreit lagen zwei Welten im Gegensatz, die geistliche und die der königlichen Macht.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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