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Wulffs Hausbank "Nur in Härtefällen"

14.01.2012 ·  Bei der BW-Bank gibt es Kunden wie Christian Wulff, und es gibt solche wie Jutta. Auch sie nahm dort einen Immobilienkredit auf. Und lernte die weniger zuvorkommende Seite der Bank kennen.

Von Michael Ohnewald
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In der Mitte der Gesellschaft, da, wo Jutta ist, wird einem nichts geschenkt. Sie weiß das, seit ihr Mann Frank gestorben ist. Im März 2010 erlag er nach langem Kampf mit 47 dem Krebs. Das Leben hatte ihre Pläne ungültig gestempelt. Sie stand allein mit der zwölf Jahre alten Tochter und den Schulden, die auf ihrer Eigentumswohnung lasteten.

Eigentlich hatte sie geglaubt, dass diese leidige Sache mit dem Kredit in ihr zur Ruhe gekommen wäre. Die Wohnung ist inzwischen abgezahlt. Jutta hätte es fast verdrängt. Bis sie in der Zeitung von Bundespräsident Christian Wulff las, mit dem eine wie sie nicht viel verbindet außer ein Hauskredit beim gleichen Institut.

Die Baden-Württembergische Bank. "Bei unserer Beratung stehen Sie als Kunde immer im Mittelpunkt", heißt es auf der Website. "Gemeinsam entwickeln wir ein ganz auf Ihre persönlichen Wünsche und Ziele abgestimmtes Lösungskonzept." Das mag für Bundespräsidenten gelten, für einfache Verkäuferinnen wie Jutta gilt das wohl eher nicht. "Ich hätte mir damals in meiner Lage auch eine zuvorkommende Behandlung gewünscht", sagt sie.

Manchmal trifft es unerwartet die Arglosen. Arglose wie Jutta und ihre Familie, die an eine Zukunft glaubten und jeden Monat pünktlich ihre Raten für das schwäbische Bürgerwohnglück überwiesen. Das Darlehen hatten sie im Oktober 1998 für ihre Eigentumswohnung in Bietigheim bei der BW-Bank aufgenommen. Sie zahlten 4,77 Prozent Zinsen wie die Müllers und die Maiers und die Schulzes auch.

Frank war bei der Berufsfeuerwehr, Jutta kümmerte sich zu Hause um die Tochter und arbeitete nebenbei als Verkäuferin, um die Haushaltskasse aufzubessern. Irgendwann im Jahr 2007 spürte Frank eine Entzündung im Mund, die nicht heilte. Er ging zum Zahnarzt. Als es nicht besser wurde, suchte er einen Kieferorthopäden auf. Im Frühjahr 2008 kam die Diagnose: Zungenkrebs. Frank unterzog sich Chemotherapien und Bestrahlungen. Der Feuerwehrmann kämpfte, war über Monate krankgeschrieben.

Im Oktober 2008 lief die Zinsbindung für den Wohnungskredit aus. Jutta vereinbarte einen Termin mit einem Kundenbetreuer der BW-Bank, den sie allerdings wieder absagen musste, weil es ihrem Mann schlechtging. Irgendwann saß sie allein vor dem Banker, um über die Zinskonditionen für den neuen Vertrag zu verhandeln. "Der Berater wusste, dass mein Mann schwerkrank war", sagt sie. Die Bank bestreitet das.

Je mehr Geld, desto durstiger wird man

Für Arthur Schopenhauer, den deutschen Philosophen, gleicht Geld dem Seewasser. Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Der Durst einer Bank hängt für gewöhnlich vom Kapitalmarkt ab, von den gebotenen Sicherheiten und, wie man jetzt weiß, auch davon, ob man gerade Bundespräsident ist oder nicht. Im Fall von Jutta dauerte es jedenfalls bis zum Abschluss des Geldgeschäfts deutlich länger. Im Januar 2009 unterzeichneten sie und ihr Mann ihren neuen Vertrag über ein Darlehen, dessen Zinsen bei einer Laufzeit bis 2018 auf 4,88 Prozent festgeschrieben wurden und sich damit in ganz anderen Kategorien bewegten als die Wulffschen Zinskonditionen von 0,9 bis 2,1 Prozent.

"Es war der Bank damals bekannt, dass mein Mann nur noch eine begrenzte Lebenserwartung hatte", sagt Jutta. "Er konnte an diesem Tag zwar die Unterschrift leisten, eine Unterhaltung mit ihm war aber nur noch eingeschränkt möglich." Ein Jahr später starb Frank an den Folgen seiner Krankheit. Zur Trauer über den Verlust des Partners kamen für die Hinterbliebenen finanzielle Sorgen. Jutta hatte durch ihren Nebenjob nur bescheidene Einkünfte. Für die Wohnung waren noch mehr als 100.000 Euro offen. Die Raten mussten bezahlt, die Kosten für die Beisetzung aufgebracht werden. Das Konto wurde überzogen, bis die abgeschlossene Risikolebensversicherung insgesamt 123.000 Euro überwies. Mit dem Geld wollte die Witwe möglichst schnell das Darlehen ablösen, um durch die monatlichen Raten nicht länger belastet zu sein.

Es gibt Banken, die kulant sind

Es gibt Banken, die in solchen Fällen kulant sind. Um die Ecke von Juttas Wohnung ist so eine Bank. Dort steht im Werbeprospekt zur Baufinanzierung: "Garantierte Rückzahlungsmöglichkeit ohne Berechnung von Bearbeitungsgebühren und keine Vorfälligkeitsentschädigung bei Tod eines Familienmitglieds." Doch Jutta hatte ihre Immobilie nicht dort finanziert, sondern über die BW-Bank, die in solchen Fällen anders verfährt und auf das sogenante Aufhebungsentgelt besteht. Zumindest rechtlich ist das nicht zu beanstanden.

Wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes lag ein Schreiben der BW-Bank in ihrem Briefkasten. "Sehr geehrte Frau . . ., bei obigem Darlehen sind die Zinsen bis zum 31. 10. 2018 festgeschrieben. Bei einer vorzeitigen Vertragsauflösung zum 30. 6. 2010 würde Stand heute ein Aufhebungsentgelt von 9491, 36 Euro anfallen."

Fast 10.000 Euro sollte sie also zahlen fürs Auflösen des Darlehens. Das ist viel Geld für jemand, der keines hat. Mit Hilfe eines pensionierten Finanzfachmanns aus der Nachbarschaft setzte sich Jutta schriftlich zur Wehr. Die Baden-Württembergische Bank sah in ihrem Fall jedoch keinen Spielraum, wie das Vorstandssekretariat der Witwe am 9. Juli 2010 mitteilte: "Das Aufhebungsentgelt entspricht dem Zinsschaden der durch die vorzeitige Kreditablösung entsteht, da die Bank den Kreditbetrag entsprechend der vereinbarten Laufzeit am Kapitalmarkt refinanziert hat." Und: "Wir können daher Ihrem Wunsch leider nicht nachkommen, Ihr Darlehen ohne das angegebene Aufhebungsentgelt abzulösen."

Die BW-Bank schlug schließlich einen Kompromiss vor

Die 44 Jahre alte Bietigheimerin ließ sich nicht unterkriegen und drohte mit dem Gang zur Presse. Nach einem weiteren Schriftwechsel schlug die BW-Bank schließlich einen Kompromiss vor und schrieb ihr: "Wir haben entgegenkommenderweise auf einen Teilbetrag des Aufhebungsentgelts in Höhe von 3315, 34 Euro verzichtet."

Gemeinsam mit dem Finanzfachmann führte Jutta daraufhin ein klärendes Gespräch mit ihrer Bank. Wie sich herausstellte, hätte die Risikolebensversicherung für das Darlehen, die aufgelaufenen Kosten und das verlangte Aufhebungsentgelt inzwischen gar nicht mehr ausgereicht. Es blieb eine Restschuld von 3000 Euro. Dafür schlug die BW-Bank bei der Unterredung nach übereinstimmenden Aussagen von Jutta und ihrem Beistand einen privaten Kleinkredit mit einem Zinssatz von mehr als neun Prozent vor. Darauf verzichtete sie gern.

Am Ende ging Jutta auf den vorgeschlagenen Kompromiss ihrer Bank ein. Sie zahlte 6000 statt der ursprünglich verlangten 9491 Euro für die Auflösung des Darlehens und ordnete ihr Leben neu. Fast wäre es ihr gelungen, die Sache zu verarbeiten. Als die Umstände des Wulffschen Kredits bekannt wurden, kam die Geschichte in ihr wieder hoch. "Ich will niemandem an den Karren fahren", sagt sie. "Aber da sieht man mal, wie kulant eine Bank sein kann. Dabei hatte es Herr Wulff gar nicht nötig."

Angefragte Reduzierungen nur in Härtefällen

Die BW-Bank bestätigt, dass sie das Aufhebungsentgelt für die Witwe am Ende um 30 Prozent reduziert hat. Das sei jedoch nicht die Regel. "Grundsätzlich gilt, dass wir angefragte Reduzierungen einer Vorfälligkeitsentschädigung nur in Härtefällen überprüfen", sagt Manfred Rube, Leiter des Vorstandssekretariats, der auch die Briefe an Jutta unterzeichnet hatte.

Unterdessen gehen wegen der Kreditvergabe an Bundespräsident Christian Wulff immer mehr Anzeigen bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ein. Mehr als ein Dutzend Beschwerden lägen der Behörde vor, sagt eine Sprecherin. Der Vorwurf lautet auf Untreue. Zur Beurteilung der Frage, ob Wulffs günstige Zinskonditionen der Tochter der öffentlich-rechtlichen LBBW-Bank einen Schaden verursacht hätten, müssen die Strafverfolger voraussichtlich den Rat von Sachverständigen einholen. Die BW-Bank habe der Staatsanwaltschaft Stuttgart mittlerweile umfangreiche Unterlagen zu Wulffs Kredit geschickt.

Jutta verfolgt den Fall weiter aus der Ferne. Die Witwe ist froh, dass sie mit ihrer Bank nicht mehr ringen muss um Geld und um Würde. "Ich kam mir damals so hilflos vor", sagt sie. "Als kleine Frau ist man denen völlig ausgeliefert."

Zur Trauer über den Verlust des Partners kamen finanzielle Sorgen. Fast 10 000 Euro sollte sie zahlen fürs Auflösen des Darlehens.

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