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Wulffs Erklärung Formalitäten und andere Irritationen

22.12.2011 ·  Nach zehn Tagen mit ständig neuen Enthüllungen erklärt sich nun Wulff. Er glaubt, sich mit einer Entschuldigung retten zu können - und mit der Entlassung eines Vertrauten.

Von Majid Sattar, Berlin
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© Daniel Pilar 22. Juni 2010: Bundespräsidentenkandidat Wulff und sein Sprecher Glaeseker auf dem Weg zu einem Gespräch – nicht über einen Kredit – in Hannover.

Vier Minuten dauert der Auftritt des Bundespräsidenten am Donnerstagnachmittag im Großen Saal von Schloss Bellevue. Vier Minuten, gegen die sich Christian Wulff zehn Tage lang gewehrt hat, in denen er dachte, er könne es bei zögerlich herausgegebenen schriftlichen Stellungnahmen belassen, obwohl auch aus dem Kanzleramt bei allem öffentlich bekundeten Vertrauen die dringende Bitte an ihn gerichtet worden war, er möge sich erklären.

Nun bekundet Wulff, er habe „das Bedürfnis“, sich zu den Vorwürfen gegen ihn zu äußern. „Alle Auskünfte sind erteilt worden“, sagt er zunächst, 250 Einzelanfragen habe er beantwortet, viele davon hätten sein Privatleben betroffen. Doch dann fügt er hinzu: Ihm sei klargeworden, wie irritierend die Umstände seines privaten Hauskredits in der Öffentlichkeit gewirkt hätten. Er hätte den Privatkredit Anfang 2010 vor dem Landtag in Hannover offenlegen sollen: „Das war nicht geradlinig, und das tut mir leid.“ Er habe aber niemandem einen „unberechtigten Vorteil“ gewährt. Gemeint ist der Unternehmer und langjährige Freund Egon Geerkens, dessen Frau der Familie Wulff (zumindest formal) den Kredit für das Eigenheim gewährt hat. Er werde das Amt aber auch in Zukunft gewissenhaft ausfüllen, fügt er an und zerstreut damit letzte Zweifel, er könne anderthalb Jahre nach dem Rücktritt seines Vorgängers Horst Köhler ebenfalls hinschmeißen. Zumindest nicht an diesem Donnerstag.

Zu einer Personalveränderung im Schloss Bellevue kommt es dennoch. Wulff sagt, was das Präsidialamt eine Stunde zuvor schon bekanntgegeben hatte: Olaf Glaeseker, der Sprecher des Präsidenten, sei von Staatssekretär Lothar Hagebölling von seinen dienstlichen Aufgaben entbunden worden. Es tue ihm leid, sagt Wulff nun, dass er sich von Glaeseker habe „trennen müssen“. Er habe ihm viel zu verdanken und wünsche ihm „alles erdenklich Gute“. Warum er sich von ihm trennen zu müssen glaubte, sagt er nicht.

Wulff-Anwalt Lehr übernahm die Sprecherrolle

Bis zum frühen Donnerstagnachmittag hatte es nach Tagen immer neuer Enthüllungen über die Umstände des Kredits, Ferienaufenthalte in Anwesen befreundeter Unternehmer und die Finanzierung einer Anzeigenkampagne für einen Gesprächsband mit Wulff durch den Unternehmer Carsten Maschmeyer so ausgesehen, als suche der Bundespräsident im Schatten der vorweihnachtlichen Politikpause die Sache auszusitzen, zumal die erste Reihe der schwarz-gelben Koalition das Vertrauensvotum der Kanzlerin als Signal deutete, jegliche Schüsse gegen das Staatsoberhaupt zu unterlassen.

Doch gab es bereits am späten Dienstagabend erste Anzeichen für ein Zerwürfnis zwischen Wulff und seinem langjährigen Vertrauten Olaf Glaeseker. Zu diesem Zeitpunkt übernahm nämlich faktisch Wulffs privater Anwalt Gernot Lehr die Sprecherrolle. Während Glaeseker nur noch im sogenannten Hintergrund mit Journalisten sprach, teilte der Bonner Rechtsanwalt mit, Wulff habe – anders als bislang angegeben – auch mit dem Unternehmer und Freund Egon Geerkens über die Modalitäten des Kredits gesprochen. Die Stellungnahme war nötig, weil Geerkens selbst schon erklärt hatte, mit Wulff über den Kredit verhandelt zu haben, obwohl dieser im Februar 2010 im niedersächsischen Landtag ausgesagt hatte, keine geschäftliche Beziehung zu Geerkens zu unterhalten.

Video: Wulff zeigt Reue und will im Amt bleiben

Das Eingeständnis hatte am Mittwoch den Druck auf den Präsidenten erhöht. Doch dieser schwieg beharrlich. Und auch sein Sprecher sagte öffentlich nichts. „Tue es!“, wurde Wulff von vielen Seiten geraten, „erkläre dich noch vor Weihnachten“. Eine erste Chance ließ er am Mittwoch, bei der Aufzeichnung der weihnachtlichen Fernsehansprache des Bundespräsidenten, aus. Hinweise gab es, dass Glaeseker über die defensive Kommunikationsstrategie seines Chefs unglücklich war, zumal er selbst über den Umstand, dass es überhaupt einen Kredit der Familie Geerkens an den dem damaligen Ministerpräsidenten gab, überrascht schien. Sollte Wulff wirklich je gedacht haben, in der öffentlichen Darstellung sauber zwischen einem Privatkredit und geschäftlichen Beziehungen unterscheiden zu können, Glaeseker hätte es ihm vor einer Aussage im Landtag ausreden müssen. Sollte sein Sprecher indes seinerzeit informiert gewesen sein, wäre auch seine Weste befleckt – und ein Wechsel des 50 Jahre alten früheren Journalisten nach einem Auszug Wulffs aus dem Schloss Bellevue zurück ins Berufsleben keine leichte Angelegenheit.

Bat Glaeseker selbst um Entlassung?

Glaeseker war nie nur Sprecher des früheren Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten, er war sein engster Berater. 1999 gab der gebürtige Oldenburger seinen Korrespondentenjob in Bonn auf und wechselte an die Seite des CDU-Oppositionsführers im niedersächsischen Landtag. Das war nicht ohne Risiko, damals hing Wulff, der in Landtagswahlen zweimal gegen Gerhard Schröder unterlegen war, noch das Image des ewigen Verlierers an. Die Rechnung sollte aber aufgehen: 2003 zogen beide in die Staatskanzlei in Hannover. Glaeseker verstand es, den Landespolitiker in Berlin stets im Gespräch zu halten. Und Wulff vertraute auf seinen Sprecher, weihte ihn stets als ersten in seine Pläne und Gedankenspiele ein: Als der Ministerpräsident 2007 etwa den CDU-Landesvorsitz an David McAllister abtrat, waren über diesen Schritt neben dem heutigen Ministerpräsidenten nur Angela Merkel und Glaeseker informiert.

Glaeseker war es auch, der 2006 den Plan ausheckte, wie mit Wulffs Scheidung von dessen erster Ehefrau umzugehen sei. Er wandte sich diskret an die „Bild“-Zeitung. Das Ergebnis war eine Exklusivgeschichte mit einem Wulff-freundlichen Tenor: „Wir gehen im Guten auseinander.“ Und: „Ja, in meinem Leben gibt es seit kurzem eine neue Frau. Bettina Körner aus Hannover.“ Dass der Anlass für das Zerwürfnis zwischen Wulff und Glaeseker nun eine Affäre ist, welche die „Bild“-Zeitung aufdeckte, birgt insofern eine besondere Ironie. Der Springer-Verlag und insbesondere das Boulevardblatt pflegten lange Zeit eine gute Beziehung zur Staatskanzlei in Hannover: Der junge Ministerpräsident, der oft mit seinem Ehrgeiz kokettierte, dereinst Angela Merkel zu folgen (zu dieser Koketterie zählte auch ein Interview, in dem er behauptete, er traue sich dieses Amt nicht zu) und die noch jüngere und hübsche Bettina – das bot stets Stoff für schöne Geschichten und noch schönere Bilder. Dabei lässt sich rückblickend auch sagen, dass die Probleme Wulffs im Umgang mit befreundeten Unternehmern nach der teuren Scheidung und dem nun mit Bettina geführten Lebensstil wenn nicht angefangen, so doch zugenommen haben.

Nun kursieren Hinweise, Glaeseker habe selbst um seine Entlassung gebeten. Im Zuge der Berichterstattung über die Affäre habe sich abgezeichnet, dass sich die Erörterung auch auf das Privatleben Glaesekers ausweiten würde. Auch zum Schutz seiner Familie sei Glaeseker nicht bereit gewesen, eine solche öffentliche Erörterung seines Privatlebens hinzunehmen. Soll diese Erklärung das Zerwürfnis Glaesekers mit Wulff überdecken? Oder sah der Bundespräsident über seine Erklärung vom Donnerstag hinaus Handlungsbedarf: Glaeseker als Bauernopfer für den Boulevard? In den vergangenen Tagen war Glaeseker nämlich nachgesagt worden, er setze der Presse den Floh ins Ohr, gewisse Journalisten rächten sich mit der Skandalisierung der Kreditaffäre dafür, dass Wulff diesen besondere publizistische Wünsche ausgeschlagen habe. Am Ende muss Glaeseker zu dem Ergebnis gekommen sein, dass zumindest er Wulff gegen die Vorwürfe, die nun bekannten und mögliche neue, nicht mehr verteidigen kann. Wulff selbst, so heißt es in seiner Umgebung, glaubt, dies weiterhin zu können.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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