Wenige Tage nachdem Bundespräsident Christian Wulff seine von vielen mit Spannung erwartete, von den meisten mit weit weniger Spannung verfolgte und inzwischen schon reichlich zerpflückte Rede zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung gehalten hatte, ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach Berlin gekommen. Eines Fußballspiels, also keiner großen Sache wegen, aber immerhin. Erstens spielte am Freitag die deutsche gegen die türkische Nationalmannschaft. Zweitens ging es um die Qualifikation für die Europameisterschaft (an der die Türkei trotz des geographisch gesehen nur kleinen europäischen Teils ihres Staatsgebiets) selbstverständlich teilnimmt. Drittens spielt der Fußball in der deutschen wie der türkischen Gesellschaft eine große Rolle. Für manchen ist er wichtiger als sein Glaube oder auch nur seine Religionszugehörigkeit.
Doch der Fußball ist das geringere Problem im Zusammenwirken der Türken und der Deutschen. Da ist denn doch die Religionszugehörigkeit oder der Glaube wichtiger. Vor diesem Hintergrund war es schon ein interessanter Zeitpunkt, zu dem Erdogan nach Deutschland kam. Kurz zuvor, am vorigen Sonntag, hatte Bundespräsident Wulff schließlich die Sätze gesagt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Wenn schon die SPD in der Person von Deutschlands berühmtestem Bezirksbürgermeister, dem Berlin-Neuköllner Heinz Buschkowsky, der Ansicht ist, das entspreche nicht der deutschen Geschichte, und die kritischen Stimmen in der CDU, noch mehr in der CSU, immer lauter werden, so muss doch allemal Erdogan die Verneigung Wulffs vor dem Islam verstehen als eine späte Antwort auf seine, Erdogans, Worte vom Februar 2008. Damals war er ebenfalls in Deutschland zu Gast und hielt eine Rede in Köln, die großes Aufsehen erregte. Erdogan richtete sich an die in Deutschland lebenden Türken, also die mit Abstand größte muslimische Gruppe im Land. Ihnen rief er damals zu, Assimilation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.
Erdogans kämpferisches Verhältnis zum Islam
Schwerer kann ein Vorwurf kaum wiegen. Wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ hat Deutschland in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf dem Balkan gar einen Krieg geführt. Nun spricht manches dafür, dass Erdogan seine Landsleute mit diesen Worten nicht auffordern wollte, jede Bemühung um Integration in die Gesellschaft, die sie nährt, zu beenden. Er warb sogar dafür, sie sollten die deutsche Sprache erlernen. Vermutlich waren seine harten Worte als Aufforderung an seine Zuhörer gedacht, nicht zu vergessen, dass sie türkische Wurzeln haben, und also die Interessen der Türkei auch in Deutschland nicht aus den Augen verlieren dürften. Vor allem war das auf die in Deutschland so umstrittene Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union gerichtet. Doch andererseits ist es unstrittig, dass Formulierungen wie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ all diejenigen in Deutschland lebenden Türken, die ohnehin nichts von Integration und Anpassung halten, ermuntern müssen, bei ihrer Renitenz zu bleiben.
Auch Christian Wulff hat nicht explizit die Bedeutung des Islams für Deutschland und seine Gesellschaft auf eine Stufe mit der des Christentums gestellt. Aber seine Äußerungen waren, wie schon so oft in seiner kurzen Zeit als Bundespräsident, mindestens missverständlich. Da seine Rede zum 3. Oktober gründlich vorbereitet war, darf man unterstellen, dass er ganz bewusst keine deutliche Abstufung zwischen Christentum und Islam vorgenommen hat.
Erdogan und Wulff sind, was ihre Persönlichkeiten und ihre politischen Inhalte angeht, geradezu Sinnbilder des Umgangs mit dem Islam durch viele Türken und viele Deutsche. Der 1954 als Sohn armer Zuwanderer aus Rize am Schwarzen Meer in Istanbul geborene Erdogan wurde in einem ärmlichen Viertel der dröhnenden Millionenmetropole groß. Er ist eine strenggläubige Kämpfernatur und hatte vor allem in seiner Jugend auch ein kämpferisches Verhältnis zum Islam. Mit 18 trat er der rechtsgerichteten islamischen Nationalen Heilspartei (MSP) bei. Nach dem Militärputsch 1980 wurde sie verboten mit dem Argument, ihr islamischer Fundamentalismus verstoße gegen den laizistischen Charakter der türkischen Verfassung.
Wulffs Ziel: die Buntheit Deutschlands
Doch das war nur das erste Tal in der an Tiefen und Höhen reichen politischen Laufbahn Erdogans. Stets zeichnete sein politisches Engagement ein mindestens sehr selbstbewusstes, oft auch aggressives Eintreten für die Durchsetzung islamischer Werte in der auf ihren Laizismus bedachten Türkei aus. Als er 1994 Bürgermeister von Istanbul wurde, kündigte er die Einführung eigener Badestrände für Frauen und geschlechtergetrennter Schulbusse an. Immer legt er großen Wert darauf, dass seine Frau in der Öffentlichkeit mit Kopftuch auftritt. Als er in einer Rede einige Verse des türkischen Dichters Ziya Gökalp („Die Minarette sind unsere Bajonette, die Moscheen sind unsere Kasernen“) zitierte, brachte ihn das sogar für einige Monate ins Gefängnis. Aus diesem entlassen, mäßigte er seinen Ton und distanzierte sich sogar vom Begriff des „politischen Islams“. Religionsausübung sei eine persönliche Angelegenheit, sagte er fortan. Gemessen daran, dass in der Türkei auch der Laizismus bisweilen militante Züge hat, schon weil das Militär über ihn wacht, ist Erdogans Eintreten für den Islam in seinem eigenen Land anders zu beurteilen als in Deutschland. Erdogan wurde immer beliebter, je mehr er und seine AKP auch für gemäßigt islamische Schichten wählbar wurden, und er kämpfte sich so ganz nach oben. Als Ministerpräsident ist er der starke Mann der Türkei.
Christian Wulff, 1959 geboren, trat in einem ähnlichen Alter wie Erdogan ebenfalls einer konfessionell geprägten Partei, der Christlich Demokratischen Union, bei. Mit 19 war er schon Bundesvorsitzender der Schüler-Union, hatte also einen der für diese Altersklasse höchsten Funktionärsposten. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass das „C“ im Namen der Partei, mit der er groß wurde, für ihn auch nur annähernd die Bedeutung hat, die der Islam für Erdogan besitzt. Christian Wulff kämpfte sich durch eine nicht gerade leichte Kindheit und brachte im Lauf seiner Karriere als Berufspolitiker anschließend die Geduld auf, dreimal Anlauf zu nehmen, bis er Ministerpräsident von Niedersachsen wurde. Mehrfach beteuerte er in Interviews, mehr wolle er nicht, das Amt des Bundeskanzlers traue er sich gar nicht zu. Über das des Bundespräsidenten hat er erst öffentlich geredet, als er es überraschend wurde.
Erst in jüngerer Zeit kristallisiert sich für eine breitere Öffentlichkeit heraus, welches er zu seinem Thema auserkoren hat. Das geschah noch in der Endphase seiner Zeit als Ministerpräsident. Als erster deutscher Regierungschef berief er eine Muslimin als Ministerin in seine Landesregierung. Das wurde als großer Coup gefeiert. Der nächste Schritt war die Antrittsrede als Bundespräsident, in der er die Buntheit Deutschlands zu seinem Ziel erklärte. Schließlich jetzt, am 3. Oktober, abermals eine Verneigung vor den Muslimen, deren weniger integrationswilliger Teil das als Bestätigung empfinden kann, sich nicht mehr allzu sehr anstrengen zu müssen, weil man ja schließlich schon angekommen ist. Wulff, der Christ, kämpft für den Islam. Ganz so wie Erdogan.
Liebe FAZ-Journalisten,
Carolina Bauer (Marieluise)
- 10.10.2010, 17:46 Uhr
Bunte Kopftücher haben sie ja,
Frank Badenstein (Badenstein)
- 10.10.2010, 18:10 Uhr
Warum
claus bronner (kritiker111)
- 10.10.2010, 18:12 Uhr
Buntheit und Recht und Freiheit
Karl Meier (KarlMeier)
- 10.10.2010, 18:34 Uhr
Die Reformen (Säkularisierung etc.) Kemal Atatürks
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 10.10.2010, 18:37 Uhr