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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Würdigung Helmut Kohls Unter dem Joch historischer Größe

 ·  Mit der Herausgabe einer Briefmarke zu Ehren Helmut Kohls geht für die CDU eine Feierwoche zu Ende, die historische Wunden nicht geheilt hat, aber aktuelle Probleme in milderem Licht erscheinen ließ.

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Eine der Hinterlassenschaften Theo Waigels ist es, die Zuständigkeit für die Ausgaben von Briefmarken in das Bundesfinanzministerium geholt zu haben. Ende 1997 war das, als das alte Bundespostministerium aufgelöst wurde und als der CSU-Vorsitzende Waigel zugleich Bundesfinanzminister war. Es soll damals auch andere Interessenten im Bundeskabinett gegeben haben – doch Waigel setzte sich durch. Mithin kam es nun Wolfgang Schäuble zu, einen Text zur Herausgabe eines Helmut-Kohl-Postwertzeichens zu verfassen. „Helmut Kohl – Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas“ wird auf der Briefmarke stehen, und die CDU-verwandte Diktion hat ihren Ausgangspunkt wohl in dem Umstand, dass die Junge Union und die Senioren-Union vor nun gut zwei Jahren erstmals eine solche Sonderbriefmarke gefordert haben. Schäuble hatte eine schriftliche Würdigung zu verantworten. Kohl habe schon 1998 den Titel „Ehrenbürger Europas“ erhalten, heißt es in dem Text. „Durch seine Weitsicht und Entschlossenheit bei der Gestaltung der deutschen Einheit ist Helmut Kohl zugleich zum ,Kanzler der Einheit‘ geworden“, heißt es weiter.

Zum Ende der CDU-Gedenktage ist nun im Beisein Kohls die Marke auf einer Ehrenkonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums öffentlich vorgestellt worden. Die Teilnehmer hatten dabei den Vorzug, eine Erstausgabe des Postwertzeichens zu erhalten – vordatiert auf den 11. Oktober 2012, an dem die Briefmarke in die Postämter kommt. Doch nicht Schäuble, sondern Angela Merkel, zweifache Nachfolgerin Helmut Kohls als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, hat sie gemeinsam mit dem Geehrten präsentiert. „Von Professor Coordt von Mannstein stammt der gelungene Entwurf der Briefmarke. Er hat es verstanden, die Persönlichkeit Helmut Kohls auf kleinstem Format zur Geltung zu bringen“, hat Frau Merkel gesagt. Ein Kreis hat sich geschlossen. Die Werbeagentur von Mannsteins war ehedem maßgeblich an der Gestaltung der Wahlkämpfe Helmut Kohls beteiligt.

Schäuble war, immerhin, bei der Veranstaltung zu Ehren Kohls dabei. Am Dienstag noch, als Kohl in seiner „Familie“, der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu Gast war, hatte sich Schäuble in Angelegenheiten des Euros in Helsinki aufgehalten. Und seine bleibende Distanz zu seinem ehemaligen Chef zeigte sich auch ein zweites Mal. Kohl und Schäuble, beide an den Rollstuhl gebunden, begegneten einander nicht. Als Kohl kam, war Schäuble noch nicht da, und noch während des Schlussapplauses zum Ende des zwei Stunden langen Jubiläums-Reden-Marathons verließ der Finanzminister den Ort des Geschehens. Eine Begegnung war nicht geplant, nicht vorgesehen, nicht gewünscht.

Und doch war es, wie sich erweisen sollte, nicht nur ein Treffen zu Ehren Kohls, der, das verstand sich, bei der Ehrung Schäubles zu dessen 70. Geburtstag tags zuvor im Deutschen Theater nicht dabei gewesen war. Hans-Gert Pöttering, der ehemalige Präsident des Europäischen Parlamentes und jetzige Vorsitzende der Adenauer-Stiftung, der seinen Reden in überaus gesetzter Form historische Bedeutung zu verleihen versucht, erwähnte Schäuble bei der Begrüßung der Ehrengäste. Alle waren mit freundlichem Beifall bedacht worden. Bei Schäuble schwoll das Klatschen zum Orkan an. In der „gesamten Amtszeit“ Kohl, führte Pöttering aus, habe Schäuble hohe Aufgaben im Staate versehen. Wollte heißen: An Kohls Erfolg hatte Schäuble maßgeblichen Anteil. „Wir freuen uns, dass sie hier sind.“ Abermals Beifall für Schäuble. Worte und Gesten der Versöhnung aber blieben aus. Seit Kohls Spendenaffäre, über die dann auch Schäuble stürzte, haben die beiden einander nichts mehr zu sagen. Nie wurde das so deutlich wie in dieser Woche, in der Kohl womöglich zum letzten Mal mit einer größeren Zahl von Weggenossen zusammentraf. „Ich weiß nicht, was der liebe Gott mit mir vorhat“, hatte Kohl mit brüchiger Stimme gesagt.

Kohl hatte an diesem Abend einiges zu ertragen. Es sprach Pöttering. Dann hätte Karl Kardinal Lehmann, ein auch persönlicher Freund Kohls folgen sollen. Doch Lehmann war am Knie operiert worden, weshalb sein Text vom – im Kreise der Anwesenden überaus jugendlich wirkenden – Prälaten Karl Jüsten, dem Vertreter der katholischen Bischöfe beim Bund, vorgetragen wurde. Es war eine vergleichsweise wissenschaftliche Ausführung über christliche Moral und Schulpolitik und Gesellschaftspolitik („Rahmenrichtlinien“), die vor allem die sechziger und siebziger und frühen achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Blick hatte, und bei der in den Augen der geneigten Zuhörer umso mehr Fragezeichen auftauchten, je länger Jüsten vorlas. Sodann sprach an Stelle des ebenfalls erkrankten Jacques Delors dessen Nachfolger an der Spitze der Europäischen Kommission, Romano Prodi: „Helmut Kohl hat Träume in Realität umgesetzt: die deutsche Vereinigung und die Unumkehrbarkeit des europäischen Projekts.“ Auch Würdigungen der Botschafter der Vereinigten Staaten und Russlands sowie, per Videobotschaften, solche ehemaliger ausländischer Staatsführer hatte es gegeben.

Die Verwerfungen wirken fort

Alte Freunde Kohls, solche zumal, denen Kohl ehedem geholfen hatte, hatten kritische Anmerkungen über diese Berliner Tage parat. Hin und wieder, immer dann, wenn es gerade hilfreich sei, werde der Altkanzler hervorgeholt, wohinter auch die Auffassung stand, eigentlich würden Kohl und seine Leistungen nicht gewürdigt, sondern instrumentalisiert. Die Verwerfungen aus der Zeit der Spendenaffäre, als sich Angela Merkel (damals CDU-Generalsekretärin) von Kohl distanzierte, und dieser dann den Titel „CDU-Ehrenvorsitzender“ niederlegte, wirken fort. An diesem Donnerstagabend nun erwähnte Frau Merkel diesen Teil der politischen Vergangenheit nicht, wie sie es auch bei der Würdigung Schäubles nicht getan hatte. Doch mag man ein verstecktes Zeichen darin sehen, dass Frau Merkel am vergangenen Mittwoch in ihrer Rede auf Schäuble Kohl nicht namentlich erwähnte, hingegen bei der Rede auf Kohl den Namen Schäubles bei der Schilderung der Vereinigung Deutschlands unterbrachte: „Der Einigungsvertrag – wir haben auch gestern bei der Geburtstagsfeier von Wolfgang Schäuble daran erinnert – regelte zahlreiche weitere innerstaatliche Belange.“

Fast hatte es den Anschein, als habe Frau Merkel an diesem Abend zu Ehren Kohls in den Argumente-Kasten zur Erklärung ihrer eigenen Regierungspolitik greifen lassen. „Wer wie Helmut Kohl auf Wachstum und Beschäftigung setzte, wusste: Sparen genügt keinem Selbstzweck. So kam es auch, dass Konsolidierung mit gezielten wirtschaftspolitischen Anreizen verbunden wurde.“

Launiges hatte die Bundeskanzlerin zur Hand

Launiges hatte die Bundeskanzlerin zur Hand – Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindend. Ein Zitat trug sie vor, aus den Zeiten, als Kohl noch nicht Bundeskanzler gewesen sei und sich Zweifel an seinen Fähigkeiten breit gemacht hätten. „Franz Josef Strauß etwa sagte einmal – ich zitiere: ,Helmut Kohl wird nie Kanzler werden; der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat, Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche. Vielleicht ist das letzte Kapitel in Sibirien geschrieben oder wo.“ Und sie fügte an: „All jene, die behaupten, dass heute der Ton zwischen CDU und CSU besonders rauh sei, sollten auch noch einmal in die Vergangenheit blicken.“ Da hat die Festgemeinde gelächelt.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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