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Wolfgang Schuster Dickkopf, Visionär und Stadt-Gestalter

Stuttgarts scheidender Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hat viele „grüne“ Vorhaben längst verwirklicht - ein Problem für Fritz Kuhn, der an diesem Montag die Geschäfte im Rathaus übernimmt.

© dpa Vergrößern Abschied: Wolfgang Schuster (CDU) und seine Frau Stefanie am Samstag in der Liederhalle

In Wolfgang Schusters großzügigem Büro im ersten Stock des Stuttgarter Rathauses stehen Hängeregistraturen auf dem Boden. Das Büro des Stuttgarter Oberbürgermeisters ist - gemessen an typisch schwäbischen Zuständen - minimal unaufgeräumt und mag für den Geschmack des Klischee-Schwaben auch etwas überdimensioniert sein.

Rüdiger Soldt Folgen:  

An diesem Montag übernimmt Fritz Kuhn die Geschäfte, voraussichtlich acht Jahre lang wird er dann der erste grüne Oberbürgermeister einer deutschen Landeshauptstadt sein. Hinter Schusters Schreibtisch führt eine Tür in einen Nebenraum. Der war gefüllt mit Konzeptpapieren des Oberbürgermeisters, die wahrscheinlich noch für zwei weitere Amtszeiten ausgereicht hätten. Schuster hat die vergangenen Monate unter anderem damit verbracht, seine politischen Überzeugungen für die Nachwelt zu sichern. „Nachhaltige Städte - Lebensräume der Zukunft“, heißt eines der Bücher des CDU-Politikers. Bei nachlässiger Zählung kommt man mindestens auf drei Publikationen in den vergangenen zwölf Monaten.

„Vielleicht bin ich ein verhinderter Professor, ich habe mich dann entschieden, Theorie und Praxis zu verbinden“, sagt Schuster. Der 63 Jahre alte Politiker charakterisiert sich mit diesem Satz am besten, denn die Stuttgarter sind seit 1997 tatsächlich von einer Art Professor für urbane Zukunft regiert worden. Die Beamten in der Stadtverwaltung konnten aus den Visionen gar nicht so schnell Vorlagen machen, wie Schuster das wünschte. Übrigens wurde der scheidende Oberbürgermeister am Samstag tatsächlich von Ministerpräsident Kretschmann zum Ehren-Professor ernannt.

Schuster regierte - die Bagger rückten aus

Schuster hat die angebliche Weisheit Helmut Schmidts, dass visionäre Politiker im Kopf krank seien, vielfach widerlegt. Aus Schusters Visionen sind in den 16 Jahren nämlich viele erfolgreich abgeschlossene Projekte geworden: Der kleine Schlossplatz ist durch den Bau des Kunstmuseums keine Betonwüste mehr, auf dem Killesberg gibt es ein neues Wohnquartier, die „Off-Theater-Szene“ hat mit dem Theaterhaus auf dem Pragsattel im Norden der Stadt eine eigenständige Spielstätte, der öffentliche Nahverkehr wurde ausgebaut, die Stadtbibliothek erhielt einen Neubau, das Bosch-Areal entstand. Schuster regierte - die Bagger rückten aus.

Der 63 Jahre alte Politiker war erst der dritte Stuttgarter Oberbürgermeister. Arnulf Klett, ein Parteiloser, war mit dem - wie er das damals nannte - „Neuaufbau“ der „autogerechten Stadt“ beschäftigt; Manfred Rommel (CDU) baute zwar den Flughafen aus, blieb den Stuttgartern aber vor allem als liberaler Denker und Aphoristiker in Erinnerung. Wolfgang Schuster dagegen transformierte Stuttgart, machte aus der reinen Industrie- auch eine Dienstleistungsstadt. „Ich fand 1997 eine äußerst schwierige Situation vor: Die Arbeitslosigkeit lag bei zehn Prozent, wir befanden uns in einer Wirtschaftskrise, die Stadt war mit 800 Millionen Euro verschuldet. Und es gab keine Konzepte für die Zukunft.“ Heute ist Stuttgart so gut wie schuldenfrei.

Schuster war auf fast allen Politikfeldern weitsichtiger als viele seiner Kollegen: Er machte im Jahr 2001 die Integrationspolitik zu einer Querschnittsaufgabe, richtete hierfür eine eigene Stabsstelle im Rathaus ein. „Ich wollte, dass wir das Wort Ausländer abschaffen; mein Ziel war es, sich mit den Menschen zu beschäftigen und nicht mit dem Pass“, sagt er rückblickend. Später gab er wichtige Anstöße, um Stuttgart kinderfreundlich und zu einer Pionierregion für Elektromobilität zu machen. 39 Prozent der Stuttgarter Gemarkungen stehen unter Naturschutz, auch das ist angeblich ein kommunalpolitischer Superlativ.

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