In Wolfgang Schusters großzügigem Büro im ersten Stock des Stuttgarter Rathauses stehen Hängeregistraturen auf dem Boden. Das Büro des Stuttgarter Oberbürgermeisters ist - gemessen an typisch schwäbischen Zuständen - minimal unaufgeräumt und mag für den Geschmack des Klischee-Schwaben auch etwas überdimensioniert sein.
An diesem Montag übernimmt Fritz Kuhn die Geschäfte, voraussichtlich acht Jahre lang wird er dann der erste grüne Oberbürgermeister einer deutschen Landeshauptstadt sein. Hinter Schusters Schreibtisch führt eine Tür in einen Nebenraum. Der war gefüllt mit Konzeptpapieren des Oberbürgermeisters, die wahrscheinlich noch für zwei weitere Amtszeiten ausgereicht hätten. Schuster hat die vergangenen Monate unter anderem damit verbracht, seine politischen Überzeugungen für die Nachwelt zu sichern. „Nachhaltige Städte - Lebensräume der Zukunft“, heißt eines der Bücher des CDU-Politikers. Bei nachlässiger Zählung kommt man mindestens auf drei Publikationen in den vergangenen zwölf Monaten.
„Vielleicht bin ich ein verhinderter Professor, ich habe mich dann entschieden, Theorie und Praxis zu verbinden“, sagt Schuster. Der 63 Jahre alte Politiker charakterisiert sich mit diesem Satz am besten, denn die Stuttgarter sind seit 1997 tatsächlich von einer Art Professor für urbane Zukunft regiert worden. Die Beamten in der Stadtverwaltung konnten aus den Visionen gar nicht so schnell Vorlagen machen, wie Schuster das wünschte. Übrigens wurde der scheidende Oberbürgermeister am Samstag tatsächlich von Ministerpräsident Kretschmann zum Ehren-Professor ernannt.
Schuster regierte - die Bagger rückten aus
Schuster hat die angebliche Weisheit Helmut Schmidts, dass visionäre Politiker im Kopf krank seien, vielfach widerlegt. Aus Schusters Visionen sind in den 16 Jahren nämlich viele erfolgreich abgeschlossene Projekte geworden: Der kleine Schlossplatz ist durch den Bau des Kunstmuseums keine Betonwüste mehr, auf dem Killesberg gibt es ein neues Wohnquartier, die „Off-Theater-Szene“ hat mit dem Theaterhaus auf dem Pragsattel im Norden der Stadt eine eigenständige Spielstätte, der öffentliche Nahverkehr wurde ausgebaut, die Stadtbibliothek erhielt einen Neubau, das Bosch-Areal entstand. Schuster regierte - die Bagger rückten aus.
Der 63 Jahre alte Politiker war erst der dritte Stuttgarter Oberbürgermeister. Arnulf Klett, ein Parteiloser, war mit dem - wie er das damals nannte - „Neuaufbau“ der „autogerechten Stadt“ beschäftigt; Manfred Rommel (CDU) baute zwar den Flughafen aus, blieb den Stuttgartern aber vor allem als liberaler Denker und Aphoristiker in Erinnerung. Wolfgang Schuster dagegen transformierte Stuttgart, machte aus der reinen Industrie- auch eine Dienstleistungsstadt. „Ich fand 1997 eine äußerst schwierige Situation vor: Die Arbeitslosigkeit lag bei zehn Prozent, wir befanden uns in einer Wirtschaftskrise, die Stadt war mit 800 Millionen Euro verschuldet. Und es gab keine Konzepte für die Zukunft.“ Heute ist Stuttgart so gut wie schuldenfrei.
Schuster war auf fast allen Politikfeldern weitsichtiger als viele seiner Kollegen: Er machte im Jahr 2001 die Integrationspolitik zu einer Querschnittsaufgabe, richtete hierfür eine eigene Stabsstelle im Rathaus ein. „Ich wollte, dass wir das Wort Ausländer abschaffen; mein Ziel war es, sich mit den Menschen zu beschäftigen und nicht mit dem Pass“, sagt er rückblickend. Später gab er wichtige Anstöße, um Stuttgart kinderfreundlich und zu einer Pionierregion für Elektromobilität zu machen. 39 Prozent der Stuttgarter Gemarkungen stehen unter Naturschutz, auch das ist angeblich ein kommunalpolitischer Superlativ.
Renitent, fundamentalistisch und ausdauernd
Das Programm, das sich ein grüner Oberbürgermeister, der einen konservativen Vorgänger beerbt, normalerweise vornehmen könnte, hat Schuster auf breiter Front schon abgearbeitet. Nirgendwo sonst ließ sich die ideelle Nähe oder Verwandtschaft zwischen Grünen mit bürgerlicher Haltung und Konservativen mit grünem Herzen besser studieren als im Stuttgarter Gemeinderat: Leute wie Rezzo Schlauch oder der heutige Chef der Stuttgarter Staatskanzlei, Klaus-Peter Murawski, fühlten sich bei aufgeschlossenen Konservativen immer heimischer als bei theoretisierenden Sozialdemokraten.
Über viele Jahre war das so, zwischen CDU und Grünen entstanden persönliche Freundschaften. Dann aber zeigten die Schwaben im Sommer 2010, dass sie unglaublich renitent, fundamentalistisch und ausdauernd sein können. Die Stadtgesellschaft war innerhalb von Monaten in zwei Lager gespalten: In diejenigen, die sich mit einem neuen Bahnhof und vor allem der Erweiterung der Stadt um ein neues Quartier anfreunden konnten, und diejenigen, die darin nur starrsinnige, betonverliebte Wachstumspolitik alten Stils erkennen wollten. An der Spitze der Stadt stand nun mit Schuster ein Mann, der die Frage, ob der neue Tiefbahnhof für Stuttgart ein Gewinn sein könnte, immer positiv beantwortet hatte - ganz einfach, weil es kaum eine Großstadt in Europa gibt, die die Chance hat, in ihrem Zentrum auf einer 100 Hektar großen Fläche ein neues Quartier zu gestalten.
„Jedermanns Dackel“
Schuster zitierte am Samstagabend bei seiner Verabschiedung im Beethovensaal der Liederhalle Manfred Rommel: „Wer jedermanns Liebling sein will, wird jedermanns Dackel.“ Laudator Günther Oettinger (CDU) erlaubte sich als Einziger, dezent kritische Anmerkungen über Schusters politisches Wirken zu machen: „Pflegeleicht warst du nie, es ging nicht um Leutseligkeit. Projekte standen immer im Vordergrund, Stuttgart steht besser da als jemals zuvor“, sagte der EU-Kommissar. Dickköpfig sei der Oberbürgermeister immer mal wieder gewesen. In den zwei Amtsperioden gab es für ihn natürlich eine Reihe von Rückschlägen, nicht jeder Referent und Mitarbeiter konnte mit der Arbeitswut des Chefs mithalten, nicht jedes Projekt glückte: Der „Trump-Tower“ wurde nicht gebaut, das „Cross-Border-Leasing“ der Wasserversorger musste rückabgewickelt werden, Stuttgarts Olympia-Bewerbung blieb erfolglos. Das gehört aber zur politischen Routine.
Schuster ist nicht sonderlich großzügig, wenn es darum geht, eigene Fehlentscheidungen einzugestehen. Mit den Bahnhofsgegnern würde er heute aber anders umgehen: „Ich habe den Initiatoren damals gesagt, ein Bürgerbegehren ist rechtlich nicht haltbar. Aus heutiger Sicht wäre es klug gewesen, die Unterschriften entgegenzunehmen und ein Streitgespräch zu führen“, sagt Schuster über den Tag im November 2007, als eine Delegation ihm 67000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen den Tiefbahnhof überreichen wollte und er die Annahme verweigerte. Die Gerichte gaben Schuster später recht, die Missachtung von rechtsstaatlichen Regeln und von Parlamentsbeschlüssen durch die Bahnhofsgegner erzürnt ihn bis heute, der Protest hat ihn tief verletzt. 2010 benötigte er für sich und seine Familie Personenschutz. In dem Filmchen, das die Stadt am Samstag zu Schusters Ehren vorführen ließ, fehlte ein Kapitel „Stuttgart 21“ ebenso wie in seiner Rede.
„Ich fand 1997 eine äußerst schwierige Situation vor:
Die Arbeitslosigkeit lag bei zehn Prozent,..."
Gerhard Katz (spital8katz)
- 07.01.2013, 13:48 Uhr
Stadt-Gestalter ???
Hans-Eberhard Fischer (Sphinx1)
- 07.01.2013, 12:26 Uhr
Schuster, Mappus und Konsorten
Heinrich Seneca (Hadrian55)
- 07.01.2013, 09:59 Uhr