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Wohnen in München Auf die Mischung kommt es an

 ·  Mehr Tunnel, mehr Stockwerke, mehr Wohnungen? In München steigen seit Jahren die Mietpreise. Die Politik ist uneins, wie bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden soll.

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© dapd Hier möchte jeder gerne wohnen: Damit die Münchener Innenstadt nicht zu einem Reichengetto wird, will Oberbürgermeister Ude günstige Wohnungen bauen

Familie Körber hat eigentlich alles richtig gemacht. Zwei Kinder, zwei gesicherte Einkommen, zwei Betreuungsplätze für die beiden fünf und neun Jahre alten Söhne im Kindergarten und in der privat organisierten Mittagsbetreuung der Schule. Sie arbeitet als Tierärztin bei einem Veterinäramt, er als Energie- und Verfahrenstechniker bei einem internationalen Unternehmen. Eine geeignete Familienwohnung zu finden dürfte da kein Problem sein. Doch Familie Körber wohnt in München. Und Wohnen in München ist teuer. Bezahlbarer Wohnraum für Familien ist knapp, die Mieten steigen seit Jahren, und ein Stillstand ist nicht abzusehen: Nach Studien sollen in den kommenden drei Jahren die Mieten in München nochmals um 9,5 Prozent steigen. Schon jetzt liegt der Quadratmeterpreis bei 12 bis 14 Euro. Eine Entwicklung, welche die bayerische Hauptstadt mit anderen Ballungszentren teilt.

Körbers wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die Kinder teilen sich ein kleines Zimmer. Vor sechs Jahren sind sie aus einer Altbauwohnung in Berlin aus beruflichen Gründen in eine ebenso große, dafür doppelt so teure Wohnung in München gezogen, damals noch mit einem Kind. Seit drei Jahren nun suchen sie intensiv in ihrem Stadtviertel Lehel eine Vier-Zimmer-Wohnung. Das Lehel ist in München wegen der Nähe zum Englischen Garten, zur Innenstadt und ein paar neuer Restaurants innerhalb der letzten Jahre zu den begehrtesten und teuersten Wohnlagen geworden. Wöchentlich wird hier alte Bausubstanz luxussaniert, um daraus Quartiere wie „Park Avenue“ oder „Lerchenfeld-Palais“ entstehen zu lassen. Diese versprechen „loftähnliches Wohnen“, mit großzügigen 140-Quadratmeter-Wohnungen, verteilt auf zwei Zimmer, Kaufpreis auf Anfrage. Ideal für Geldanleger aus dem südeuropäischen Raum und die Spieler des hiesigen Fußballvereins.

Auch keine Reservate für Reiche

Doch Familie Körber möchte das Viertel ungern verlassen, die Kinder haben ihre Freunde hier, gehen in den Kindergarten und zur Schule. „Nur eine Handvoll bezahlbarer Vier-Zimmer-Wohnungen war überhaupt in den letzten Jahren inseriert“, sagt Kerstin Körber. „Wenn man da eine Stunde zu spät anruft, kann es sein, dass man schon keinen Besichtigungstermin mehr bekommt.“ Sie haben sich auch außerhalb, in Pullach oder Schäftlarn, nach einem Häuschen zum Kauf umgesehen. Doch solange noch irgendeine S-Bahn den Außenbezirk mit der Innenstadt München verbindet, sind die Preise ebenso hoch wie in München. „Alles, was halbwegs erschwinglich war, ist sofort weg.“ Und erschwinglich bedeutet oft in einem sehr schlechten Zustand - uralte Bäder, feuchte Decken, undichte Fenster, nikotingelbe Wände.

Den steigenden Mieten hält der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sein ambitioniertes Wohnungsbauprogramm „Wohnen in München 5“ entgegen: So soll als Reaktion auf die gestiegenen Grundstückspreise und Mieten künftig auch Familien mit mittleren Einkommen der Zugang zu öffentlich gefördertem Wohnraum ermöglicht werden. Bei einer Familie mit einem Kind erhöht sich dann zum Beispiel die Bemessungsgrenze des Jahreseinkommens von 41.400 auf 48.150 Euro. Zudem plant die Stadt, verstärkt Baurecht zum Beispiel für frei werdende Flächen oder Baulücken zu schaffen. So sollen pro Jahr 7000 neue Wohnungen entstehen, davon allein 30 Prozent städtisch gefördert. 900 Mietwohnungen davon würden für Haushalte mit niedrigem Einkommen vorgesehen. „Das Volumen an Fördermitteln ist mit 800 Millionen für den Zeitraum bis 2015 in Deutschland wohl einzigartig“, sagt Katja Strohhäcker, Sprecherin des Planungsreferats.

Wichtig ist den Stadtplanern auch, Gettoisierungen zu vermeiden - in die eine wie in die andere Richtung. Also auch keine Reservate für Reiche, das ist das Ziel des Programms „Münchner Mischung“. So soll in den Neubaugebieten, in denen die Stadt planerisch Einfluss nehmen kann, auf die soziale Ausgewogenheit der Bevölkerung geachtet werden. Das stößt zum Teil auf Kritik: Der Bund der Steuerzahler Bayern rügte zum Beispiel das Vorhaben der Stadt, in der Nähe des Viktualienmarktes, also in allerbester Lage, auf städtischem Grund ein Wohnhaus mit 28 geförderten Wohnungen zu bauen. Mit dem Verkauf des Grundstückes durch die Stadt auf dem freien Markt hätte man ein Vielfaches des Preises erzielen können, so die Kritik. Und mit diesem Geld hätte man dann in „anderen Stadtgebieten“ viel mehr Wohnungen bauen können. Doch die Stadt möchte aus gutem Grund genau das verhindern - dass die Betuchten unter sich bleiben. „Man darf es eben nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive sehen. Nach dem Motto: Jeder, der es sich leisten kann, soll in der Innenstadt wohnen, die anderen mögen bitte schön draußen bleiben. Das wollen wir nicht“, sagt Katja Strohhäcker. So hat die Stadt auch bei ihren rund 56.300 Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaften eine maximale Mieterhöhung von 15 Prozent in drei Jahren festgelegt, statt der bisherigen zulässigen 20 Prozent. Genau diese maximale Zuwachsrate wurde gerade auch in der Reform des Mietrechts vom Bundestag beschlossen.

Von Stadtflucht keine Rede

Der CSU-Fraktion im Rathaus gehen diese Pläne nicht weit genug. „Die rot-grüne Stadtratsmehrheit hat viel zu lange zugeschaut, palavert und eine Kommission nach der anderen eingesetzt. Passiert ist relativ wenig“, sagt der Vorsitzende der CSU-Fraktion im Rathaus, Josef Schmid. So sei das Planungsreferat, in dem die wichtigen Bebauungspläne erstellt würden, seit langem unterbesetzt. Erst gerade seien 19 neue Stellen bewilligt worden, „auf unser Betreiben hin“. Doch man brauche doppelte so viele neue Mitarbeiter, um wirklich von einer „Wohnungsbau-Offensive“ sprechen zu können. „Um neuen Wohnraum schaffen zu können, muss Bürokratie bei den Bebauungsplänen abgebaut werden, doch Rot-Grün macht genau das Gegenteil“, sagt Schmid. So sei vor einiger Zeit gegen den Widerstand der CSU erst eine „Fahrradabstellsatzung“ beschlossen worden, die vorschreibe, wie viele Fahrradständer pro Haus zur Verfügung stehen müssten. „So etwas hilft nicht weiter.“

Die CSU hält dem unter anderem ihr Programm „München plus zwei“ entgegen: Man könne, so habe es sich die CSU von Fachleuten bestätigen lassen, auf bestehende Gebäude noch zwei weitere Stockwerke bauen, wenn es Statik und städtebauliches Konzept zulassen. Rund 100.000 neue Wohnungen könnten so entstehen. Zudem sollten auch Fördermittel für den Wohnungsbau „weg von den Gebäuden und hin zu den Menschen“ verwendet werden, im Sinne eines kommunalen Wohngeldes. Auf diese Weise könne man Mietzahlungen subventionieren. Auch dürfe man das Naheliegende nicht vergessen: Warum also nicht einfach Verkehrsadern untertunneln? So entstünde obendrauf Raum für Sportflächen - und Sportplätze in der Stadt könnte man dann für den Wohnungsbau nutzen.

Denn München wächst. Zwar verlassen frustrierte Wohnungssucher oft die Stadt, um aufs - vermeintlich - günstigere Land zu ziehen. Doch man muss weit ziehen, um wirklich Kosten zu sparen - zumal das eingesparte Geld oft für die Pendelei in die Stadt wieder ausgegeben werden muss. Von Stadtflucht sei daher keine Rede, sagt Andreas Danassy, Sprecher des Sozialreferats. Im Gegenteil. „Dazu ist der Standort München zu attraktiv.“ Bei den momentan 1,4 Millionen Einwohnern wird es durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland nicht lange bleiben. Im Münchner Demographiebericht heißt es, dass schon 2014 die Zahl der 1,5 Millionen Wohnberechtigten überschritten werde, Tendenz steigend. Bis 2023 kann nach den Berechnungen leicht die Marke von 1,6 Millionen erreicht werden.

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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