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Zivilschutz : „Achten Sie auf weitere Durchsagen!“

  • -Aktualisiert am

Vorbereitungen für den Ernstfall: Ein unterirdisches Hilfskrankenhaus in Bonn zur Versorgung von Opfern einer Atomexplosion Bild: Edgar Schoepal

Bis zum Mauerfall im Jahr 1989 war es keine Seltenheit, dass in Deutschland die Sirenen heulten – als Übung für den dritten Weltkrieg. Der Konflikt in der Ukraine lässt die Angst vor dem Kalten Krieg wieder aufleben. Und die Frage, ob wir für den Ernstfall ausreichend geschützt sind.

          Hans-Gerrit Möws sitzt vor einem Bildschirm, der eine Deutschland-Karte zeigt. Mit dem Mauszeiger kann er einzelne Städte und Landkreise markieren. Ein Tastendruck, und sie sind rot gefärbt. Ein weiterer, und sie fallen zurück in die Unauffälligkeit. Jede Stadt und jeden Landkreis kann der Mausklick treffen. Rot oder normal. Möws läßt den Finger fallen und die Maus klicken. Rot, normal, rot, normal, rot, normal. Hamburg und Lübeck, Lübeck und Hamburg. Oder irgendeine andere Stadt, irgendein anderes Dorf.

          Einen Unterschied macht das für die Bewohner in dem rot grundierten Territorium in diesem Moment nicht. Sie wissen vermutlich gar nicht, dass es diesen Computer, diese Karte und jenen vorbereiteten Text gibt, der ebenfalls auf dem Schirm eingeblendet ist: „Gefahr durch Raketenangriff. Suchen Sie in den betroffenen Gebieten sofort Schutz in geschlossenen Räumen. Befolgen Sie die Anordnungen der örtlichen Behörden. Achten Sie auf weitere Durchsagen!“

          Hätte sich nicht Möws Behördenleiter Christoph Unger als Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn jüngst mit dem Hinweis zu Wort gemeldet, es fehle die „hinreichende Zivilschutzfähigkeit“ in Deutschland, und selbst der „Erhalt der Funktionsfähigkeit der Regierung bei einem Angriff auf Deutschland“ sei ein Problem, würde sich kaum jemand für Möws und seine Bildschirme interessieren. Seit Ungers Warnung aber wirken Möws und seine Monitore nicht mehr wie Relikte aus der Zeit des Kalten Krieges. Wahrscheinlich gibt es nicht viele Bundesbürger, die wissen, dass Menschen wie Möws jeden Tag über sie wachen und dass es Pläne gibt – auch für den Kriegsfall.

          Befindet sich eine Rakete im Anflug auf die Bundesrepublik, drückt Möws auf eine Taste, und seine Meldung geht sofort an alle Rundfunk- und Fernsehsender. Deren Programm wird unterbrochen und der Text verlesen. Bis zum Einschlag der Rakete dürften dann noch sechs Minuten vergehen. Zu diesem Zeitpunkt würde niemand wissen, welchen Gefechtskopf die Waffe trägt. Es würde keine Zeit bleiben, eine Tasche zu packen oder wichtige Dokumente zu suchen, stattdessen lauten die vorbereiteten Anweisungen, weg von den Fensterfronten und tief hinein ins Gebäude zu laufen.

          Ein Leben lang hoffen, dass der Ernstfall nicht eintritt

          Möws ist Referatsleiter seiner Behörde in Bonn. Seine Aufgabe ist die Warnung der Bevölkerung und vor allem die Erfassung der „besonderen Gefahren, die in einem Verteidigungsfall“ drohen. „Lange Zeit“, sagt Möws, „ging die Gefahr, auf die wir achteten, von Bomberverbänden aus. Aktuell geht es um ballistische Raketen und radiologische Gefahren.“ Um die zu erkennen, schauen Möws Kollegen in den Zivilschutzverbindungsstellen der Nato den Soldaten über die Schulter. „Wir sehen vom Nordkap bis zum Mittelmeer und 2000 Kilometer über diese Grenzen hinaus. Wir sehen zum Beispiel die Raketen, die in Syrien abgeschossen werden“, sagt Möws.

          Amerika, England, Frankreich und Russland haben Raketensysteme, die Deutschland erreichen können. „Aber wollen diese Staaten das auch?“, laute die entscheidende Frage. „Zurzeit“, sagt Möws, „gibt es keinerlei Anzeichen, dass Deutschland von ballistischen Raketen bedroht ist“ – auch nicht aus Russland. Allerdings könnten auch Raketen aus Fernost, aus dem Irak und Iran Deutschland erreichen. Waffensysteme aus dem südlichen Mittelmeerraum flögen bis Südbayern. Auch durch einen Unfall oder durch Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) könnten Raketen gestartet werden.

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