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Winfried Kretschmann im Gespräch : „Ich mache hier nicht den Wowereit“

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„Eine Art Gründungsort“: In Wyhl in Baden-Württemberg protestierten 1975 viele Bürger gegen den Bau eines Atomkraftwerkes. Für die Grünen war das identitätsstiftend. Bild: picture-alliance / dpa

Er werde nicht „sehenden Auges in ein Debakel schlittern“: Das sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Stuttgart 21. An den Volksentscheid zum Weiterbau fühlt er sich dennoch gebunden.

          Herr Kretschmann, Sie werden dieses Jahr 65 Jahre alt. Wären Sie Lehrer geblieben, würden Sie nun in den Ruhestand gehen.

          Es fällt mir auf, wenn ich meine ehemaligen Lehrerkollegen treffe. Die gehen in den Ruhestand, und ich habe jetzt noch mal so richtig angefangen. Da denke ich: Es hat schon seinen guten Grund, dass wir die Rente auf 67 verschoben haben.

          Eine Zeitlang haben Sie gewechselt zwischen dem Dasein als Lehrer und als Politiker. Was hat Sie am Lehrerberuf gereizt?

          Mein Vater war Lehrer, meine Frau ist Lehrerin, und zwei meiner Kinder sind Lehrer. Es ist einfach ein schöner Beruf, und ich habe mit großer Leidenschaft unterrichtet. Wenn mich ehemalige Schüler im Nachhinein als Lehrer loben, dann gefällt mir das noch besser, als wenn sie mich als Politiker loben.

          Warum haben Sie sich für die Politik entschieden?

          Die Leidenschaft für die Politik war dann noch etwas größer.

          Gab es Zeiten, in denen Sie einen leidenschaftlich ideologischen Zugang zur Politik hatten?

          Das war ganz sicher so in der Zeit meiner linksradikalen Verirrung im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Das war eine Polit-Sekte. Um dort mitzumachen, musste man den Blick auf die Welt, wie sie wirklich ist, weitgehend ausschalten.

          Wie ist Ihnen das gelungen?

          Diese Frage lässt mich nie ganz los. Jedes Mal, wenn ich einen Zeugen Jehovas mit dem Wachturm stehen sehe, denke ich: Das hast du auch gemacht. Dieses Abgleiten in den autoritären Marxismus-Leninismus kann ich nicht wirklich erklären.

          Wie sind Sie wieder rausgekommen aus der Sekte?

          Da hat mir geholfen, dass ich die bürgerlichen Halteseile nie gekappt hatte, von der Kirchenmusik bis zum Schützenverein. Meine Schützenkameraden haben sich damals köstlich darüber amüsiert, dass sie einen linksradikalen Studenten dabei hatten, und wilde Debatten mit mir geführt.

          Wie erinnern Sie sich an die Zeit Mitte der achtziger Jahre, in der Sie mit Joschka Fischer in Hessen in der ersten rot-grünen Regierung zusammengearbeitet haben?

          Das war eine harte Schule. Fischer war kein leichter Chef, er hatte einen unerbittlichen Führungsstil. Vor kurzem hat er bei einer Rede zum 25-jährigen Bestehen des Umweltministeriums in Stuttgart gesagt, er hätte mich eigentlich damals nicht in sein Ministerium holen sollen. Denn ich hätte immer über die langen Linien diskutieren wollen, während er sich gefragt hätte: Wie überstehe ich den nächsten Tag? Aber ohne diese Erfahrung in Hessen könnte ich mein Amt nicht so ausführen, wie ich es heute tue. Da habe ich sehr viel übers Regieren gelernt.

          Was denn?

          Ein Beispiel: Nach 58 Jahren CDU-Regierung in Baden-Württemberg haben viele Grüne ein großes Problem darin gesehen, wie Grün-Rot mit einem schwarzen Beamtenapparat regieren soll. Meine Erfahrung aus Hessen aber war: Es kommt nur darauf an, dass die Leute loyal und engagiert sind. Deshalb bin ich ohne solche Vorbehalte, ohne Angst in mein Amt gegangen. Den schwarzen Beamtenapparat gibt es nämlich gar nicht.

          Haben Sie je darüber nachgedacht, einer anderen Partei beizutreten?

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