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Windkraft im Schwarzwald Der Wind, der Wind, ein schwieriges Kind

 ·  Früher hätten ein paar Anrufe des Hoteliers Meinrad Schmiederer genügt und die geplanten Kraftwerke hätten sich in Luft aufgelöst. Doch die Zeiten haben sich geändert.

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Am Terrassenhang seines Hotels hat Meinrad Schmiederer einige Brunnen bauen lassen. Sie plätschern auch im Winter. Das Wasserrauschen soll Diskretion schaffen. Wenn die Gäste im Sommer auf ihren Liegestühlen liegen, soll der Nachbar vom Gespräch möglichst wenig mitbekommen. Jetzt ist der Dollenberg in dichten Nebel gehüllt, die Renchtalhütte, wo es Schwarzwälder Hausmannskost gibt, ist kaum zu sehen. In den Restaurants des Fünf-Sterne-Hotels im Schwarzwald, wenige Kilometer von der Schwarzwald-Höhenstraße und dem Kniebis entfernt, wird gerade das Mittagsmenü serviert.

Schmiederer steht in der Eingangshalle. Viel Marmor, viel Edelmetall. Er zeigt auf die kleine Boutique, in der sich die Hotelgäste nach der Sauna die Zeit vertreiben sollen. „Dort war mal unser Kuhstall“, sagt Schmiederer. Er kann die dicke und die dünne Wand des ehemaligen Tagelöhnerhauses seiner Eltern noch unterscheiden. Sein Vater war Nebenerwerbslandwirt, irgendwann begann er damit, Bier für Wanderer auszuschenken. Schmiederer wird in der Ortenau der „Patron aus dem Renchtal“ genannt. Er ist eine dieser legendären baden-württembergischen Unternehmergestalten, die früher nichts hatten und heute viel. Zwei Kühe und sechs Schweine standen bei seinen Eltern im Stall. Mit eingebrannter Brotsuppe ist er aufgewachsen, heute serviert sein Sternekoch Etouffé-Täubchen mit gebratenen Schwarzwurzeln.

Draußen vor der Tür stehen Autos aus der Schweiz, Frankreich und Belgien. Schmiederers Hotel gehört zu den besten in Deutschland, Tony Marshall erholt sich hier ebenso wie Mutter Beimer. Und wenn der Patron einen runden Geburtstag zu feiern hat wie in diesem Sommer, dann schaut auch sein Freund Günther Oettinger vorbei, der EU-Kommissar und frühere Ministerpräsident. Schmiederer hatte früher immer die besten Kontakte zur Landes-CDU, oft genügte ein Anruf.

Dramatische Folgen für das Hotel

Seit dem Sommer hat Schmiederer aber ein Problem, über das in dem kleinen Ort mit 2700 Einwohnern mittlerweile so lautstark gestritten wird, dass auch hundert Plätscherbrunnen nicht ausreichen würden, um es zu übertönen. Am 11. Juli stimmten alle Gemeinderäte für folgenden Beschluss: „Der Gemeinderat ist für Windkraftanlagen in der Gemeinde Peterstal-Griesbach aufgeschlossen und beauftragt die Verwaltung, in weitere detaillierte Planungen und Verhandlungen mit der Firma Schmalz einzutreten sowie die erforderlichen raum- bzw. flächennutzungsplanerischen Voraussetzungen auf dem gemeindeeigenen Flurstück 180/4, Gemarkung Bad Griesbach, zu schaffen.“ Was harmlos bürokratisch klingt, versteht Meinrad Schmiederer als Angriff auf sein Lebenswerk. Hinter dem Beschluss steht die Absicht, auf der Alexanderschanze sieben Windräder zu bauen, 900 bis 1400 Meter entfernt von Schmiederers Hotel, das in einem Kurgebiet liegt.

Ein Windrad steht schon auf der 968 Meter hohen Alexanderschanze, wenn noch sieben dazukämen, sei seine Existenz bedroht, glaubt der Hotelier. „Ich habe einen zweistelligen Millionenbetrag investiert, um mein Hotel mit den schönsten Thermen und der besten Spa-Abteilung überhaupt auszustatten, und heute interessiert sich niemand dafür“, sagt Schmiederer. Sogar einen kleinen Operationssaal für Schönheitsoperationen hat der Patron bauen lassen. Im Sommer hat er das Spa eröffnet. Er scheint knapp kalkuliert zu haben, eine schlechtere Auslastung des Hotels könnte dramatische Folgen haben.

Schon zu Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Zeiten, also im 16. Jahrhundert, kamen die Badegäste aus Frankreich zu den Peterstaler Mineralquellen - das „welsche Bad“ hat Grimmelshausen den Kurort deshalb genannt. Stolz führt der Hotelier durch seine neue Wellness-Anlage. Selbst die anspruchsvollsten Gäste sollen zufrieden sein. Entspannungshungrige Paare können sich für 350 Euro eine „Romantik-Suite“ mit eigener Sauna mieten, es gibt einen Ruheraum mit persischem Salz und verschiedene Sole- und Thermalbecken, 4500 Quadratmeter groß.

Solchen Luxus bieten sonst nur staatlich subventionierte Thermen. Für Kuranwendungen, erzählt Schmiederer, lasse er das Peterstaler Mineralwasser in seine Becken hochpumpen. Der Hotelier hat die ersten Gäste vor 40 Jahren in den Schwarzwald gelockt, indem er ihnen Geburtstagsbriefe schrieb und am Samstag besonders gute Kalbshaxen auf die Speisekarte setzte. „Der Betrieb ist auf Urlaubsgäste ausgerichtet, ich kann das nicht mit Business-Gästen kompensieren. 240 Euro für ein Zimmer zahlt kein Geschäftsmann. Und ich kann die Schwimmbäder ja jetzt auch nicht entsorgen.“

Schmiederer hat mittlerweile in einem seiner rustikalen Restaurants Platz genommen. Am Nachbartisch sitzen Elsässer, auch Schweizerdeutsch ist zu hören. Er lässt sich von einer Kellnerin einen Stapel Papier bringen. Es sind Ausdrucke des Windenergie-Atlasses. Blau sind die Zonen mit Windgeschwindigkeiten von 4,5 Metern pro Sekunde markiert, rötlich die Zonen, wo Windgeschwindigkeiten von sechs Metern pro Sekunde und mehr vorkommen. Schmiederer zeigt auf den rot schraffierten „Großen Hundskopf“, einen Höhenzug wenige Kilometer südlich vom Dollenberg. „Dort ist mehr Wind, dort passen die Windräder besser hin.“

Eine strukturschwache Gegend

Fünf Minuten sind es mit dem Auto vom Dollenberg in den Kurort. Die kleine Gemeinde mit ihrer leicht verwitterten Romantik wäre eine schöne Kulisse für Heimatfilme. Ein Kurheim heißt „Stahlbad“, manche Hotels bieten „offene Badekuren“, Kuren also, für die Krankenkassen heute nur noch geringe Zuschüsse zahlen. Die besten Zeiten hat die Gemeinde hinter sich. Als die Badekur für den durchschnittlichen deutschen Angestellten noch so selbstverständlich war wie heute das Handy, war die Zukunft des Schwarzwaldortes rundum sozialversichert.

Doch in den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Übernachtungen mehr als halbiert. Der Mittel- und Nordschwarzwald gelten heute als eher strukturschwach. Mit Mountain-Bike-Angeboten, Thermen und modernen Wanderpfaden versuchen die Tourismusmanager das Image aufzupolieren. Bad Peterstal-Griesbach gehört zu den zehn am höchsten verschuldeten Kommunen eines wohlhabenden Bundeslandes. Von dem kleinen Windpark auf der Alexanderschanze erhoffen sich die Gemeinderäte Pacht- und Gewerbesteuereinnahmen. Sie wissen aber auch, dass die Alexanderschanze in einem Vogelschutz- und Naturschutzgebiet liegt. Der grüne Minister für Ländlichen Raum, Verbraucherschutz und Tourismus, Alexander Bonde, kommt aus dem Nachbarort Baiersbronn, einen Konflikt zwischen Tourismus und Ausbau der Windenergie sieht er nicht. „Ich kann mich nicht zu jedem Einzelkonflikt äußern.“

Bürgermeister Meinrad Baumann (parteilos) streicht über eine Reliefkarte des Schwarzwalds. Ein Gast aus den zwanziger Jahren hat sie der Gemeinde geschenkt. Baumann hat mit Schmiederer mittlerweile nicht mehr als den Vornamen gemein. Seit Monaten liefern sich Bürgermeister und Patron einen öffentlichen Schlagabtausch über das Projekt. Auf beiden Seiten sind Verletzungen zurückgeblieben. Je länger man mit den Protagonisten redet, desto stärker wird ausgeteilt. Gab es im Sommer noch eine einstimmige Mehrheit für den Prüfauftrag im Gemeinderat, sind mittlerweile einige CDU-Gemeinderäte auf Distanz gegangen. Schmiederer war selbst einmal CDU-Gemeinderat, er hat Einfluss und ist es gewohnt, ihn auch zu nutzen. Doch so einfach ist das nicht mehr.

Baumann zieht einen Aktenordner aus dem Regal. Zehn Zentimeter dick ist der Stapel mit Artikeln über den Streit zwischen Gemeinde und Hotelier. Die Diskussion über die Windräder sei „sehr absolut“ geführt worden, sagt Baumann. Dann macht er eine kurze Denkpause: „Wissen Sie, wenn alle aus einem Stall kommen, ist das Leben eben berechenbarer.“ Baumann meint die Zeit vor dem Machtwechsel in Stuttgart. Da hätte Schmiederer wahrscheinlich mit ein paar Telefonaten in die Villa Reitzenstein die Windpark-Pläne zum Scheitern gebracht. Jetzt regieren im Land Grüne und SPD, und sogar der Bürgermeister ist für den Unternehmer kein Mann mehr, auf den er rechnen kann.

„Ich war zwölf Jahre alt, als der Reaktorunfall von Tschernobyl passierte. Ich habe Respekt vor der Lebensleistung des Hoteliers, aber ich will auch meinen Beitrag zur Energiewende leisten“, sagt Baumann. Er ist parteilos, lebt mit seinem Partner im Nachbarort und hält die Grünen für die „glaubwürdigeren Konservativen“. Das Grußwort zum Peter-und-Paul-Fest spricht Baumann noch wie seine Vorgänger von der CDU. Aber sonst macht er vieles anders. Den Streit über die Windräder empfindet er als kleinlich. „Es gibt bei uns eben Waldwäldler und Weltwäldler, also Leute, die jenseits des engen Tals schon etwas gesehen haben“, sagt er.

Ein Traum ging in Erfüllung

Der Konflikt zwischen Schmiederer und Baumann ist nicht nur ein persönlicher Streit, er ist auch ein Beispiel dafür, wie sich die Funktionsmechanismen der Politik im Südwesten verändert haben. Über Jahrzehnte waren die Kommunalpolitiker der CDU wichtige Verbündete der Landesregierung. Wenn einen Unternehmer der Schuh drückte, war schnell ein Ministerialbeamter zur Stelle. Jetzt sind die Telefonbücher vieler lokaler Honoratioren Altpapier. Die grün-rote Landesregierung ist in den meisten Städten und Kommunen aber eine „Dame ohne Unterleib“. Gemeinderäte, Kreistage, Regionalverbände sind weiterhin von der CDU dominiert.

Damit in jedem Jahr hundert zusätzliche Windräder gebaut werden können, will die Landesregierung den meist CDU-dominierten Regionalverbänden die Zuständigkeit entziehen. In Bad Peterstal-Griesbach bekommt sie Unterstützung von den Kommunalpolitikern, was Schmiederers Aufbegehren zu dem sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen macht. „Bei der alten Regierung gäbe es nur eine unattraktive Vorrangfläche, auf der niemals gebaut würde“, sagt Baumann. Die Bürger seiner Gemeinde wollten die Windräder, dafür, dass sie dem Tourismus schadeten, gebe es keine Belege. In einer Stellungnahme von Professor Valentin Weislämle von der Dualen Hochschule in Lörrach klingt das etwas anders: „Der Gast im Fünf-Sterne-Bereich ist besonders anspruchsvoll und tendenziell konservativ. Er neigt dazu, das ‚Haar in der Suppe‘ zu finden, weshalb die Gäste sich von den Windrädern gestört fühlen.“ Es fehle aber „empirisches Datenmaterial“ über die tatsächlich zu erwartenden Auswirkungen. Der Professor empfiehlt, der Dollenberg solle sich zu den „erneuerbaren Energien“ bekennen und diese „offensiv vermarkten“.

Investoren aus der Nachbarschaft

Anders als in vielen anderen Kommunen im Südwesten sind die Investoren, welche die Windräder auf der Alexanderschanze bauen wollen, keine Eindringlinge aus dem Ausland, sondern stammen aus Glatten, einem Dorf, das gerade mal eine halbe Stunde von Peterstal entfernt liegt. Der Ingenieur und Inhaber Kurt Schmalz ist wie Schmiederer ein typisch schwäbischer Unternehmer, er hat aus der kleinen Anhängerfabrik seines Vaters ein modernes Unternehmen gemacht, das in der Vakuumtechnik führend ist. Auf Ökologie legt er großen Wert. Dafür ist sein Unternehmen vielfach ausgezeichnet worden.

Mit einer eigenen Wasserkraftanlage und Windrädern speist er mehr Strom ins Netz, als er braucht. „Wir haben schon vor 13 Jahren mit der Windenergie begonnen. Wir wollen den Windpark nicht nur planen und verscheuern, wir sind Schwarzwälder mit Leib und Seele. Unser ökologischer Fußabdruck soll so klein wie möglich sein, deshalb ist auch ein Bürgerwindrad vorgesehen“, sagt Schmalz. Der Unternehmer ist bereit, als Kompromissangebot nur drei Windräder zu bauen, diese sollen dann 1400 Meter vom Dollenberg entfernt sein. „Der Gast des Hotels kann sie nur sehen, wenn er zur hauseigenen Kapelle läuft. Hören wird er sie nicht, der Panoramablick ins Tal bleibt ungetrübt.“

Drei Viertel der Bürger wollten nach Meinungsumfragen Windkraftanlagen, warum dann eigentlich die Gäste am Dollenberg nicht? Auf den Vorschlag, die Windräder am Hundskopf zu bauen, will sich der Unternehmer nicht einlassen. „Wir wollen auf der Alexanderschanze bauen, weil dort schon ein Windrad steht, das gut Strom produziert, und so die Verspargelung der Landschaft vermieden wird.“ Mit einer Bundesstraße und einem Anschluss an das Netz sei das Gelände schon gut erschlossen. „Wir hoffen, Herr Schmiederer begreift dies als Chance, sich an unserem Projekt zu beteiligen und sein Hotel als kohlendioxidfreies Haus zu betreiben.“

Schmiederer hat als Kind mit seinen Eltern immer Wanderungen durch den Schwarzwald gemacht. Manchmal konnten sie vom Waldrand aus die „Bühler Höhe“ sehen, die heute geschlossen ist. Über viele Jahrzehnte gehörte das Hotel zu den vornehmsten der Republik. Der Familie fehlte das Geld, dort auch nur einen Kaffee zu trinken. „Meinrad, träumscht wieder...“, hat Schmiederers Mutter immer zu ihrem Sohn gesagt, wenn er zur „Bühler Höhe“ schaute. Später hat sich Schmiederer dann mit dem Dollenberg seinen Traum erfüllt. Aber die drei Windräder sind der Albtraum für den Patron aus dem Renchtal.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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