http://www.faz.net/-gpf-8n6rh

Trump, AfD, Pegida : Wie Populisten durch Facebook groß werden

Profiteurin: AfD-Chefin Frauke Petry mit Laptop. Bild: dpa

Der Aufstieg von AfD und Pegida hängt eng mit Facebook zusammen. Die Mechanismen spielen Populisten in die Karten – auch Donald Trump hat davon profitiert. Das Netzwerk ist ein Rückzugsraum für Radikalisierung.

          Von der Facebook-Seite der AfD ist die NPD-Seite „Heimat schützen - Asylbetrug stoppen“ einen Klick entfernt. Zwei Klicks weiter finden Interessierte „Deutschland den Deutschen“, und drei Klicks sind es bis zur Fan-Gruppe der „German Defence League“, die inzwischen verboten ist. Wer bei AfD oder Pegida „Gefällt mir“ drückt, öffnet eine Schleuse. Dahinter ist ein breiter Weg zu immer neuen, halbprofessionell gestalteten Seiten des rechtsextremen Spektrums. Die Nähe bedeutet nicht, dass sie kooperieren; die Anhängerschaft überschneidet sich. Facebook verbindet Interessen. Wer Blogs zu gesunder Ernährung folgt, bekommt Low-Carb-Kochbücher und Werbung für vegane Lebensmittel angeboten. Interesse an Pegida und Flüchtlingskrise führt zu Hetze.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Der Algorithmus funktioniert wie ein Verstärker. Die Unzufriedenheit und der Hass, die Teile der Gesellschaft bewegen, werden gebündelt und leichter als früher verbreitet. Das hat auch der amerikanische Wahlkampf gezeigt. Dort haben Facebook-Seiten wie „Make America great“, „Breitbart“ oder „US Uncut“ starken Zuspruch. Die Überschrift eines Artikels lautet etwa: „Kein Medium berichtet von dem Muslim, der Donald Trump attackiert hat. Also tun wir es.“ 3000 Nutzer teilen die Meldung, 14 000 Mal wird „Gefällt mir“ gedrückt. Gezielte Falschmeldungen wie diese sind zum Teil so erfolgreich, dass sie es in die Trending Topics schaffen. Das bedeutet über die eigene hohe Reichweite hinaus Aufmerksamkeit. Zeitweise passten Facebook-Mitarbeiter diese Meta-Themen auch zugunsten der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton an. Die Verzerrung sollte von Menschenhand ausgeglichen werden. Trump-Anhänger wüteten. Jetzt regiert wieder der Algorithmus.

          Für den Aufstieg von Pegida und der AfD spielte Facebook eine zentrale Rolle. Die AfD wäre nicht, wo sie heute ist, wenn es Facebook nicht gäbe. Und Pegida hätte - zu diesem Schluss kommen zwei aktuelle Studien - nicht über zwei Jahre Tausende mobilisieren können.

          Die Geschichte geht so: Lutz Bachmann gründete mit einigen Freunden eine Facebook-Gruppe. Der Name schon damals: Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlandes. Ein paar tausend Nutzer folgten der Seite, als am 20. Oktober 2014 die erste Demonstration auf der Straße stattfand. 350 Leute kamen, weit mehr, als Bachmann erwartet hätte. So hat er es später dem Videokanal der „Jungen Freiheit“ berichtet. Über Facebook waren die Menschen in Dresden und Umgebung auf die „Patrioten Europas“ aufmerksam geworden. Von Woche zu Woche wuchs die Zahl der Teilnehmer auf der Straße. Die Medien berichteten, noch mehr kamen, und auch die Zahl der Abonnenten der Facebook-Seite stieg weiter. Nach den Montagsspaziergängen waren es mal ein paar hundert, mal 5000. Rund 200 000 Menschen drückten zwischenzeitig „Gefällt mir“.

          Andere Parteien sind bei Facebook abgeschlagen

          Eine Studie der TU Dresden erkennt drei Faktoren für den Erfolg: Facebook schaffte Aufmerksamkeit, was zu Protest auf der Straße führte, und erst der Straßenprotest führte auch zu medialer Aufmerksamkeit. Ein sich selbst verstärkendes System, in dem klassische Medien eine zentrale Rolle einnehmen. Selbst wenn sich die Journalisten vom Phänomen abwenden, die Reichweite der Anhänger im Netz bleibt. Im Fall von Pegida war das aus Sicht der Forscher der Grund, wieso das Comeback im Sommer 2015 gelingen konnte. Über die Plattform wurden die Anhänger eingeschworen und neue Veranstaltungen bekanntgegeben. Zu dem Zeitpunkt hatten Medien die Bewegung auf dem Dresdener Theaterplatz bereits für tot erklärt.

          Auch die AfD hat ihre Facebook-Präsenz zum richtigen Zeitpunkt gezielt eingesetzt. Als es zum Streit um die Parteiführung kam und Frauke Petry gewann, diente die Facebook-Seite, die von einem Petry-Vertrauten geführt wird, als wichtiges Kommunikationsmittel. Mit ihr wurde die Basis informiert und auf den neuen Kurs eingeschworen. Durch die gezielte Kommunikation über Facebook, dass etwa jede Frage eines Nutzers beantwortet wird, konnte die Partei anfangs auch ausgleichen, dass ihr die Strukturen in den Kommunen fehlten. Parteianhänger fühlten sich versorgt. Diese Strategie hat die AfD konsequent fortgesetzt. Blickt man heute auf die Übersicht, wie viele Facebook-Abonnenten die Landesparteien haben, führt die AfD in 14 von 16 Fällen. In Sachsen wird sie von der NPD, in Bayern von der CSU leicht überholt.

          Pegida und die AfD haben verstanden, wie soziale Medien funktionieren. Sie haben ihre Auftritte perfektioniert. Die Verantwortlichen der AfD posten fast ausschließlich Banner mit Fotomontagen und Zitaten. Dazu einordnender Text und der Verweis auf das Parteiprogramm. Solche Bilder werden vom Algorithmus eher bevorzugt, sie generieren mit ihrer einfachen Struktur mehr Reaktionen. Pegida geht ähnlich vor. Unter einem Beitrag laufen 6000 Meinungen auf, 8000 Mal drücken Nutzer „Gefällt mir“. Facebooks Algorithmus erkennt unabhängig vom Inhalt das Interesse am Post und geht davon aus, dass er noch mehr Menschen interessieren könnte. Damit erreichte ein Beitrag mal mehr als drei Millionen Menschen. Vieles von dem, was Pegida schreibt oder anderen vorwirft, ist nicht korrekt. Man bezieht sich auf eine Falschmeldung, die in ein bestimmtes Erzählmuster passt. Entscheidend für den Erfolg ist, dass ein Posting polarisiert.

          Die AfD folgt dem. Jeder Inhalt, der veröffentlicht wird, muss emotional sein oder polarisieren. So hat es der Verantwortliche des Social-Media-Teams der AfD einmal in dieser Zeitung ausgedrückt. Ärger über die GEZ, Kritik an der Flüchtlingskrise oder Wut über die angebliche Verantwortungslosigkeit von Spitzenpolitikern sind Themen, die Klicks bringen. Die Positionen der AfD werden in knappe, leicht verständliche Statements gegossen. Frauke Petry etwa kommentiert die Kriminalitätsstatistik: „3400 ,bedauerliche‘ Einzelfälle in den Asylheimen in Sachsen.“ In ganzen Zahlen klingt das viel. Dabei liegt die Kriminalitätsrate unter Flüchtlingen etwa ein Prozent über dem Landesschnitt. Betrachtet man die Zusammensetzung der Flüchtlinge, die vor allem aus jungen Männern bestehen und damit einer Risikogruppe angehören, ist das nicht ungewöhnlich. Bei der AfD ist so eine Darstellung nicht Ausnahme, sondern Teil eines Musters.

          „Echte Informationen abseits der Lügenpresse“

          Die AfD bemüht sich in ihren Beiträgen um den Anschein von Bürgerlichkeit, für Pegida ist das zunehmend unwichtig geworden. Auf der Facebook-Seite der „Patrioten Europas“ wird etwa die Nachricht veröffentlicht, zwei Flüchtlinge hätten ein Lebensmittelgeschäft ausgeraubt. Quelle sind nicht etwa Tagesschau oder „Dresdner Morgenpost“, sondern PI News. Wie „Epoch Times“ und Kopp-Verlag verbreiten sie Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien. Bis vor ein paar Jahren sind Seiten wie diese in den Tiefen des Internets untergegangen, waren nur Angehörigen der Szene bekannt. Von Pegida und vielen anderen, die eine wachsende Reichweite haben, werden sie als ernstzunehmende Quellen veröffentlicht.

          Bei einem Publikum, das mehrheitlich klassischen Medien misstraut, haben sie besonderen Erfolg. „Echte Informationen abseits der Lügenpresse“, verspricht einer der Pegida-Organisatoren in einem Post. Die dazugehörige Nachricht hatte sich schon Monate zuvor als Falschmeldung herausgestellt.

          Intensive Nutzer der Pegida-Seite, die Facebooks App installiert haben, bekommen mehrmals täglich Hinweise auf neue Posts. Alle paar Stunden taucht zwischen Urlaubsbildern und Statusmeldungen von Verwandten ein Posting von Pegida auf. Zwei Drittel der Pegida-Anhänger im Netz stammen aus dem Osten. Ein Fünftel ist in den neuen Bundesländern geboren und lebt inzwischen im Westen. Im Raum Dresden ist die Zustimmung besonders groß. Hochgerechnet folgt jeder siebte männliche Dresdener der Pegida-Seite. Pegida ist dort zum Massenmedium geworden.

          Das Sagbare ist auf der Pegida-Seite immer stärker ausgeweitet worden, heißt es in einer Studie des Instituts für Demokratieforschung in Göttingen. Als die Medien über den Galgen berichteten, den ein Demonstrationsteilnehmer laut Aufschrift für Sigmar Gabriel vorgesehen hatte, freute man sich über die Aufmerksamkeit. „Es geht voran!“, kommentierte ein Nutzer. Aufmerksamkeit wird zum Selbstzweck. Von offenem Islamhass und Fremdenfeindlichkeit entwickelt sich die Diskussion immer stärker dahin, dass man Gewalt nicht nur toleriert, sondern sie selbst als Mittel erkennt. Die Pegida-Facebook-Seite wird, so die Studie, zum Raum für Radikalisierung.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Du musst nicht lügen Video-Seite öffnen

          Facebook : Du musst nicht lügen

          Eigentlich sehen die Regeln von Facebook vor, dass ein Nutzer mindestens dreizehn Jahre alt sein muss. Jetzt präsentiert das Unternehmen eine Spezialversion seines Messengers für Kinder.

          Der Mann, der Trump zum Schweigen brachte Video-Seite öffnen

          Twitter : Der Mann, der Trump zum Schweigen brachte

          Anfang November wurde das Twitter-Konto des amerikanischen Präsidenten Donald Trump lahmgelegt. Der Deutsche, der das getan hat, beharrt darauf, dass es ein „Versehen“ war.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Die französische Philosophin Elisabeth Badinter und die deutsche Publizistin Alice Schwarzer diskutieren in der Pariser Wohung Badinters.

          Islam und Antisemitismus : „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

          Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.