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Kampf gegen Antisemitismus : „Alle Demokraten müssen zusammenstehen“

  • -Aktualisiert am

Salomon Korn, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Frankfurt, anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel im Frankfurter Dichterviertel am 02.12.2016. Bild: Frank Röth

In Zeiten, in denen rechte Kräfte erstarken, gewährt die Pressefreiheit den Schutz von Minderheiten. Ein Gastbeitrag des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde.

          „Wir schützen Sie nicht.“ In einem Interview berichtet die mehrfach ausgezeichnete Journalistin Andrea Röpke, wie häufig sie diesen Satz bei Recherchen im Neonazi-Milieu oder auf Demonstrationen von einzelnen Polizisten gehört hat.

          Bei aller Hochachtung für die Arbeit der Polizei beklagt sie deren Überforderung im Umgang mit dem rechten Mob und die Unsicherheit vieler Polizisten in Sachen Medienrecht. Andrea Röpke ist kein Einzelfall. Spätestens anhand der Ereignisse in Chemnitz und der Bilder von bedrohten Journalisten wurde die Gefahrenlage für Medienvertreter im Umfeld rechter Umtriebe deutlich.

          Angriffe auf die Pressefreiheit sind für Angehörige von Minderheiten ein Alarmzeichen. In den dunklen Jahren des Nationalsozialismus war durch die Gleichschaltung der Presse die wichtigste Schutzmacht der verfolgten Minderheiten liquidiert worden. Mit der Flucht von etwa 2000 Journalisten und Schriftstellern ins Exil verstummte jede Kritik an der mit hasserfüllter Gründlichkeit geführten Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Das Fehlen einer differenzierten Presseberichterstattung hatte dramatische Folgen: Die Mehrheit der Juden unterschätzte den Ernst der Lage.

          Ein Satz, der Angst macht

          Der unbändige Judenhass der Nationalsozialisten, die antijüdischen Gesetze, der staatliche Raub jüdischen Eigentums – himmelschreiendes Unrecht prägte den Alltag der Juden. Die Verbundenheit mit Deutschland war jedoch zu stark, um die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dafür hätte es insbesondere der Meinungsvielfalt der freien Presse bedurft, der Möglichkeit ungehinderter Diskussion und des Zugangs zu Informationen.

          Die gleichgeschalteten Zeitungen fragten nicht nach Verantwortung. Der Journalist Konrad Heiden, Jude und seit 1933 im Exil, berichtete schon Ende 1938 über die Pogrome und hob die Feigheit der Täter hervor. Alle Blätter, so Heiden, hätten über die brennenden Synagogen berichtet, keine Zeitung habe jedoch das „Anzünden“ thematisiert. Antisemitische Gewalttäter genossen gleichsam juristische Immunität. Die in Deutschland lebenden Juden hingegen waren spätestens 1939 endgültig aller bürgerlichen Rechte und Freiheiten beraubt und dem in die Vernichtung mündenden Terror schutzlos ausgeliefert.

          „Wir schützen Sie nicht.“ Der von Andrea Röpke zitierte Satz erhält vor diesem Hintergrund einen neuen Klang. Es wird verständlich, warum er bei den in Deutschland lebenden Juden, zumal den Überlebenden des Holocaust und ihren Nachfahren, Urängste auslöst. „Wir schützen Sie nicht.“ Worte, die auch 80 Jahre später die Verzweiflung und Panik im Angesicht des völligen Ausgeliefertseins wiederaufleben lassen.

          „Der Toten gedenken, ohne die Lebenden zu vergessen.“

          80 Jahre nach den Novemberpogromen in Deutschland und Österreich regiert in Österreich eine konservativ-rechtsextreme Koalition. In Deutschland sind seit den Landtagswahlen in Bayern und Hessen die Vertreter der extremen Rechten in allen Landesparlamenten vertreten. Diese hohen Zustimmungswerte und die von steigender Gewalt geprägten Auftritte der Rechtspopulisten werfen die Frage nach der Erinnerungskultur in Deutschland auf.

          Den Aufstieg des Rechtspopulismus einfach als Ausweis des Scheiterns der Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu sehen, ist nicht hilfreich. Nichtjuden und Juden, alle der Demokratie verpflichteten Kräfte in diesem Land, sind angesichts des nahenden Abschieds von den Zeitzeugen gemeinsam gefordert, sich über die Ausrichtung des Gedenkens und die Anpassung der Erinnerungskultur an die veränderten Zeitumstände zu verständigen. Die immer auffälligeren generationsbedingten Wahrnehmungsunterschiede können Perspektiven für neue Formen des Erinnerns eröffnen.

          Wegweisend erscheint der Leitgedanke der israelischen Organisation „AMCHA“, die psychotherapeutische und soziale Hilfsangebote für Überlebende der Schoa und deren Angehörige bereit stellt: „Der Toten gedenken, ohne die Lebenden zu vergessen.“ Die Lebensberichte der zumeist selbst schwer gezeichneten Nachkommen rücken das Holocaust-Gedenken an die Gegenwart heran.

          Für gleichaltrige oder jüngere Nichtjuden ist die Lebens- und Gedankenwelt der Nachfolgegenerationen der Überlebenden näher als die so fern und in ihrem unendlichen Leid fast irreal erscheinenden Berichte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Holocaust-Erinnerungen der Nachkommen mögen aus zweiter Hand sein, haben dadurch aber ihre ganz eigene Authentizität.

          Zum Schutz der Minderheitsrechte

          Nein, nicht die Juden sind aufgefordert, den Antisemitismus zu bekämpfen. Antisemitismus ist ein Problem der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Was die jüdische Gemeinschaft, gerade die jüngere Generation aber wagen sollte, ist, sich allen Sorgen und Ängsten zum Trotz gesellschaftlich und politisch mehr einzumischen, präsenter zu werden, alltäglicher.

          80 Jahre nach den Novemberpogromen, konfrontiert mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und erschütternder antisemitischer Übergriffe, sollte uns das Bekenntnis von Joel Berger, dem orthodoxen Landesrabbiner von Baden Württemberg, zu einem „Jetzt erst recht“ ermutigen: „Ich bin froh und dankbar (...) in Deutschland zu leben, (...) in einem Staat, der ein demokratischer, aufgeklärter, moderner, toleranter Staat ist (...). Ich fühle mich hier als Bürger dieses Staates (...). Die Freiheit, die Freizügigkeit, die Rechtssicherheit, die Toleranz anderen Menschen (...) gegenüber – das ist in Europa in kaum einem anderen Land so geboten wie hier. (...) Das kann nur jemand begreifen, der 30 Jahre seines Lebens in terroristischen, diktatorischen, undemokratischen Staaten gelebt hat.“

          Im Sinne Joel Bergers gilt es mehr denn je, gemeinsam die demokratischen, rechtsstaatlichen Errungenschaften Deutschlands zu verteidigen; gilt es, sich mit engagierten, die Pressefreiheit verteidigenden Journalisten wie Andrea Röpke zu solidarisieren und den Verteidigern der Freiheits- und Minderheitenrechte den Rücken zu stärken. Der Appell „Nie wieder!“ ist nutzlos ohne das Zusammenstehen aller Demokraten.

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