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Veröffentlicht: 04.04.2017, 07:53 Uhr

Interview mit Pädagogin Wie alltäglich ist Antisemitismus an Schulen?

Ein jüdischer Junge wird in Berlin antisemitisch beschimpft und verlässt die Schule. Im Interview erklärt eine Expertin, wieso die Beleidigung „Du Judenschwein“ nicht nur unter arabischstämmigen Kinder verbreitet ist – und wie Lehrer reagieren sollten.

von Florentine Fendrich
© dpa Diskriminierung im Klassenzimmer: Bereits im Kinder- und Jugendalter kommt es zu antisemitischen Beleidigungen.

Frau Kleff, in Berlin wurde ein jüdischer Junge wegen seiner Religionszugehörigkeit beleidigt, es sollen Sätze wie „Juden sind alle Mörder“ gefallen sein. Kommen solche antisemitischen Vorfälle an Schulen häufiger vor?

Fälle wie diese sind nicht typisch. Solche Sätze fallen nicht jeden Tag an jeder Schule in Deutschland. Antisemitismus ist als Form der Diskriminierung nicht mehr und nicht weniger als andere verbreitet, wie zum Beispiel Homophobie oder Sexismus. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Wäre dieser antisemitisch konnotierte Vorfall weniger relevant, wenn es der einzige wäre? Die Antwort ist natürlich Nein, man muss jedem Fall die gleiche Aufmerksamkeit schenken.

45667846 © Foto: privat Vergrößern Sanem Kleff ist die Leiterin des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Dem Netzwerk gehören inzwischen über 2000 Schulen in Deutschland an, die Diskriminierung im Schulalltag unterbinden möchten.

In den Medien liest man häufig, dass vor allem muslimische Schüler durch antisemitische Anfeindungen auffallen. Was ist da dran?

Auch in Deutschland existiert eine antisemitische Haltung, die aus der unsäglichen nationalsozialistischen Ideologie stammt und immer noch in Teilen verbreitet ist. Es gibt rechtsextrem orientierte Jugendliche der Mehrheitsgesellschaft, die Mitschüler mit diskriminierenden Aussagen beleidigen. Auf der anderen Seite tun dies auch Kinder mit Migrationshintergrund, vor allem, wenn sie aus einer Familie stammen, die eine biografische und politisch islamistische Beziehung zum Nahen Osten als Region hat. Dort ist das politische Israel ein großes Thema.

Inwiefern verstehen die Kinder, was sie da sagen, wenn sie antisemitische Beleidigungen von sich geben?

In dem aktuellen Fall sprechen wir von einer Gemeinschaftsschule, also Schüler und Schülerinnen von der ersten bis zur zehnten Klasse, die Ältesten an der Schule sind selbst noch halbe Kinder. In diesem Alter entwickeln sie natürlich noch keine eigenen politischen Theorien, sie schnappen diese Sätze meistens irgendwo auf, in der Familie, bei Freizeitangeboten oder in den Medien. Dann tragen sie das weiter in die Schule. Es funktioniert ähnlich wie mit dem Wort „schwul“: Die Kinder wissen in dem Alter gar nicht genau, was das bedeutet, aber sie haben durchaus mitbekommen, dass es den anderen verletzt, wenn man so etwas sagt. Ganz ähnlich benutzen sie auch Ausdrücke wie „Du Judenschwein“ – häufig völlig kontextlos.

Wie sollte ein Lehrer handeln, wenn so etwas passiert?

Ganz wichtig ist, dass man über den Vorfall redet. Kein Akt der Diskriminierung darf nur mit einem Schulterzucken registriert und dann vergessen werden. Es wäre aber auch falsch, jedes Mal einfach irgendeine Strafe zu vergeben und sich damit zu begnügen. Wir müssen bei diesen Dingen noch besser hinschauen und jeden Fall individuell betrachten: Wer sind die Kinder, die sich antisemitisch äußern? Kommen sie aus einer Region im Nahen Osten oder sind emotional mit einer solchen Region verbunden? Oder gibt es ganz andere Gründe für ihr Verhalten?

Sie leiten das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Was kann eine Schule tun, um Antisemitismus vorzubeugen?

Unsere Funktion ist es, die Schulen, die freiwillig bei unserem Projekt mitmachen, in Sachen Prävention zu unterstützen. Mit einer einzigen Aktion kann man menschenverachtende Ideologien nicht unterbinden, die Schulen sollten multidimensional handeln. Das heißt, man muss Aktionen wie Workshops oder Zeitzeugengespräche sinnvoll miteinander verbinden und vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg anbieten. Die Berliner Schule, an der sich der Vorfall ereignet hat, ist vor etwa einem Jahr unserem Projekt beigetreten und bislang auch durch gute Mitwirkung aufgefallen. Sie hat viele Informationsmöglichkeiten und Aktivitäten unterstützt, im Moment läuft sogar ein Theaterprojekt, das sich mit den Themen Diskriminierung und Mobbing auseinandersetzt. Ich hoffe für die Schule, dass sie sich jetzt durch den medialen Druck nicht dazu verleiten lässt, einfach nur eine Maßnahme nach der anderen aus dem Boden zu stampfen. Sie sollte gezielt auf langfristige Projekte setzen.

Könnte die Flüchtlingssituation einen Einfluss darauf haben, dass das Problem Antisemitismus an deutschen Schulen und in Deutschland allgemein zunimmt?

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Man könnte theoretisch sagen, je mehr Menschen aus den Kriegsgebieten hierherkommen, desto mehr Menschen sind in Deutschland von den politischen Konfliktsituationen im Nahen Osten betroffen. Aus dem Israel-Palästina-Konflikt kann sich sicherlich Antisemitismus entwickeln. Aber man darf auf keinen Fall die Aussage machen, dass alle Menschen, die aus dem Nahem Osten zu uns kommen, für Antisemitismus stehen. Das wäre wirklich diskriminierend und falsch.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Umgang mit dem Thema Antisemitismus an Schulen?

Wir Pädagogen stehen nicht zum ersten Mal vor diesem Problem. Wir können damit auch umgehen, aber ich würde mir wünschen, dass man den Kollegen und Aktiven an den Schulen auch die Zeit zur Verfügung stellt, die sie zu einer erfolgreichen Umsetzung ihrer Ideen bräuchten. Es kann nicht sein, dass immer erst in Reaktion auf einen aktuellen Fall wie jetzt Gegenmaßnahmen von allen Seiten gebilligt und gefordert werden. Diese Maßnahmen müssen auch langfristig angenommen werden. Ich appelliere an die Eltern, sich in Zukunft nicht über Unterrichtsausfall zu beschweren, wenn die Schule etwa eine Projektwoche zum Thema Antisemitismus organisiert.

Quelle: wahlrecht.de
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