10.04.2005 · Die Berliner SPD hat einen verpflichtenden Werteunterricht beschlossen, Religion bleibt freiwilliges Zusatzfach. Die Entscheidung provoziert bundesweite Kritik - nicht nur aus der Union. Unterdessen wünschen sich die Deutschen: Der neue Papst soll neue Antworten geben.
Das von Millionen begleitete Begräbnis des Papstes hat gezeigt: Das Interesse an der Religion ist groß. Sie scheint an Bedeutung zu gewinnen, zusammen mit dem Bewußtsein für Werte - auch in Deutschland.
Das zeigt die Aufmerksamkeit, die eine Auseinandersetzung in der Berliner SPD findet. Die Partei beschloß am Samstag mit großer Mehrheit, einen verpflichtenden Werteunterricht einzuführen. Anders als in Brandenburg soll das Pflichtfach aber nicht zugunsten des konfessionsgebundenen Religionsunterrichts abgewählt werden können. Dieser bleibt in Berlin ein freiwilliges Zusatzangebot.
Eisdiele oder Werteunterricht?
Die Kirchen sollen allerdings Projekte im Ethikunterricht anbieten können. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) sagte, es müsse Schluß sein mit der „Alternative Eisdiele oder Werteunterricht“. Die in Berlin oppositionelle CDU und die Kirchen bestanden freilich darauf, daß das neue Fach zugunsten des Religionsunterrichts abgewählt werden könne. Der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.): „Ich kann kein grundlegendes Problem darin erkennen, wenn ein verpflichtender Werteunterricht in der multikulturellen und -religiösen Stadt Berlin religionsübergreifend angelegt wird.“
Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sprach sich hingegen entschieden für einen Religionsunterricht an deutschen Schulen aus. „Wir brauchen einen offensiven Umgang mit dem Christentum in unserem Land. Die letzten Tage haben gezeigt, daß das Christentum eine Religion ist, die über alle Konfessionen und Religionen hinweg verbindet“, sagte Koch der F.A.S.
„Schreckliche Fehlentwicklung“
Der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sprach mit Blick auf die Entscheidung der Berliner SPD von einer „schrecklichen Fehlentwicklung“. Stoiber sagte der F.A.S.: „Wenn man den Religionsunterricht abschafft und damit die Möglichkeit, feste christliche Werte zu erkennen, dann läßt man die Menschen im Stich.“ Stoiber hob hervor: „Unsere Werte sind nun einmal christlich-abendländisch.“
Der niedersächsiche Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) stellte lapidar fest: „Der größte Intelligenzquotient nützt nichts, wenn man ein emotionaler Trottel ist.“ Auch der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen CDU, Jürgen Rüttgers, kritisierte die Berliner SPD. Die Idee, den Religionsunterricht durch einen Werteunterricht ersetzen zu wollen, könne „nur von Leuten kommen, die nicht verstanden haben, was Kinder für ein selbstbestimmtes Leben brauchen: Werte und eben Gott“.
Deutsche wollen einen „modernen“ Papst
Nach Bekunden des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU) zerstört die Berliner SPD „ein wichtiges Fundament unserer Gesellschaft“. In Thüringen werden Religionsunterricht und Ethikunterricht parallel angeboten.
Zugleich wurde am Sonntag der Wunsch vieler deutscher Katholiken deutlich, der zukünftige Papst möge reformorientierter sein als Johannes Paul II. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte der F.A.S., der Nachfolger solle im Interesse einer „wirklichen Vielfalt“ den innerkirchlichen Dialog fördern. Es sei „ein Unterschied, wo man Christ ist, ob in Europa, Afrika oder Südamerika“.
Wowereit: Homosexualität anerkennen
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wünscht sich, daß der künftige Papst die Kirche „von innen modernisiert“. Darunter versteht er unter anderem, daß Homosexualität als „gleichberechtigte Lebensform anerkannt“ werde.
Auch Dieter Althaus (CDU) ist der Ansicht, daß der zukünftige Papst zu Aspekten der Sexualmoral, insbesondere zur Empfängnisverhütung, neue Antworten geben muß. Ebenso sagte Annette Schavan (CDU), Kultusministerin in Stuttgart: „Vom neuen Papst wünsche ich mir auch Mut und Aufgeschlossenheit für das, was die katholische Kirche bislang noch nicht entfaltet hat, gleichwohl aber in ihr steckt: zum Beispiel Vertrauen in die Ortskirche und Anerkennung der Frauen in der theologischen Wissenschaft und als Seelsorgerinnen.“ Auch Christa Nickels, kirchenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, äußerte sich in diesem Sinne.
Hans Maier, der frühere Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, wagt indes auf eine Renaissance des Glaubens nicht zu hoffen: „Der Unglaube ist (noch) unsicherer geworden - und das ist auch schon etwas.“