19.01.2007 · Eisern arbeitete Edmund Stoiber am Tag nach der Rücktrittsankündigung seine Termine ab. Die CSU-Granden ringen derweil um die Posten, die jetzt neu verteilt werden. Längst geht es um mehr als den Sessel des Regierungschefs und den Parteivorsitz.
Von Albert Schäffer, MünchenMuss man sich Edmund Stoiber als glücklichen Menschen vorstellen? Eisern arbeitete der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende am Tag nach seiner Rücktrittsankündigung seine terminlichen Verpflichtungen ab. Am Abend verlieh er auf einer Galaveranstaltung im Münchner Prinzregenetentheater den Bayerischen Filmpreis - an eine, wie seine Staatskanzlei formulierte, „erfrischende, humorvolle Sommerkömodie mit Tiefgang und Herz“: „Wer früher stirbt ist länger tot.“
Die präsidiale Würdigung des Films hätte auch die Turbulenzen in der CSU charakterisieren können: „Ein Genremix, der Fantastisches und Surrealistisches mit bayerischem Humor und Schlitzohrigkeit zu einem herausragenden Gesamtkunstwerk verbindet.“ Am Abend zuvor hatte Stoiber bei einem Neujahrsempfang in Bamberg mit einer Verve gesprochen, als präsentiere sich ein vielversprechender Nachwuchspolitiker der Parteibasis.
Interview-Kaskaden
Das Wort von Albert Camus, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, erhielt eine bayerische Beglaubigung, die in der CSU sich manche die Augen reiben ließ. War es wirklich Edmund Stoiber gewesen, der am Donnerstag angekündigt hatte, sein Amt als Ministerpräsident zum 30. September niederzulegen? Die CSU-Granden mühten sich, mit Interview-Kaskaden über die politischste aller Fragen „Wer wird was?“ letzte Zweifel zu zerstreuen. Doch eine gewisse Unwirklichkeit blieb zurück; nicht wenige CSU-Politiker erweckten den Eindruck, als müssten sie ab und zu zu einem Spickzettel greifen, auf dem mit großen Lettern vermerkt war: „Stoiber gibt auf“.
Doch als Refugium für Melancholiker und Zweifler taugt die Politik wenig, zumindest nicht für Hauptakteure. Sie verbrachten den Freitag - wie schon die vergangenen Tage - mit Telefonaten und Gesprächen, mit Angeboten zu Geschäften und Gegengeschäften. Längst ging es nicht nur um die Ämter des Ministerpräsidenten und des Parteivorsitzenden, die Stoiber räumt; auch andere Positionen in Kabinett und Partei standen im Blick. Die Machtarchitektur der Partei sollte möglichst rasch geordnet werden, um nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen wieder landes- und bundespolitische Handlungsfähigkeit zu erklären.
Rasch stand zumindest eine Personalie fest: Der nächste bayerische Ministerpräsident soll Günther Beckstein heißen. „Das ist eine klare Situation“, ließ der Präzeptor der Partei, Landtagspräsident Glück, wissen. Von Beckstein erhoffte sich nicht nur Glück eine Fülle des Wohllauts nach all den schrillen Dissonanzen der vergangenen Wochen: Mit Beckstein werde die Arbeit der Staatsregierung fortgeführt ohne Nebengeräusche. Beckstein war am Freitag in der bequemen Lage, Demut demonstrieren zu können - und mit ernster Miene festzustellen, es sei noch keine Entscheidung gefallen. Man sei nicht am Ende, sondern am Beginn von Gesprächen.
Unklare Gefechtslage
Gleich mehrere Gewichte brachten die Waagschale in eine eindeutige Lage zugunsten Becksteins: seine überragenden persönlichen Werte bei Umfragen, sein großer Rückhalt in der CSU-Landtagsfraktion, die er auch bei heiklen Reformen wie der Änderung der Polizeiorganisation auf seiner Seite gehalten hatte, und schließlich sein Alter. Mit 63 Jahren raube er der nächsten Generation nicht alle Hoffnung auf Ämter, lautete eine beliebte innerparteiliche Lesart; vor Männern wie dem Vorsitzenden der CSU-Landtagsfraktion, Herrmann, fünfzig Jahre alt, werde kein großes Schild aufgerichtet mit der Aufschrift: Sackgasse.
Weniger klar als bei Beckstein war am Freitag die Gefechtslage bei der Nachfolge Stoibers im Amt des CSU-Vorsitzenden. Zwischen den Anhängern des bayerischen Wirtschaftsministers Huber und des Bundeslandwirtschaftsministers Seehofer wurde um einen der wertvollsten Stoffe in der Politik gerungen - die Zeit.
Huberianer gegen Seehoferianer
Die Huberianer drängten darauf, rasch eine Vorentscheidung herbeizuführen. Ihr Kalkül, unerbittlich, wie die Usancen in der Politik nun einmal sind, war klar: Die Gunst der Stunde, dass Seehofer durch Berichte über sein Privatleben in Bedrängnis geraten ist, sollte genutzt werden. Die Chance Seehofers, dass bis zu einem Parteitag im September sich die Aufregungen gelegt hätten, sollte minimiert werden.
Es war der Tag, an dem die jeweiligen Anhänger bedacht waren, mit möglichst großen Scheinwerfen die Stärken ihres Mannes und die Schwächen des Gegners auszuleuchten. Die Huberianer stellten vor allem die bundespolitischen Erfahrungen des Wirtschaftsministers aus, um Bedenken zu zerstreuen, die bundespolitische Kompetenz der CSU werde geschwächt. Der Niederbayer Huber erschien in diesem Licht fast schon - bayerisch formuliert - als „Berliner Gwachs“. Schließlich habe ihm die CDU-Vorsitzende Merkel selbst den bundespolitischen Ritterschlag erteilt, als sie ihm nach der Bundestagswahl angeboten habe, Kanzleramtsminister zu werden.
Seehofer bedurfte solcher Heldensagen weniger, um sein bundespolitisches Profil unter Beweis zu stellen. Seine Gefolgsleute mussten sich mehr darauf konzentrieren, Einschätzungen entgegenzutreten, die Berichte über Seehofers Privatleben schadeten der CSU zumindest in einem gewissen Teil der Anhängerschaft; auch wenn die Zeiten sich geändert hätten. Und schließlich gehöre es zum christlichen Menschenbild, dass der Mensch nicht perfekt sei und keine Biographie ohne Brüche verlaufe, führten die Seehoferianer ins Feld, fest das „C“ im Parteinamen im Blick.
Stoiber probt eine neue Rolle
Es war ein Tag für die CSU, an dem alte und neue Rollen geprobt wurden - auch von dem Pflichtmenschen Stoiber. Sorgsam wurde in der Partei registriert, dass er am Freitagnachmittag die Spitzen der Partei - den Fraktionsvorsitzenden Herrmann, den Vorsitzenden der Landesgruppe im Bundestag Ramsauer, Landtagspräsident Glück, die stellvertretende Parteivorsitzende Stamm, die Minister Huber und Beckstein - nicht in der Staatskanzlei zu einer großen Runde versammelte, sondern zu Einzelgesprächen empfing, begleitet von einem ausführlichen Telefonat mit Seehofer.
Manche sahen in diesem ein wenig monarchisch anmutenden Protokoll schon ein Debüt im Part des großen alten Mannes der CSU - den man sich ja auch als glücklichen Menschen vorstellen kann.
mir tut er scho a bisserl leid...
hartmut stroth (hartmut_stroth)
- 19.01.2007, 19:19 Uhr
???
Burghard Schmanck (Schmanck)
- 19.01.2007, 23:40 Uhr
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- 20.01.2007, 11:45 Uhr