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Politische Predigten : „Welt“-Chef: Im Gottesdienst muss das Theologische dominieren

  • Aktualisiert am

Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, aufgenommen im September 2015 während der ARD-Talksendung „Anne Will“ in Berlin Bild: dpa

An Weihnachten hatte der „Welt“-Chefredakteur mit einem Tweet für Wirbel gesorgt, in dem er die Christmette mit einem Abend bei den Jusos verglich. Jetzt hat er seine Kritik an politischen Predigten wiederholt.

          Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“, hat seine Kritik an politischen Predigten bekräftigt. Der Pfarrer müsse zwar seine politische Gesinnung nicht ablegen, wenn er auf die Kanzel steige, doch komme es auf den Kontext an. „Im Gotteshaus muss das Theologische dominieren“, sagte der Journalist der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ laut Vorabmeldung vom Mittwoch.

          Niemand solle mit etwas hinter dem Berg halten, betonte Poschardt. Jeder dürfe sich bekennen, aber in Form einer Predigt, nicht in Form einer „verhinderten Wahlkampfrede vor dem Biomarkt“.

          „Ständige moralische Inquisition“

          Vergangene Woche hatte Poschardt eine Debatte um den politischen Gehalt von Weihnachtspredigten ausgelöst. Er twitterte an Heiligabend: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ Spitzenvertreter von Katholiken und Protestanten widersprachen daraufhin dem Vorwurf, die Predigten an Weihnachten seien zu politisch gewesen.

          Poschardt erklärte nun, schon länger das Gefühl zu haben, dass Kirche zu politisch geworden sei. „Evangelische Kirchentage sind von grünen Parteitagen oft nur schwer zu unterscheiden.“ In der Politik habe die Kirche vielfach Spuren hinterlassen. „Politik ist in Deutschland viel zu sehr säkularisierte Religion“, sagte der Redakteur.

          Die enge Verstrickung zwischen Kirche und Politik sei „seit Luther ihr Fluch wie ihr Segen“. Die ethische Triebkraft des Protestantismus habe sowohl den Wohlstand Deutschlands begünstigt wie auch eine „ständige moralische Inquisition“.

          Der Berliner Pfarrer Steffen Reiche, an dessen Weihnachtspredigt sich die Kritik Poschardts entzündet hatte, verteidigte unterdessen seine Predigt. Viele Gemeindemitglieder seien dankbar für seine „klaren Worte“ gewesen, sagte er der „Christ und Welt“.

          „Mal bin ich ein konservativer, mal ein progressiver Prediger. Im Dialog mit dem Islam beispielsweise sollten wir wahrhaftig bleiben und müssen auch über die kritischen Dinge reden und nicht immer die Augen verkleistern, wie viele Kirchenleitende das aktuell tun“, forderte der Pfarrer, der für die SPD im Bundestag saß und seit vier Jahren Pfarrer in Berlin-Nikolassee ist.

          Die Kirchen seien nicht zufällig leer, sondern „leer gepredigt“ worden, erklärte Reiche. Das „Gerede“ vieler Pfarrer helfe den Menschen in ihrem Alltag nicht. „Kirche soll keine Politik machen. Aber wenn eine Predigt keine Wirkung im politischen Raum hat, dann ist es auch nicht die Botschaft Jesu“, sagte der Pfarrer.

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