23.12.2011 · Ob Fichte, Nordmann- oder Nobilistanne: Der Weihnachtsbaum verrät über die Menschen, die ihn schmücken, viel mehr, als sie denken.
Von Justus BenderDie Fichte also. Dürr steht sie am Rande des Frankfurter Weihnachtsmarkts, wo Händler im Schneematsch zwischen Bauzäunen eiligen Familienvätern die Weihnachtsbäume in das Auto laden. Es ist der 21. Dezember, der dunkelste Tag des Jahres, und Phil Langer, 36 Jahre alt, ein Soziologieprofessor der Goethe-Universität, hat sich als Weihnachtsbaum diese gakelige Fichte ausgesucht. Nicht weil sie so schön sei, sagt er, eher aus Protest, weil dieses kleine verwachsene Bäumchen sonst niemand haben wolle. Weil selbst Peter Glück, der Händler, die Fichte misstrauisch anschaut und sagt: „Komm, die verliert nach vier Tagen ihre Nadeln, nehmen Sie lieber eine Nordmanntanne.“
Langer will aber keine Nordmanntanne. Er will auch keine Nobilistanne, den „Mercedes unter den Weihnachtsbäumen“, wie Glück sagt. Langer will die Außenseiter-Fichte, weil sie „in unserer neoliberalen Leistungsgesellschaft offenbar dafür diskriminiert wird, dass sie schneller nadelt als andere“. Langer meint das im Scherz. Aber er erzählt auch von seinem Bruch mit seiner Familie, seinem Outing als Homosexueller, seinem Engagement gegen die Diskriminierung von Aids-Kranken. „Ich kann mich auf gewisse Weise mit diesem Baum identifizieren. Das ist sozusagen mein Plädoyer für die Anerkennung der Differenz“, sagt er. Das erinnert irgendwie an das Bonmot, mit dem der Volksmund über Hunde und ihre Herrchen spricht. Dass nämlich der eine in Charakter und Aussehen immer auch ein Spiegelbild des anderen ist, ein Baum wie sein Besitzer.
Mit seiner Fichte unter dem Arm spaziert Langer zu seinem Auto. Vom Weihnachtsmarkt her tönt Adventsmusik herüber, die Maronenstände haben rauchende Schornsteine. Nur in seinem steten Redefluss ist Langer ein gewisses Unbehagen an der Situation anzumerken. „Ich habe schon Jahre keinen Weihnachtsbaum mehr gekauft“, sagt er. „Das stand für mich immer für die Verbürgerlichung der Gesellschaft. Man fühlt sich, als sei man kurz davor, sich demnächst auch näher mit dem Tarifsystem der Bahn zu beschäftigen oder Sonntagsputz zu machen. Und ich kann mit einer bürgerlichen Kernfamilie eben nicht dienen.“
Unterwegs, in einem Geschäft, kauft Langer noch Lametta und Glaskugeln ein, geschmackloses Zeug, über das man schmunzeln muss. „Das wird eine Travestie von einem Weihnachtsbaum, weil er nur so erträglich ist.“ Die Strohsterne am Verkaufstisch daneben würdigt Langer keines Blickes. Die erinnerten ihn an den selbstgemachten Schmuck seiner Mutter, „da fehlt mir die schützende Ironie. Gleichzeitig verbirgt sich hinter dieser Ironie natürlich eine große Sehnsucht.“
Langer wäre kein habilitierter Sozialpsychologe, wenn er sein Verhalten nicht gleichzeitig reflektieren würde. Wer keine Kinder habe, brauche eine narrative Rechtfertigung für den Weihnachtsbaumkauf, sagt er - oder einen ironischen Bruch. Langer ist befreundet mit einem Paar, einer Deutschen und einem Türken, die sich, erzählt er, auch einen Baum gekauft hätten, allerdings eine windschiefe und knorrige Version. „Ein sozusagen migrantisch gebrochener Baum“, sagt Langer. Auch für dieses Paar sei der Baumkauf ein Politikum gewesen, eine Frage ihrer Positionierung in der bürgerlichen Gesellschaft. Man kann viel lernen über Menschen, wenn man mit ihnen über ihre Weihnachtsbäume spricht.
Der Deutsche und sein Baum, vielleicht war das immer eine Geschichte voller Emotionen. Kein Gartenstrauch oder Topfgewächs wäre imstande, jene Gefühlswallungen auszulösen, die deutsche Wohnzimmer alljährlich heimsucht, wenn der Weihnachtsbaum seinen Platz einnimmt. Es ist eben ein ganz besonderes Gewächs. Schon in jenem uralten Weihnachtslied, das Kinder singen, klingt etwas von dieser Bedeutungsschwere an:
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren.
Allein, was will das harzige Stachelkleid uns lehren? Der Hauptverband der Holzindustrie rühmt alle Jahre wieder neue Höchstmarken des Weihnachtsbaumverkaufs. Wäre diese Meldung in diesem Jahr nicht mit einem Nebensatz versehen, man würde sie für die langweilige Wasserstandsmeldung einer eher unauffälligen Wirtschaftsbranche halten. Indes lautet dieser Nebensatz: „Die steigende Zahl der Single-Haushalte ist für den Zuwachs verantwortlich.“ Das klingt nach einer Krise eines einsamen Milieus.
Es ist viel gesagt worden über die Single-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Soziologen sprechen von „Cocooning“, die Menschen leben ihr Leben gemeinsam in Städten - aber auch aneinander vorbei. Selbst Paare haben getrennte Wohnungen, man kennt seine Nachbarn nicht und sieht die Verwandten dreimal im Jahr zu Weihnachten und Geburtstagen. Das Leben als Single entspricht den Idealen unserer Zeit, ein Leben ohne Verbindlichkeit, das vollkommene Freiheit und Flexibilität offeriert.
Nur einmal im Jahr sucht die Alleinstehenden offenbar eine Sehnsucht heim. Es ist eine düstere Zeit, in der sie mit dem weihnachtlichen Triumphgeheul der Familienidylle konfrontiert sind. Werbekataloge mit lachenden Kindergesichtern trudeln in ihren Briefkästen ein. Weihnachtsdekorationen leuchten in den Fenstern der mittelständischen Reihenhäuser. Und der Single, er stapft mürrisch durch den Schnee, steigt in sein Auto und kauft sich zwischen Bauzäunen auf dem Parkplatz neben einem Supermarkt einen Weihnachtsbaum.
Als Phil Langer noch Single war, hatte er nie einen Weihnachtsbaum. Damals lebte er als Doktorand in Berlin am Prenzlauer Berg und besuchte an Heiligabend das „Berghain“, einen Klub für sehr laute, sehr unweihnachtliche elektronische Musik. „Weihnachten ist das Fest der Stille. Das Berghain aber ist ein Ort der Geschichtslosigkeit. Das komplette Gegenteil von den tradierten Ritualen des Weihnachtsfests, denen man sich verpflichtet fühlt.“ Trotz seiner eigenen Aversion kann Langer die Motive der Singles mit Baum zumindest nachvollziehen. Sie sehnten sich nicht im Jetzt nach einer Familie, sondern nach der Geborgenheit ihrer Kindheit. „Weihnachten ist immer ein rückwärtsgewandtes Ereignis. Man wiederholt die Rituale der Vorfahren. Plötzlich werden Protokollfragen wichtig, etwa jene, ob die Bescherung bei Oma immer vor oder nach dem Essen stattfand. Weihnachten ist deshalb nie unschuldig. Es lebt von der Idealisierung der Vergangenheit und von unserem Scheitern, dieses Ideal jemals wieder zu erreichen.“
Mittlerweile ist Langer mit Auto und Baum in seiner Designerwohnung in Wiesbaden angekommen. Er stellt seine Fichte in einen Getränkekasten, drapiert diesen mit einem Handtuch, und beginnt das silberne Lametta mit künstlerischem Gestus auf den Zweigen zu verteilen. Weil das Gemälde hinter dem Baum blau ist, hat Langer nur blauen Weihnachtsschmuck gekauft. Laut dem Geschäftsführer des Christbaumschmuckherstellers Saico Group, Frank Sajuns, liegt er damit im Trend. Blau habe Lila nach dreijähriger Herrschaft als Modefarbe beim Weihnachtsschmuck abgelöst. Rot, Gold und Silber stünden aber weiterhin an erster Stelle auf der Beliebtheitsskala, wobei Silber neuerdings sogar ein wenig beliebter sei als Gold. Danach folgten Champagner, Beige und Bordeaux.
Es hat etwas unweihnachtlich Größenwahnsinniges, in diesen Farben eine Bedeutung für die Gesamtrepublik sehen zu wollen. Tatsächlich aber gibt es Farbexperten, die auch von einem Blautrend in Christbaumkugeln gewisse Rückschlüsse auf die Befindlichkeit des Weihnachtsbaumschmückers ziehen wollen.
Der Baum des Farbpsychologen Harald Braem ist in diesem Jahr, ganz auf der Welle des Mainstreams, vor allem weiß und silberfarben geschmückt. Das habe nicht er, der Experte, sondern seine Frau so entschieden. „Weihnachten ist das Fest der Sonnenwende, es ist eine der dunkelsten Nächte des Jahres. Die Menschen wollen mit Lichterketten am Baum die Sonne in ihre Höhlen holen.“ Wer Blau gegenüber Lila bevorzuge, wie es der Schmucklieferant Sajuns berichtet, sei in einer entspannten, ruhigen Stimmung. „Blau ist unendlich, Blau öffnet sich, wie das Meer“, sagt Braem. Kaum zu glauben, dass die Bundesbürger sich just im Angesicht einer weltweiten Krise in diesem Jahr nicht für den signalroten, sondern für den blauen Schmuck entschieden hätten, sagt Braem. Umgekehrt mag das Ausdruck einer Sehnsucht nach Entspannung sein.
Dass im Christbaumschmuck nicht nur viel Befindlichkeit, sondern auch Tragödien der deutschen Geschichte zu finden sind, wissen die wenigsten. In jeder Glaskugel, die am Baum hängt, spiegelt sich das Schicksal unserer hungernden Vorfahren. Bis 1858 war es Tradition, den Baum mit echten Äpfeln zu schmücken, die man aus dem Herbst aufgehoben hatte, man nannte sie „Christäpfel“. Sie sollten an den biblischen Sündenfall um Adam und Eva erinnern. Diese Äpfel waren auch der Grund, weshalb Weihnachtsbäume früher nicht in einer Ecke des Wohnzimmers standen, sondern an der Decke hingen: Die Mäuse sollten den Kindern nicht die Christäpfel wegessen.
Um 1858 aber kam eine große Dürre über das Land, Äpfel und vieles andere gab es nicht mehr. Es muss eine sehr traurige Adventszeit gewesen sein, in der sich die Glasbläser der Elsass-Region entschlossen, ihren Mitbürgern wenigstens auf symbolischer Ebene ein wenig Normalität zu schenken: Sie formten Äpfel aus Glas - aus denen die heutigen Glaskugeln entstanden sind. Im Großen zeigt sich so, wie der Weihnachtsbaum auch im Kleinen funktioniert. Wenn Familien den alten Weihnachtsschmuck der Großeltern aus dem Keller holen oder das seit Generationen vererbte Glöckchen zur Bescherung klingeln lassen, dann funktionieren der Familienbaum und seine Traditionen wie ein kollektiviertes Gedächtnis, ein nadeliger Schwamm voller Erinnerungen.
Die Dramaturgie der Rituale, von denen der Heilige Abend handelt, beginnt wahrscheinlich in allen Familien mit dem Kauf des Christbaumes. So auch bei Familie Lemke. An einem kalten Dezemberabend stehen Thomas Lemke, seine Frau Annette Prassel und die zwei Söhne Oskar, fünf Jahre alt, und Tim, sieben Jahre alt, vor einem wurzellosen Wald aus Weihnachtsbäumen in der Frankfurter Innenstadt. Und als es darum geht, einen Baum auszuwählen, ist die Harmonie der Festtage schnell verflogen. „Den hier, Papa, den hier!“, ruft Tim. „Nein, nein, den, Papa, den!“, ruft Oskar zurück. Mutter Annette plädiert mehrmals für eine voluminöse Blaufichte, wird aber von Vater und Söhnen im Verhältnis 3:1 überstimmt, die für eine bestimmte Nordmanntanne schwärmen. „Die sieht erwachsen aus“, sagt Tim mit einem Klang von Fachkenntnis in der Stimme.
Der Baumverkäufer, Ewald Käseberg, kennt solche Szenen. Seit 27 Jahren verkauft er Weihnachtsbäume aus dem Sauerland in einem Hinterhof am Leipziger Platz. Irgendwann in den neunziger Jahren dachte Käseberg schon an ein Aussterben des Weihnachtsbaumes. Da wollten die Bewohner des Frankfurter Nordends partout keine Bäume kaufen. „Damals sind viele Alte gestorben, und es zogen junge Familie nach.“ Nach dem Generationenwechsel erholte sich die Weihnachtsbaumkonjunktur schnell. Heute markiert Käseberg schon im Wald einzelne Bäume für bestimmte Familien, so genau kennt er die Geschmäcker. „Ich weiß oft vorher, welche Familie welchen Baum möchte“, sagt Käseberg.
Sein Käufer Lemke ist wie Langer auch Soziologe an der Frankfurter Universität, er forscht über das Verhältnis von Natur und Gesellschaft, wenn man so will also auch über die Beziehung des Individuums zu seinem Christbaum. Dass Familien wie seine so viel Wert auf die Auswahl ihres Baumes legen, überrascht ihn nicht. „Das Weihnachtsfest um den Baum herum ist für Familien ein Mittel der Selbstvergewisserung. Wer sich um den Baum versammelt, gehört dazu. Deshalb muss der Baum ein Individuum sein, ein echter Baum, kein Plastikbaum. Auch das Schmücken ist der Versuch, die Familie zu definieren.“
Im Wohnzimmer der Lemkes bricht derweil Streit zwischen den Söhnen aus. Oskar möchte sein an einer Klopapierrolle befestigtes Nikolausbild an der Baumspitze plazieren. Tim besteht aber auf den obligatorischen Stern. Auch sonst bestätigt das Sammelsurium des Christbaumschmucks die Thesen des Familienvaters. Die alten Glaskugeln der Großmutter werden nicht deshalb gehängt, weil sie so schön sind, sondern weil sie zu einem echten Lemke-Baum dazugehören.
Wenn Lemke über die Gesellschaftstheorien nachdenkt, an denen er an der Fakultät forscht, dann passt der Weihnachtsbaum dort auch irgendwie hinein. Den Naturzustand der Menschheit, über den Denker wie John Locke gerne philosophieren, sei meist die Utopie von „einem Leben im Einklang mit der Natur“. Auch deshalb sei ein Plastikbaum in Deutschland - anders als im pragmatisch orientierten Amerika - undenkbar, weil im romantischen Naturverständnis der Deutschen nur das Natürliche für Frieden und Harmonie stehe; das menschengemachte Plastik hingegen sei ein Symbol für die Verfehlungen und Konflikte der Moderne.
Freilich hat das weihnachtliche Gestrüpp, ob aus dem Wald oder aus Plastik, in der Bundesrepublik nicht nur Freunde. Der Soziologe Tilman Allert spricht, was die Weihnachtsmuffelei anbelangt, von der sozialen Gattung des „Weihnachtsflüchtlings“. Dieser schüttele die Last des Rituals ab, indem er - mit einem gewissen Trotz - an Heiligabend lieber Maya-Tempel im mexikanischen Regenwald besichtige oder in Thailand am Strand bade. „Solche Menschen fliehen vor der diktierten Muße, die in ihrer Zwanghaftigkeit natürlich ein Widerspruch in sich ist. Und sie fliehen vor der Forderung nach familiärer Selbsterkenntnis, die auch das Eingeständnis eines Scheiterns beinhalten kann.“
Ein anderer Typus von Weihnachtsmuffel bricht die Regeln der Tradition durch eine „Mikrorebellion“. Das kann das demonstrative Schauen von Tierfilmen an Heiligabend sein, das ironische Schmücken des Weihnachtsbaumes, wie Langer es tut, oder das Plaudern mit Nachbarn während des Weihnachtsgottesdienstes. Aber, sagt Allert, auch solche Muffeleien sei ja ein Akt des Feierns mit rebellischem Bezug zur Tradition. Indifferenz, die sich auf etwas beziehe, sei logisch gar nicht denkbar, sagt Allert. „Solange alle Menschen an diesen Tagen etwas Besonderes tun, gibt es niemanden, der Weihnachten nicht feiert.“
Rituale
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Ein Baum im Zimmer m. gläsernen
"Äpfeln",Papiersternen sowie Kerzenbeleuchtung-u kein Fortschritt
günther reichert (g.reichert)
- 24.12.2011, 16:07 Uhr