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Weihnachten : Wider das Kirchensterben

Gotteshäuser sind mehr als Versammlungsräume. Sie sind Stein gewordener Glaube. Jede Profanierung ist auch ein Akt der Selbstaufgabe einer Gemeinschaft.

          Alle Jahre wieder ist es so weit: Kirchen, die im Advent eher wüst und leer waren, können an den Weihnachtstagen die Menschenmassen kaum fassen. Die Krippenspiele am Heiligen Abend, Christmetten zu mitternächtlicher Stunde, festlich ausgeschmückte Gottesdienste am ersten und zweiten Feiertag, dazu in Bischofs- und Klosterkirchen reich gestaltete Abendgebete - viele, denen der Kirchgang zu den anderen Zeiten des Jahres wenig bedeutet, wollen einen Gottesdienstbesuch an den Weihnachtstagen nicht missen.

          Doch immer öfter sind die Tränen, die bei „Stille Nacht, heilige Nacht“ fließen, nicht nur Zeichen der Ergriffenheit. In manch einer Gemeinde heißt es Abschied zu nehmen, Abschied von einem Kirchenraum, der nicht länger dazu bestimmt ist, dass sich Sonntag für Sonntag eine mal größere, mal kleinere Schar um das Evangelium und die Sakramente versammelt. Wo einst die Kinder getauft

          wurden, so viele einander Liebe und Treue versprachen und die Toten auch noch nach Jahren beim Namen genannt wurden, werden übers Jahr keine Lieder mehr erklingen und keine Kerzen das Dunkel der Nacht erhellen. Die Kirchen werden aufgegeben.

          Etwa zehn Kirchen oder Gemeindehäuser ereilt dieses Schicksal allein in der Evangelischen Kirche im Rheinland - jedes Jahr. Das Bistum Essen, das just in jenem Jahr 1958 gegründet wurde, als im Ruhrgebiet das Zechensterben begann, hat fast jeden dritten Kirchenraum zur Disposition gestellt. Andernorts hat das Kirchensterben noch nicht mit jener Wucht eingesetzt, die neben den betroffenen Gläubigen auch immer wieder Kommunalpolitiker und Denkmalschützer auf den Plan ruft. Doch ein Blick in die kirchlichen Statistiken und Haushaltspläne genügt, um zu wissen, dass die Umwälzungen an Rhein und Ruhr nur die Vorboten einer Säkularisierung sind, wie sie die Kirchen seit dem Ende des Alten Reiches im Jahr 1806 nicht mehr erlebt haben - allerdings mit einem gewichtigen Unterschied.

          Gedenk- und Erinnerungsorte

          Schon zu Napoleons Zeiten wurden Kirchen und Kapellen zu Tausenden ihrer liturgischen Nutzung entzogen. Manche wurden auf Abbruch versteigert, andere zu Pferdeställen umgewidmet, wieder andere dem Verfall preisgegeben. Heute geht es im Großen und Ganzen weniger bilderstürmerisch zu, auch wenn manch eine Nachnutzung oder der Abbruch von Kirchen immer wieder die Gemüter erregt.

          Denn schon Ende der achtziger Jahre wurden erste Stimmen laut, die nach einem planvollen Umgang mit jenen Gebäuden riefen, deren Nutzung wegen des stetigen Rückgangs der Zahl der Gläubigen und der schwindenden Finanzkraft der Kirchen in Frage stand. Die Debatten, die zunächst in der evangelischen Kirche geführt wurden, aber alsbald auch in der katholischen ein Echo fanden, mündeten schon nach wenigen Jahren in eine Fülle von Konzepten und Kriterien für die zielgerichtete „Umnutzung“ von Kirchengebäuden.

          Doch längst nicht überall hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass ein von der Kirchenleitung gefasster Beschluss, einen Gottesdienstort aufzugeben, das Ende wie der Anfang eines Entscheidungsprozesses sein muss. Vor allem darf nichts unversucht bleiben, um die Kirche als Gebäude zu erhalten. Sicher gibt es inzwischen viele Formen der „Nachnutzung“, die als gelungen bezeichnet werden können, etwa als Schule zur Ausbildung in Alten- und Krankenpflegeberufen, als Behindertenwohnheim oder Urnenbegräbnisstätte. Und sicher ist manch ein Gebäude, das in den fünfziger oder sechziger Jahren in aller Eile errichtet wurde, mittlerweile so baufällig, dass der Aufwand für seine Erhaltung in keinem Verhältnis zu dem symbolischen Wert steht. Dennoch ist jede „Profanierung“ auch ein Akt der Selbstaufgabe einer Gemeinschaft.

          Gerade an Feiertagen wie Weihnachten, aber auch an Tagen persönlicher wie kollektiver Trauer zeigt sich, dass selbst die unscheinbarste Kirche mehr ist als ein seelenloser Versammlungsraum für eine zunehmend kleiner werdende Zahl religiöser Virtuosen mit seltsam anmutenden Zeremonien. Als Gedenk- und Erinnerungsort vergegenwärtigen sie die Vergangenheit, als Orte des Heiligen transzendieren sie die Gegenwart, als Stein gewordener Glaube bezeugen sie die sprachlich kaum fassbare Hoffnung auf Ewigkeit.

          Genau deswegen waren und sind Kirchen den Ideologen jeder Couleur stets ein Dorn im Auge gewesen, genau deswegen scharen sich noch heute Bürger, die an allem zweifeln, um ihre von Ideologien jeder Art bedrohten Kirchen. Genau deswegen werden auch heute noch Kirchen gebaut.

          Nirgendwo treten diese Phänomene deutlicher zutage als in Mitteldeutschland. Glaubt man Statistiken über Gott und die Welt, dann ist das Kernland der Reformation eine der religionsfernsten Regionen weltweit. Doch in kaum einer Region Deutschlands werden die Kirchen so in Ehren gehalten wie in den Dörfern und Städten zwischen dem Thüringer Wald und der Elbe. Im Osten hat man hinter sich, was die bewusste Zerstörung von Kirchen bewirkt. Im Westen womöglich noch nicht.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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          Quelle: F.A.Z.

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