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#MeToo fordert Konsequenzen : Was hilft gegen sexuelle Übergriffe?

Demonstration Ende Oktober in Paris: Unter dem Hashtag #MeToo berichten Frauen weltweit von ihren Erfahrungen mit Sexismus. Bild: TESSON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

In den sozialen Netzwerken schallt es: „Me too!“ Sexuelle Übergriffe scheinen allgegenwärtig und Männer büßen nun auf hoher Ebene für ihre Taten. Aber wie lassen die sich in Zukunft verhindern? Schärfere Gesetze sind keine Lösung. Ein Kommentar

          Jeden Tag berichten weitere Frauen in den sozialen Netzwerken über Grapschereien, Anzüglichkeiten und frivole Herrenwitze. Eine Welle der Empörung, in Gang gesetzt von den sexuellen Übergriffen des amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein, türmt sich immer höher auf. Manchen Prominenten spülte sie schon hinweg. Der britische Verteidigungsminister Fallon hat nun seinen Posten geräumt. Er wird nicht der Letzte sein. Denn jetzt ist Zahltag. Jetzt sollen die Männer für die Misshandlungen und Diskriminierung von Frauen in der Vergangenheit büßen. Ohnmachtsgefühl kann schnell in Rachegelüste umschlagen.

          Helene Bubrowski

          Redakteurin in der Politik.

          Die Emanzipation der Frau ist noch nicht vollendet. Sexismus ist bis heute an der Tagesordnung. In unserer angeblich durch und durch politisch korrekten Gesellschaft haben abschätzige Äußerungen und andere Unverschämtheiten gegenüber Frauen einen festen Platz. Daran änderten zwölf Jahre Merkel genauso wenig wie ein paar weibliche Aufsichtsräte. Viele Männer nehmen diesen Missstand gar nicht wahr. Manche behaupten sogar, als Mann habe man wegen der Frauenförderprogramme keine Chance mehr.

          Es gibt immer noch Nachholbedarf

          Doch auch Frauen, die es auf der Karriereleiter ganz nach oben geschafft haben, können von Respektlosigkeiten berichten, die Männer so nicht oder jedenfalls viel seltener erfahren: Die Partnerin einer renommierten Wirtschaftskanzlei wird vom Mandanten für eine Servicekraft gehalten; die Pilotin wird gefragt, ob sie so ein großes Flugzeug auch wirklich steuern könne; die Richterin, die ihre Arbeit schnell und gut erledigt, wird „Fleißbienchen“ genannt. Je höher der Frauenanteil in einer Branche ist, desto seltener kommt so etwas vor – was nicht heißen muss, dass Frauen immer die großen Frauenförderer sein müssen. Es geht schlicht um die Gewöhnung daran, dass Frauen dieselbe Arbeit machen wie Männer und genauso gut. Da gibt es in Deutschland auch im Jahr 2017 immer noch Nachholbedarf.

          Berichte über berufliche Diskriminierungen mischen sich in den sozialen Netzwerken mit Berichten über Anzüglichkeiten und sexuell motivierte Straftaten. Es schallt ein lautes „Ich auch“, „Ich auch“, „Ich auch“. Doch die kollektiv-selbstmitleidige Wahrnehmung von Frauen als Opfer ist fatal, vor allem für die Frauen selbst. Pfiffe und dreiste Blicke mögen unangenehm sein. Aber die Behauptung, deshalb schon Opfer männlicher Machtausübung zu sein, klingt wie Hohn in den Ohren von Frauen, die vergewaltigt oder körperlich misshandelt wurden. In überhitzten Debatten haben Differenzierungen immer einen schweren Stand, doch das macht sie umso wichtiger. Es hat nichts mit Solidarität unter Frauen zu tun, sich über alle negativen Erlebnisse mit Männern gleichermaßen zu empören.

          Proteste gegen Sexismus : #MeToo- aus dem Internet in die reale Welt

          Gegen Anzüglichkeiten helfen keine Gesetze

          Straftaten gehören ausnahmslos angezeigt und abgeurteilt. Das geschieht viel zu selten – aus Scham, aus Angst vor den Folgen, aus Furcht, das Gericht werde die Schilderung des Vorfalls nicht für glaubhaft halten. Nur in acht Prozent der angezeigten Vergewaltigungen kommt es zu Verurteilungen. Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, brauchen einfühlsame Richter und gute Therapeuten. Die jüngste Verschärfung des Sexualstrafrechts war richtig, die Strafbarkeitslücken waren nicht hinnehmbar. Doch auch hier gibt es noch eine andere Wahrheit: die Fälle, in denen der Übergriff frei erfunden wurde. Dann sind Frauen nicht Opfer, sondern Täterinnen.

          Gegen Anzüglichkeiten des täglichen Lebens helfen keine schärferen Gesetze. Männer, die nicht wissen, wo die Grenzen von Takt und Anstand liegen, lassen sich auch durch Rechtsregeln nicht belehren; bei den Anständigen nimmt die Verunsicherung nur noch weiter zu. Hier sind die Frauen gefragt, sich aus der gefühlten Ohnmacht zu befreien und sich aktiv zur Wehr zu setzen. Wie das gehen kann, hat eine britische Journalistin schon vor Jahren vorgemacht: Als ein Politiker ihr beim Abendessen die Hand auf das Knie legte, schob sie seine Finger sanft beiseite und flüsterte dem Mann ins Ohr: „Wenn Sie das noch einmal machen, dann schlag ich Ihnen ins Gesicht.“ Das hat gesessen, ganz ohne Solidaritäts- und Mitleidsbekundungen in sozialen Netzwerken. Die Ironie der Geschichte ist, dass die öffentliche Empörung nun 15 Jahre später nachgeholt wurde und der Mann, der später britischer Verteidigungsminister wurde, von seinem Amt zurückgetreten ist.

          Grenzen selbst festlegen

          Wer sich von vornherein als Opfer fühlt, dem kommt so ein Satz nicht über die Lippen. Viele Frauen scheinen gar nicht zu sehen, dass sie selbst die Grenzen festlegen können. Dafür muss man sich Gedanken darüber machen, wo die eigenen Grenzen eigentlich liegen. Anders als die gemeinsame Empörung suggeriert, ist sie nicht bei allen Frauen gleich.

          Natürlich müssen Frauen Männern nicht dabei behilflich sein, unangenehme Situationen elegant aufzulösen. Umgekehrt ist Empörung aber sicher nicht der einzige Weg. Ein schlagfertiger Spruch verrät nicht die Sache der Frauen. Wer auf eine anzügliche Bemerkung antwortet „In Amerika wäre ich jetzt eine reiche Frau“, kann durchaus als Siegerin vom Platz gehen. Und wer das eigene Geschlecht selbst nicht als unterlegen wahrnimmt, kann sich auch über ein Kompliment freuen.

          Quelle: F.A.Z.

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