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Nach Özils Rückzug aus DFB-Elf : Verfolgungswahn

Mesut Özil im Juni 2016 beim EM-Achtelfinale im französischen Lille Bild: dpa

Der Deutsche Fußball-Bund hat im Fall Özil kein gutes Bild abgegeben. Der Rassismus-Vorwurf ist trotzdem absurd: Özil wurde nicht für seine Herkunft kritisiert – sondern für sein Verhalten. Ein Kommentar.

          Der Deutsche Fußball-Bund hat im Fall Özil wahrlich kein gutes Bild abgegeben. Der deutsche Spieler mit türkischen Wurzeln darf nicht zum Sündenbock für eine verkorkste Weltmeisterschaft gemacht werden. Özil hat auch rassistische Schmähungen erfahren; der einzige deutsche Satz in seiner mehrteiligen Botschaft in englischer Sprache gibt eine Beleidigung durch einen „Fan“ im Stadion wieder. Doch der Rassismus-Vorwurf gegenüber dem Verband, den sogar die Bundesjustizministerin ernsthaft wiedergibt, ist absurd. Özil ist nicht für seine Herkunft, sondern für sein Verhalten kritisiert worden.

          Dass er in seinem öffentlichen Umgang mit Erdogan weiterhin keinen Fehler sehen will, zeigt: Özil gehört nicht in die deutsche Nationalmannschaft. Es verdient großen Respekt, wenn ein Spieler seine Wurzeln achtet. Und wer würde nicht verstehen, dass ein in Deutschland aufgewachsener junger Mann mit türkischen Wurzeln zwei Herzen in seiner Brust schlagen fühlt? Aber es ist so wie (früher) bei der Einbürgerung: In der Nationalelf wird eine Entscheidung verlangt.

          Die Rechte wie vieler Türken muss Erdogan noch verletzen?

          Es geht nicht um das Singen der Hymne, sondern um ein Bekenntnis; ein Bekenntnis, wie es der französische Nationaltrainer verlangt hat. Und wer nicht mitzog, flog aus seiner Mannschaft vielfältigster Herkunft heraus. Der Nationalspieler Hamit Altintop, der sich entschieden hatte, für die Türkei aufzulaufen, sagte einmal mit Blick auf Özil: „Es geht um die Fahne auf der Brust.“

          Vor allem aber: Özil (oder sein Berater) will nicht verstehen, dass Erdogan nicht als unschuldiges Symbol der Heimat seiner Eltern gelten kann. Ja, er ist das Staatsoberhaupt der Türkei; er vertritt sie nach außen. Deswegen verkehren andere Regierungschefs mit ihm. Özil, der ihn regelmäßig traf, huldigte ihm zuletzt, als er schon autokratischer Herrscher war, der Zehntausende seiner Landsleute willkürlich verhaften und ihnen ein rechtsstaatliches Verfahren verweigern ließ. Die Rechte wie vieler Türken muss Erdogan noch verletzen, bis Leute wie Özil einsehen, dass dieser Präsident für Unterdrückung steht?

          Mesut Özil und Joachim Löw: Was nun nach der Kontroverse um die gemeinsamen Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten zu Ende geht, war über viele Jahre eine Erfolgsgeschichte. Bilderstrecke

          Özil ist Fußballer, wie er zu Recht betont – und zu einer geradezu tragischen Figur geworden. Bundesjustizministerin Barley sieht ein „Alarmzeichen“, dass sich ein großer deutscher Fußballer „in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt ... fühlt.“ Dabei schlägt die Ministerin selbst Alarm, allerdings Fehlalarm.

          Und die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli schreibt: „Dass Özil geht, ist ein Armutszeugnis für unser Land. Werden wir jemals dazugehören?“ Dabei zeigt sie schon durch diese Frage, dass sie längst dazugehört zur großen politischen Klasse derjenigen, die immer auf der richtigen Seite stehen und den Grund für jedwede Ungleichbehandlung gleich in der Herkunft oder gar der „Rasse“ suchen.

          Diese Zeiten sollten vorbei sein. Wer heute leichtfertig diese Karte zieht, leidet unter Verfolgungswahn und Verantwortungslosigkeit.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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