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Wahlreportage Begeistert ist die SPD nur eine Sekunde

20.02.2005 ·  Warten auf ein sicheres Ergebnis - der Wahlabend in der Landeshauptstadt Kiel. F.A.Z.-Korrespondent Frank Pergande berichtet von der Kieler Förde.

Von Frank Pergande, Kiel
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Was für ein Andrang! Und was für eine Spannung! Was für ein Wahlabend! Etwa 1000 Leute wollten den Kieler Wahlabend im Landeshaus mitverfolgen. 700 davon waren Journalisten, Leute vom Fernsehen vor allem. Es hatten sich so viele Journalisten angemeldet, daß für Besucher kein Platz mehr blieb. Die Ordner gewährten kein Pardon. Hunderte Polizisten waren vor dem Gebäude aufmarschiert.

Das ZDF hat gleich den gläsernen Plenarsaal besetzt. Die ARD sitzt im weitläufigen Mittelteil des Gebäudes, das Ende des 19. Jahrhundert als Marineakademie gebaut worden war. Kurz vor 18 Uhr summte das Bienenhaus am lautesten. Zahlen schwirrten hin und her. Reicht es doch unerwartet für CDU und FDP. Die Grünen heißt es, hätten viele Stimmen verloren.

Ein Riesenaufschrei bei der CDU

Besonders eng ist es im Raum der CDU-Fraktion. Ein Raum voller schwarzer Anzüge. Luftiger ist es bei der SPD, viele rote Schals, wie man sie den ganzen Wahlkampf überall gesehen hat. Sie sehen traurig aus. Die FDP in ihren etwas fern liegenden Räumen des Landtags haben Zettel in der Hand und rechnen. Eine Stimme Mehrheit für Rot-Grün, wenn der Südschleswigsche Wählerverband mitmacht.

Dann die Prognose. Ein Riesenaufschrei bei der CDU. Was immer aus den 40 Prozent der ersten Prognose folgt: Endlich hat die Partei es geschafft, mehr Stimmen zu bekommen als die SPD. Noch vor einer Woche hätte niemand darauf etwas gegeben. Eine Stimme Mehrheit für Rot-Grün, sagt die Prognose. Ein christlicher Demokrat tätschelt dem anderen den Arm: „Eine Stimme, eine Stimme.“ Betretene Gesichter bei der SPD eine Etage höher. Das Wahlergebnis schlechter als die Umfragen, die immer so stabil waren?

Hoffen auf den späten Abend

Der Parteivorsitzende Claus Möller versucht zu beruhigen: „Warten wir den Abend ab.“ Und er erinnert an den Bundestagswahlkampf und Stoibers Sieg, der keiner war. Und dann macht er auch gleich klar: Auch mit einer Stimme Mehrheit werde weiterregiert. Nur einmal wird um 18 Uhr geklatscht bei den Sozialdemokraten: als das Ergebnis der NPD bekannt wird - sie zieht nicht in den Landtag ein.

Gute Stimmung hingegen bei den Grünen. Sie haben doch nicht so viele Stimmen verloren, wie zunächst nach der Visa-Affäre und nach den Problemen der Justizministerin Annemarie Lütkes mit der Justizvollzugsanstalt Lübeck angenommen. Spitzenkandidat Klaus Müller sagt in die Mikrophone, eine Stimme Mehrheit wäre nicht schlecht, es diszipliniere die Fraktionen. Enttäuschung beim SSW. Es wird für ein drittes Mandat nicht reichen. Es wäre vielleicht das entscheidende Mandat für die Fortsetzung von Rot-Grün gewesen.

Ratlosigkeit hingegen bei den freien Demokraten. Der Landesvorsitzende Jürgen Koppelin sagt schon fünf Minuten nach Schließung der Wahllokale tapfer: „Rot-Grün ist abgewählt worden.“ Wolfgang Kubicki, der Spitzenkandidat der FDP, ist dann der erste, der sich in den FDP-Räumen der Öffentlichkeit stellt. „Wir schaffen das schon“, ruft er in den Jubel seiner Parteifreunde.

„Herzlichen Glückwunsch, Angela“

Um 17.35 Uhr endlich kommt der Sieger des Abends, CDU-Spitzenkandidat Peter Harry Carstensen. Trotz seiner Größe von 1,91 Meter ist er zwischen all den Kameras kaum zu sehen. Beifall, Pfiffe. Eine kleine Blaskapelle spielt einen Tusch. Die Begeisterung will kein Ende nehmen. Carstensen nimmt sein Enkelkind auf den Arm - für die Fotografen. Eine Torte wird durchgereicht, die Siegertorte.

Endlich kommt er zu Wort. Aber was immer er sagt, es geht abermals in Beifall unter. „Rot-Grün abgewählt“, ist zu hören. „Auftrag für Regierungsbildung, großartiger Schlußspurt, keine leichte Aufgabe.“ Und dann sagt er auch noch: „Angela Merkel.“ Und wieder will die Begeisterung kein Ende nehmen. „Angela, wenn du mich siehst, herzlichen Glückwunsch zu diesem Wahlsieg.“

„Kalter, aber toller Wahlkampf“

Nur wenige Minuten später ist auch Heide Simonis in ihrer Fraktion. Sie kommt den Flur entlang, den Parteivorsitzenden Möller und Fraktionsvorsitzenden Lothar Hay an ihrer Seite. Auch ihr gilt langer Beifall, ein tapferer Beifall. Einer ruft auch: „Heide, Heide.“ Aber nur einer. Sie spricht von einem „harten, anstrengenden, kalten, aber tollen Wahlkampf“. Nein, an den Themen der Partei könne es nicht gelegen haben, setzt sie noch hinzu.

Und spricht vom Schulsystem und der Energiepolitik, die auf Windkraft setzt. Es hört kaum noch jemand hin. Der kurze Moment der sozialdemokratischen Begeisterung ist vorbei. Vor dem Saal rechnen sie schon wieder. Eine neue Hochrechnung. Erstmals eine Mehrheit für CDU und FDP. Der Wahlabend bleibt spannend. Bis 1988 war die CDU ununterbrochen die stärkste Kraft und stellte den Ministerpräsidenten. Seit 17 Jahren gilt das Land als sozialdemokratisch. Und eine Stunde nach Schließung der Wahllokale weiß immer noch niemand, ob die Zeit der SPD in Kiel um ist.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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