Wahlkampf: Karl-Theodor zu Guttenberg redet in Oberfranken
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Guttenberg in seiner Heimat : „Irgendwann ist auch wieder gut“

Der Held der CSU-Anhänger ist wieder da: Karl-Theodor zu Guttenberg am Mittwoch in Kulmbach. Bild: dpa

Rehabilitierung abgeschlossen: Karl-Theodor zu Guttenberg tritt als Wahlkampfredner in seiner Heimat Oberfranken auf. Mit reumütigen Tönen. Seine Anhänger sind entzückt.

          Als er nach sechs langen Jahren endlich wieder da ist, bricht in der Halle ein Jubel aus wie bei Franz Josef Strauß zu seinen besten Zeiten. Karl-Theodor zu Guttenberg federt die Stufen zur Bühne hoch, Jeans, weißes Hemd, dunkles Sakko und der längst obligatorische Dreitagebart, winkt ins Publikum – und zwischen Publikum und Büßer passt schon jetzt kein Blatt mehr. „Danke, danke für diesen Empfang, den ich nie erwarten durfte und konnte. Es ist schön dahoim“, ruft Guttenberg, und der Saal tobt.

          Und dann, nach kaum fünf Minuten, sagt er schon jene Sätze, die an diesem Abend wohl seine wichtigste Botschaft sind und auf die auch im Publikum viele gewartet haben: „Ich habe alle Konsequenzen gezogen und ertragen. Aber ich darf nach langer Zeit auch für mich selbst sagen: Irgendwann ist auch mal wieder gut.“ Der Jubel der CSU-Anhänger im Saal könnte größer nicht sein: Ihr Held ist wieder da. Katharsis abgeschlossen.

          In regelrechter Verzückung

          Es ist Mittwochabend in Kulmbach, der erste von sieben Auftritten, die Karl-Theodor zu Guttenberg auf Drängen von Horst Seehofer im Wahlkampf für die CSU in Bayern absolvieren will und die Kulmbach und die CSU, man kann das nicht anders sagen, regelrecht in Verzückung versetzen. Der Andrang vor der Halle ist riesig, 80 deutsche und internationale Journalisten sind vor Ort, der Auftritt wird für die, die es nicht mehr in den Saal schaffen, im Foyer auf Fernseher übertragen. Auch die Lokalzeitungen kennen seit Tagen kaum ein anderes Thema als „KT“, der wieder da ist, und sei es auch nur als „Unterstützung“ im Wahlkampf. Deshalb ist es vielen auch relativ egal, ob Guttenberg heute nun über die CDU, Donald Trump oder die Vorzüge des transatlantischen Bündnisses spricht, Hauptsache, er sagt etwas darüber, wie er sich seine mittelfristige Zukunft vorstellt: als Minister in München oder Berlin, als CSU-Vorsitzender, ach was, sogar als Kanzler?

          Doch diesen Gefallen tut ihnen der Baron in Kulmbach nicht, wo sie auf Guttenberg noch nie etwas kommen ließen, auch nicht nach der Plagiatsaffäre, als er unehrenhaft als Verteidigungsminister zurücktreten musste und nach Amerika zog – als geprügelter Hund, wie mancher spottete. Auch auf Nachfrage bleibt er bei seinem Mantra, sein neues Leben dort sei Herausforderung genug und eine politische Rückkehr nach Deutschland derzeit keine Überlegung wert: „Auch wenn mancher Journalist diesen Auftritt als 728. Comeback-Versuch wertet: Ich spreche hier als interessierter Bürger.“ Auch in die „Niederungen der deutschen Innenpolitik“ will Guttenberg sich an dem Abend nicht begeben: „Rentenpolitik, Sozialpolitik, davon verstehe ich nichts.“

          Stattdessen beglückt er seine beseelten Anhänger in der Stadthalle mit einer weltpolitischen Tour d’horizon von Donald Trump („ein Wüterich im Weißen Haus“), auf dessen Amtsenthebung man nicht hoffen dürfe, über die Menschenrechtslage in der Türkei bis zu den anhaltenden Krisen in Nordkorea, Venezuela oder der Ukraine. Guttenberg spricht frei, läuft auf der Bühne herum und wirkt dabei mitunter eher wie der Chef eines Tech-Unternehmens aus dem Silicon Valley, der ein neues Produkt vorstellt, denn als ein Wahlkämpfer der CSU in der bayerischen Provinz. Doch den Kulmbachern ist diese lockere Weltläufigkeit nicht nur egal, sie lieben sie. Auch weil Guttenbergs Eloquenz und seine Selbstkoketterie („Hinter dem Podium wäre ich vielleicht Gefahr gelaufen, eine abgeschriebene Rede abzulesen“) viele im Saal bezirzen.

          Guttenberg über Schröder: „Alte Liebe rosneft nicht“

          Es ist ein außenpolitisches Grundsatzreferat, das Guttenberg hält und in das er seine innenpolitischen Wahlkampfbotschaften webt. Angela Merkel lobt er über den grünen Klee („In dieser Lage sehe ich unser Land bei der außenpolitischen Erfahrung und der Durchsetzungsfähigkeit meiner ehemaligen Chefin in den besten Händen“), auch weil sie in der Lage sei, „einen Fehler zu benennen und zu korrrigieren – unter tatkräftiger Hilfe der CSU“. Das ist natürlich auf die Flüchtlingskrise gemünzt, in der Guttenberg sich klar hinter Seehofers Politik stellt und etwa die sofortige Abschiebung straffällig gewordener Migranten fordert. Auch sonst streichelt der Gast aus Amerika die Seele der Partei, fordert das Burka-Verbot und betont, Migranten müssten sich schnell integrieren, wenn sie in Deutschland bleiben wollten.

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          Die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz greift Guttenberg dafür umso schärfer an. Dass „der Herr aus Würselen“ Merkel als „abgehoben“ bezeichne, sei lächerlich. „Wenn Angela Merkel abgehoben ist, dann ist Gerhard Schröder der Mann im Mond.“ Lauter Jubel im Saal. Auch Schröders Engagement für den russischen Gaskonzern Rosneft kritisiert Guttenberg scharf. „Es ist wichtig, das Verhältnis zu Russland wieder zu verbessern, aber das sollte man amtierenden Kanzlern überlassen und nicht ehemaligen.“ Wieder Jubel – vor allem, als Guttenberg sich in Bezug auf Schröder eines Satzes bedient, der zwei Wochen zuvor prominent auf der Seite 1 der F.A.Z. stand: „Alte Liebe rosneft nicht.“

          Als Guttenberg seine Rede nach anderthalb Stunden beendet, kennt die Begeisterung im Saal für den wiedergekehrten Helden kein Halten mehr. Rhythmisches Klatschen, viele sind aufgestanden, die CSU ist in Champagnerlaune. Karl-Theodor zu Guttenberg wird sich wieder einmischen, daran hat zumindest in Kulmbach kaum noch jemand Zweifel. Am Sonntagabend wird er die CSU nach dem Fernsehduell zwischen Merkel und Schulz bei Anne Will vertreten – das ist eine so deutliche Form der öffentlichen Rehabilitierung, dass mancher schon spekuliert, ob Guttenberg nicht doch schon eine schnelle Rückkehr in die deutsche Politik plane.

          „Jeder macht mal Fehler“

          „Jeder macht mal Fehler“, sagt eine jüngere Frau nach dem Auftritt, als sie sich den Weg nach draußen bahnt. Guttenberg müsse auf jeden Fall wieder eine Rolle in der deutschen Politik spielen, findet sie. „Jetzt soll er sich erst einmal wieder in Bayern festigen – und dann sehen wir weiter.“ Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine. „Der KT war immer verlässlich, schon als er hier Kommunalpolitiker war“, sagt ein anderer. „Mit diesem Plagiat hat er sich damals saublöd verhalten, aber jeder hat eine zweite Chance verdient.“

          Die CSU, sie ist wieder im Guttenberg-Fieber; es ist wie eine Droge, von der sie über die Jahre fast vergessen hat, wie gut sie wirkt und bei der der Rückfall jetzt umso heftiger ist. „Die vergöttern den“, sagt später ein Taxifahrer vor der Stadthalle, der das offensichtlich als einer von wenigen nicht tut. „Am liebsten wäre denen, wenn er gleich Bundeskanzler würde.“

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