19.09.2005 · In ihren Analysen machen Wahlforscher vor allem die mangelnde Zustimmung zur Kanzlerkandidatin verantwortlich für das schlechte Abschneiden der Union. Angesichts der „personalen Dominanz“ Schröders bei der Aussicht auf eine große Koalition hätten CDU und CSU ihre Wähler nicht mobilisieren können.
Meinungsforscher bezeichnen Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel als Hauptverantwortliche für das überraschend schlechte Abschneiden der Union bei der Bundestagswahl.
„Die Anhänger der Union sind wegen Vorbehalten gegen Merkel nicht wählen gegangen“, sagte Forsa-Chef Manfred Güllner am Montag bei einer Wahlanalyse in Berlin. Andere hätten dann mit der Zweitstimme FDP gewählt. Dies sei auch ein Grund für die Fehleinschätzungen der Institute vor der Wahl gewesen.
„Personale Dominanz“ Schröders
„Die Leute haben sich in Umfragen gebrüstet, Union zu wählen, und haben es dann nicht getan“, sagte Renate Köcher vom Allensbach-Institut. Güllner vermutete hinter den Falschaussagen auch Angst, als diskriminierend zu gelten: „Vielleicht weil es eine Kandidatin ist, und das nicht opportun erscheint.“ Umgekehrt habe Bundeskanzler Gerhard Schröder gerade in der Endphase des Wahlkampfs mit den Themen soziale Gerechtigkeit und im TV-Duell gepunktet.
Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen sprach von einer „personalen Dominanz“. Bei einer großen Koalition wünsche sich die Mehrheit der Wähler daher auch Schröder als Kanzler, sagte Güllner. Die Meinungsforschungsinstitute hatten bis kurz vor der Wahl der Union über 40 Prozent der Stimmen in Aussicht gestellt. Sie erzielte letztlich nur rund 35 Prozent. Die FDP lag dagegen in Umfragen deutlich unter den knapp 10 Prozent, die sie dann erzielte.
Späte Wahlentscheidung als Problem
Als Problem bezeichneten es die Meinungsforscher, daß die Wähler die Parteien immer häufiger wechselten und sich immer später entschieden. Bei dieser Wahl hätten 29 Prozent ihre Entscheidung erst in der letzten Woche oder am Wahltag getroffen, sagte Richard Hilmer von Infratest-dimap. „Wir haben bei der Union sehr stabile Verhältnisse gesehen“, gestand Hilmer ein.
Aber Schröder sei als Kanzler deutlich populärer gewesen. Zudem sei der Zuspruch für eine große Koalition in den letzten Tagen eingebrochen, was vor allem der FDP zu Gute gekommen sei. „Wir haben noch nie ein so großes Stimmensplitting bei einer Wahl gehabt“, sagte er unter Verweis auf die Zweitstimmen-Gewinne der Liberalen.
Steuerdebatte als Fehler der Union
Hilmer machte bei der Union zudem große taktische Fehler aus: „Die Themen Wirtschaft und Arbeit reichen nicht für eine Volkspartei.“ Defizite habe es etwa bei der Werte-Diskussion gegeben.
Neben dem größten Wählerstrom von CDU zu FDP sei der zweitgrößte Strom der von Nichtwählern zur SPD gewesen. Große Verunsicherung habe auch die Steuerpolitik der Union mit dem Experten Paul Kirchhof erzeugt. „Hier hat die Union ein Tor geöffnet.“ (Siehe auch: Kirchhof zieht sich angeblich zurück)
„Die Frauen haben SPD gewählt“
Gerade das Thema Steuern und Gerechtigkeit habe Schröder als Person wiederum überzeugend verkörpert. Merkel sei zwar als Frau und Ostdeutsche akzeptiert gewesen, sagte Hilmer. Dies habe ihr aber kaum Stimmen gebracht: „Die Frauen haben SPD gewählt.“
Jung von der Forschungsruppe Wahlen nannte als Problem auch die Wahlkampf-Äußerungen des CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber über Ostdeutsche, die ebenfalls geschadet hätten.
Umgekehrt hätte die CSU in Bayern rund 800.000 Stimmen weniger eingefahren als bei der letzten Wahl. Damals habe aber auch Spitzenkandidat Stoiber zusätzlich mobilisiert. „Die CSU war aber drittstärkste Partei und ist jetzt nur noch sechststärkste Kraft“, sagte Hilmer von Infratest-dimap. Dies werde sich jetzt auch in den Verhältnissen innerhalb der Union widerspiegeln.
Die neue Linkspartei sahen die Forscher als dauerhafte neue Konkurrenz für die etablierten Parteien. Es zeige sich, daß diese nicht nur mit der Zweitstimme aus taktischen Gründen gewählt wurde. Hilmer verwies darauf, daß die Partei meist mit beiden Stimmen gewählt wurde. Dies zeige, daß vor allem ehemalige SPD-Wähler von den Sozialdemokraten stark enttäuscht seien.
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