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Wahlen im Saarland Den großen Zampano im Rücken

25.08.2004 ·  Der SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas verteidigt die Hartz-Reformen und wird Lafontaine nicht los. Ein endgültiger Bruch mit dem früheren Parteivorsitzenden würde alle anderen Themen des Wahlkampfes überdecken.

Von Eckhart Kauntz, Saarbrücken
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Wer regiert, macht Fehler. Das ist die Chance der Opposition. Der Sozialdemokrat Heiko Maas, der vor einem Saarbrücker Kaufhaus Passanten für sich und seine Sache zu erwärmen sucht, hätte viel zu erzählen über seine Meinung zu den Versäumnissen der christlich-demokratischen Landesregierung des Ministerpräsidenten Peter Müller. Allein, diese Botschaft wollen viele im saarländischen Wahlkampf gar nicht mehr hören. Denn die zwischen 1985 und 1999 im Lande mit absoluter Mehrheit herrschende SPD bietet in ihrem inneren Zustand genügend Stoff für emotionale Auseinandersetzungen - und sie verzehrt sich dabei.

Seit dem Tage, da der Klabautermann Oskar Lafontaine in einem Gespräch mit der Zeitschrift "Spiegel" sein Verschwinden von dem in einen Abwärtsstrudel geratenen SPD-Schiff und sein Anheuern auf einem Boot unter anderer Parteiflagge in Aussicht stellte, hängen die Vereinbarungen über die Arbeitsteilung zwischen Maas und seinem einstigen Förderer und jetzigem "Wahlhelfer" im saarländischen Landtagswahlkampf in der Luft. Das spüren auch die Bürger - und das wiederum bekommt Maas zu hören.

"Die soziale Balance ist gestört"

"Sie haben doch die Statur dazu, machen Sie doch endlich einen deutlichen Schnitt", sagt ein vom Landesvorsitzenden Maas ebenso wie von dessen Vorvorgänger Lafontaine enttäuschter Saarbrücker, der sich auch nicht durch die ihm angebotene rote Rose besänftigen läßt. Solche Äußerungen bekommt Maas immer wieder zu hören. Aber der Spitzenkandidat will dieses übelriechende Faß hier, mitten auf der Bahnhofstraße der saarländischen Landeshauptstadt, nicht aufmachen und schweigt. Maas steckt in einer Situation, die ein Entkommen ohne großen Schaden nicht möglich macht. Denn ein endgültiger, offen verkündeter Bruch mit Lafontaine, den ihm mancher Parteifreund nahelegt, würde trotz des spürbaren und in Umfragen auch meßbaren Schwindens der Zuneigung der Saarländer zu Lafontaine alle anderen Themen des Wahlkampfes noch mehr als bisher überdecken. Das fürchtet Maas.

Auch wenn Lafontaine bei seinen öffentlichen Auftritten "den Clown macht", wie einer seiner ehemals engsten Mitstreiter dessen simple und demagogisch aufgemachte Betrachtung der dramatischen Lage der Nation zu umschreiben sucht - der große Zampano aus vergangenen Tagen steht immer noch für glückliche Zeiten der saarländischen SPD.So kämpft denn Maas unverdrossen weiter - mit dem ungebetenen, an seiner Seite nicht erwünschten und dort auch nicht mehr auftretenden, aber gleichwohl nicht aus der Welt zu schaffenden Wahlhelfer im Rücken. "Die soziale Balance ist gestört", so sein Verdikt über die Berliner Reformvorstellungen.

"Nicht alles ist falsch"

In Alis Bistro im Saarlouiser Stadtteil Roden, einem von Einfamilienhäusern geprägten Arbeiterviertel, drückt er sich noch einfacher aus: "Was rauskommt, muß gerechter sinn." Die Kneipe von Ali, in der sich, wie ein Gast anmerkt, auch der linke Rebell Otmar Schreiner gerne bei einem Gläschen Bier vom "Mobbing" seiner Berliner Fraktionskollegen zu erholen pflegt, gerät aber auch für Maas nicht zum Kuraufenthalt. Gerade im Milieu von Saarlouis, wo im Juni ein sozialdemokratischer Oberbürgermeisterkandidat den christlich-demokratischen Amtsinhaber bei der Direktwahl aus dem Amte trieb, muß Maas einstecken.

Er, der eigentlich am liebsten die Bundespolitik vergessen machen würde, wird immer wieder auf vermeintliche Ungerechtigkeiten angesprochen und sieht sich nolens volens in der Rolle des Verteidigers von Schröder, dessen letzter Besuch des Saarlandes schon viele Monate zurückliegt und der auch im Landtagswahlkampf nicht mehr in Erscheinung treten wird. "Nicht alles ist falsch", sagt er über die Beschlüsse zu Hartz IV, deren Namensgeber ein waschechter Saarländer ist, der außerdem auch das Parteibuch der Saar-SPD in der Tasche trägt.

Zenit der Unionsparteien ist überschritten

"Reformen müssen sein", so erläutert er einigen Rentnern seine Meinung, und er erwähnt den "richtigen Gedanken", wonach jedem Arbeitsfähigen unter 25 Jahren ein Arbeitsplatz, eine Qualifikationsmaßnahme oder wenigstens die Gelegenheit zu geregelter Beschäftigung angeboten werden wird. Die "Karriere" manches Arbeitslosen glaubt Maas zu kennen. Erst kommt der Suff, dann die Scheidung, dann ist das Häuschen weg, und dann ist der Weg zurück zu einem geregelten Leben oft nicht mehr möglich. Auch das Prinzip des Förderns und Forderns sei richtig. Und während Ali das Bier zapft, singt Maas im Kreise der ehemaligen Kranführer und Fließbandarbeiter mit seiner eher schmächtigen Gestalt das Hohelied vom Blaumann und von der saarländischen Industriekultur.

Die stelle immerhin noch ein Drittel der 300 000 Arbeitsplätze im Land und werde gleichwohl von der amtierenden Landesregierung vernachlässigt. Stärkung der Arbeitnehmerrechte, Beibehaltung von Kündigungsschutz und Tarifautonomie, keine Abstriche von den Schichtzuschlägen, aber mehr Geld für Bildung, eine sechs Jahre währende gemeinsame Schulzeit für alle Schüler, "echte" Ganztagsschulen, in denen auch am Nachmittag Lehrer die Kinder betreuen, und keine Senkung des Spitzensteuersatzes. Zehn Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt - so stellten sich im Saarland in der Vergangenheit die Wahlergebnisse für die Saar-SPD dar. Aber selbst mit diesem der Montanindustrie und der damit verbundenen Bevölkerungsstruktur geschuldeten Bonus kann Maas der Landes-CDU wohl kaum die Führerschaft entreißen. Aber: Fünfzig Prozent der Wähler seien noch unentschieden, und der Zenit der Unionsparteien sei überschritten. So macht sich Maas Mut. Im Jahre 2009, wenn wieder eine Landtagswahl ansteht, wird Maas mit dann knapp 46 Jahren drei Jahre weniger zählen als Müller heute.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2004, Nr. 198 / Seite 4
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