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Wahl in Schleswig-Holstein Alle mögen Peter Harry Carstensen

16.02.2005 ·  Er ist ein echter Nordfriese: Spricht platt, sieht aus wie ein Seemann und und liebt Witze, die nichts für Feinfühlige sind. Trotz einer Pannenserie im Wahlkampf hört er nicht auf, zu kämpfen. Der CDU-Spitzenkandidat im F.A.Z.-Portrait.

Von Frank Pergande, Kiel
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Kiel, im Februar. Peter Harry Carstensen wäre ein guter Ministerpräsident für Schleswig-Holstein. Ein präsidialer Ministerpräsident. „Einer von uns - einer für uns“ - so wirbt die CDU für ihren Spitzenkandidaten zur Landtagswahl am kommenden Sonntag. Carstensen ist Nordfriese, und er sieht auch so aus. Wie ein Seemann oder Fischer. Er spricht gern Plattdeutsch, auch auf Parteitagen vom Rednerpult herunter, lacht viel und liebt Witze, die nichts für Feinfühlige sind.

Carstensen ist 57 Jahre alt. Er wurde auf Nordstrand geboren, einer der Halbinseln, die an der Westküste von Schleswig-Holstein ins Wattenmeer ragen. Dort wohnt er noch heute. Er hat dort seinen Hof, der zum größten Teil verpachtet ist. Auf seinem Land stehen Windkraftanlagen. Bis vor wenigen Jahren war er an den Anlagen selbst beteiligt. Es war ein gutes Geschäft.

Bei der vorgezogenen Wahl 1983 kam Carstensen in den Bundestag. Er gewann seitdem seinen Wahlkreis direkt, außer 1998. Im Bundestag ist er nicht weiter aufgefallen; manche nennen ihn faul. Aber alle, über alle Parteigrenzen hinweg, mögen ihn. Er wurde 2002 bekannt, als der Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber, ihn als möglichen Landwirtschaftsminister in sein „Kompetenzteam“ aufnahm. Das geschah weniger wegen der landwirtschaftlichen Kenntnisse Carstensens als aus Gründen der regionalen Verteilung, dem Proporz. Damals wollte Carstensen im Zuschnitt des Ministeriums den Verbraucherschutz durch die Zuständigkeit für Fischerei ersetzen. Fischereipolitischer Sprecher wurde er in seiner Fraktion genannt.

Vorsitzender nach Parteistreit

Daß Carstensen nach seinem Aufstieg in der Bundespolitik auch noch zu landespolitischer Bedeutung kam, war nicht sein Wille. Erst wurde er 2002 Landesvorsitzender, weil die Partei zerstritten ist und sich nur auf ihn einigen konnten den alle mögen und für beeinflußbar halten. Dann wurde Carstensen Spitzenkandidat. Gewönne er - entgegen den aktuellen Wahlumfragen - die Landtagswahl, wäre er ein politisch mächtiger Mann. Verliert er sie, dürfte er sich zweimal überlegen, ob er tatsächlich wie versprochen als Oppositionsführer in den Landtag wechselt und seinem Parteifreund Carl-Eduard von Bismarck aus Friedrichsruh Platz im Bundestag macht. Vielleicht würde ihm die Entscheidung durch die Partei abgenommen.

Die CDU in Schleswig-Holstein hat in den vergangenen siebzehn Jahren zu oft verloren, um sich mit Verlierern lange abzugeben, zumal es genug Parteifreunde gibt, die meinen, es besser zu können. Dietrich Austermann etwa oder Otto Bernhardt, beide ebenfalls im Bundestag, Johann Wadephul, der Landtagsabgeordnete, der schon einmal Parteivorsitzender war und jung genug ist, um sich noch in der Partei durchzusetzen, oder Klaus Schlie, jener Landtagsabgeordnete, der Innenminister werden soll und als Wahlkampfleiter von Carstensen abgesetzt wurde.

„Rumpfschattenkabinett“

Als Carstensen im vergangenen Jahr als Spitzenkandidat antrat, fehlte ihm die wichtigste Voraussetzung, um erfolgreich zu sein: gute Leute an seiner Seite, die ihn klug beraten, manchmal ein wenig schubsen, aber immer zu ihm halten. Die Zeitung „Bild“ machte im Frühjahr 2004 aus einem Gespräch mit Carstensen die Aktion: Witwer Carstensen sucht per Zeitung eine Frau. Das war der mißlungene Versuch des Spitzenkandidaten, bekannter zu werden. Schlie fand diese Idee noch bemerkenswert, als Carstensen sich schon unmöglich gemacht hatte. Als der Verdacht aufkam, eine Lokalzeitung könne vorzeitig Namen aus Carstensens „Kompetenzteam“ nennen, wurde schnell so etwas wie ein „Rumpfschattenkabinett“ vorgestellt. An dem Team fiel zweierlei auf: Einige wußten gar nicht, daß sie dabei waren, und Frauen fehlten völlig.

Es dauerte danach noch Wochen, bis Carstensen seine Mannschaft zusammengestellt hatte. Die Bundeszentrale der CDU mußte helfen. Dennoch ist es kein überzeugendes „Kompetenzteam“ geworden - und damit die Schwachstelle des Spitzenkandidaten, der ohne gute Minister kein guter Ministerpräsident werden könnte. Es war ursprünglich keine schlechte Idee, Carstensens Wahlkampf unter sein eigenes Motto zu stellen: „Das Leben ist schön“. Ist es doch vor allem die schlechte Stimmung nicht nur in Schleswig-Holstein, die alles lähmt, auch im Kieler Landeshaus. Ein optimistischer Ministerpräsident mit erfahrenen Politikern an seiner Seite, welche die enorme Staatsverschuldung bremsen, Impulse für Wachstum setzen, die Schulpolitik durchgreifend verbessern und die ewigen Debatten über den Umweltschutz beenden - Schleswig-Holstein hätte etwas davon.

Pannenserie

Aber Carstensen hat im Wahlkampf sein ansteckendes Lachen und damit seine Kraft verloren. Als er vor ein paar Tagen die „M/S Color Fantasy“, das zwischen Kiel und Oslo verkehrende größte Fährschiff der Welt, im Hafen besuchte, stöhnte er, wie schön es doch wäre, einfach auf dem Schiff zu bleiben und mit ihm abzulegen. Aber der nächste Termin drängte. Es war eine Pressekonferenz über Wirtschaftspolitik, auf der eine der vielen kleinen Pannen des CDU-Wahlkampfes passierte: Hildegard Kramer aus dem „Kompetenzteam“ sprach viel zu lange, länger als der Spitzenkandidat, und zu durcheinander.

Viele solche Pannen hat es gegeben. Als Carstensen im Fernsehen erzählte, wie er auf seinem Hof selbst buttere und demnächst auch Käse machen wolle, hieß es bald, er habe wohl andere Pläne als den, Ministerpräsident zu werden. Als er über seine Parteivorsitzende Merkel sagte, sie werde Kanzlerkandidatin, auch wenn die CDU in Kiel nicht die Macht übernehmen könne, hieß es sogleich, Carstensen gebe die Wahl verloren.

Und doch: Carstensen hat sich nach dem erschöpfenden Wahlkampf nichts vorzuwerfen. Er füllt auf Wahlveranstaltungen jeden Saal und reißt die Leute mit. Er wird nicht müde, die immer gleichen Botschaften zu wiederholen, als wären sie neu. Die Geschichte von den beiden nebeneinander hängenden Großplakaten wurde sogar von Erzählung zu Erzählung immer besser: „Warum finde ich keinen Arbeitsplatz?“ steht auf dem CDU-Plakat und daneben die SPD-Antwort: „Heide“.

Geduld wird meistens belohnt

Manchmal muß man auch einfach die Geduld bewundern, mit der Carstensen mit all den Pannen zurechtkommt, vor allem in den Einkaufszentren, die im Winterwahlkampf eine besondere Rolle spielen. Das hallende, rückkoppelnde Mikrofon etwa oder eine Gruppe Betrunkener, die laut stört. Mag aber sein, daß Carstensen nach den Erfahrungen mit der eigenen Partei, dem hochmütigen politischen Gegner und den sonstigen Tücken des Wahlkampfes nicht etwa aufgeben will, sondern alle Arglosigkeit ablegt und anfängt zu kämpfen. Dann könnte die CDU von Schleswig-Holstein mit ihm noch etwas erleben. Ein Parteivorsitzender wie einst Gerhard Stoltenberg allerdings wird er wohl nicht mehr werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Februar 2005
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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