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Wahl in Niedersachsen Wulff’sche Sümpfe, trockengelegt

Hochmoore erhalten die Artenvielfalt und schützen das Klima. Doch ist die Beschäftigung mit den Sumpfgebieten nun Chefsache oder Nebenthema? Der Moorschutz ist im niedersächsischen Landtagswahlkampf angekommen.

© dpa Vergrößern Moor im niedersächsischen Ottersberg

Ist der Moorschutz Chefsache oder Nebenthema? Die Sprecher der Grünen und der SPD, die beide nach der Landtagswahl in Niedersachsen am 20. Januar Umweltminister werden wollen, zeigen dabei unterschiedliches Temperament. Stefan Wenzel, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, ist zu einer Debatte nahe der Marktkirche in Hannover gekommen. Er sagt, die Grünen betrachteten den Moorschutz als Chefsache, deshalb sei er heute hier. Damit sagt er beiläufig natürlich auch, dass er der Chef sei.

Diese Position beansprucht auch die Grünen-Landesvorsitzende Anja Piel gelegentlich, was den Wahlkampf der Grünen nicht erleichtert. Detlef Tanke, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, dagegen sagt, eigentlich sei der Schutz der Moore im Wahlkampf eine „nachgeordnete Frage“. Ohnehin sei der wirksame Schutz der Moore nicht von heute auf morgen zu bewältigen. Damit dürfte er nicht nur Freunde finden unter den Zuhörern, zu denen offenkundig eine hohe Zahl sachkundiger Naturschützer zählt.

Erhaltung als billigste Art des Klimaschutzes

Nach Mecklenburg-Vorpommern ist Niedersachsen das moorreichste Bundesland. Der Hochschullehrer Michael Succow, Träger des alternativen Nobelpreises, berichtet, dass 96 Prozent aller Regenmoorflächen in Deutschland liegen. Jedoch sind nur vier Prozent der deutschen Bodenfläche überhaupt Moore. Ende des 18. Jahrhunderts war noch ein knappes Drittel Nordwestdeutschlands von Mooren bedeckt. Beim Schutz der Hochmoore liege Niedersachsen dagegen ganz hinten. Wichtig ist der Schutz der Moore nicht nur für Naturschützer und für die Artenvielfalt als Lebensraum für seltene Schmetterlinge und Vögel. Ihre Erhaltung sei auch die billigste Art des Klimaschutzes, sagt Succow. Als letzter stellvertretender Umweltminister der DDR setzte er in den Wendemonaten, besonders in der letzten Ministerratsitzung im September 1990, die Ausweisung großer Naturschutzgebiete in den neuen Bundesländern durch. Moore speichern etwa ein Drittel aller Treibhausgase der Welt, sie binden doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde.

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Treibhausgas wird aus den Mooren durch Trockenlegung, landwirtschaftliche Nutzung oder Abbau freigesetzt - die Bedingungen zur Torfbildung werden aufgehoben. Dabei dauert es tausend Jahre, bis ein einziger Meter Torf erzeugt wird. Aus zerstörten deutschen Mooren entweichen jährlich mehr als 40 Millionen Tonnen klimaschädlicher Treibhausgase - das sind etwa vier Prozent der in Deutschland entstehenden Treibhausgase. 95 Prozent aller deutschen Moore gelten als „tot“. Moore binden nicht nur große Mengen von Kohlendioxid, sondern auch von Distickstoffmonoxid (Lachgas), das zwar in viel geringeren Mengen vorkommt als Kohlenstoffdioxid, aber um ein Vielfaches schädlicher ist. Zum weltweiten Treibhauseffekt trägt es etwa sechs Prozent bei. Niedersachsen sei der „größte Lachgasproduzent Europas“. Dabei ist aus dem Blick der Klimaschützer die landwirtschaftliche Nutzung der Moore nachteiliger als ihr industrieller Abbau, bei dem wiederum Niedersachsen fast Monopolist ist in Westeuropa - nur in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern gibt es noch kleine Abbauflächen.

Nicht jeder CDU-Politiker ein guter Umweltschützer

Das Podiumsgespräch über das nur scheinbare Nebenthema zeigt eher beiläufig die Bandbreite, in der sich Landtagskandidaten bewegen. Wacker schlägt sich der ehemalige Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP), der gleich die Rolle der CDU mit vertritt, weil deren Vertreter nicht auftauchte. Von Gejohle lässt er sich nicht beirren und weist darauf, dass alle Initiativen, den Moorschutz zu stärken, aus der Zeit der CDU/FDP-Koalition stammen, erstmals unter dem früheren Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) im Jahr 1981. Im Juni dieses Jahres hatte etwa Umweltminister Stefan Birkner (FDP) die Wiedervernässung des Moores am emsländischen Theikenmeer vorangetrieben. Als die SPD in Hannover regiert habe, seien dagegen, so Sander, die Lizenzen zum Torfabbau für Gartenerde stark ausgebaut worden.

Diese sorgen nun dafür, dass für die nächsten drei Jahrzehnte die Handlungsfähigkeit jeder Regierung eingeschränkt sei, es sei denn, dass man es schaffe, Verbraucher zu bewegen, auf Torf zur Pflanzendüngung zu verzichten - dafür gebe es mittlerweile guten Ersatz -, oder die Abbaurechte von den Inhabern zurückzukaufen. Doch nicht jeder CDU-Politiker sei auch ein guter Umweltschützer gewesen, behauptet ein Podiumsteilnehmer. Denn der frühere Ministerpräsident Christian Wulff habe auf Bitten eines Freundes, des größten Torfherstellers Deutschlands, die Torf-Abbauflächen in der Raumordnungsplanung deutlich ausgeweitet. Das sei aber von den Regierungsfraktionen später zurückgenommen worden, vor allem auf Druck Sanders.

Ähnlich widerlegen andere Sprecher Klischees. Der Direktkandidat der Piraten in Ostfriesland, ein promovierter Physiker und Unternehmer, besticht durch Sachkunde, Zahlen und neue Gedankengänge. Die agrarpolitische Sprecherin der Linksfraktion meint lediglich, ihre Partei werde sich ebenso wie bisher für den Moorschutz einsetzen - „in der Opposition oder auch außerparlamentarisch“. Siegeswille sieht anders aus.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 16.12.2012, 16:33 Uhr