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David McAllister Schützenkönig mit nur einem Schuss

 ·  David McAllister war immer der Jüngste in seinen Ämtern. Am Sonntag muss er sich erstmals als Spitzenkandidat in einer wichtigen Wahl bewähren. Er weiß: Es wird eng. Seine Abneigung gegen große Auftritte und Rampenlicht ist sein Problem. Seine enge Bindung an Land und Leute ist seine Chance.

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© Pilar, Daniel Ziel im Visier: David McAllister vor dem Eingang der Staatskanzlei in Hannover

Horst Seehofer, der CSU-Vorsitzende sagt, er „bewundere“ ihn, und ruft Niedersachsens Ministerpräsidenten David McAllister zum Hoffnungsträger und nächsten CDU-Bundeskanzler nach Angela Merkel aus. Doch die guten persönlichen Beliebtheitswerte bei Parteifreunden wie bei den Wählern in Niedersachsen können trügen: McAllister weiß, dass er trotzdem am Sonntag als Regierungschef abgewählt werden kann. Eng wird es allemal.

Die Spitzenkandidaten McAllister und Stephan Weil (SPD) respektieren sich zwar, hinsichtlich Temperament und Wesensart sind die beiden allerdings so unterschiedlich, wie zwei Norddeutsche es nur sein können: Weil ist ein Mann nüchterner Zahlen und einer bei aller Verbindlichkeit gewollten menschlichen Distanz. Ein Großstädter. McAllister ist zwar gebürtiger Berliner, ihm behagt das Treiben in der Hauptstadt aber sichtlich nicht. McAllister ist ein kumpelhafter Mensch. Seine Heimat ist die Küstenregion um Bad Bederkesa. Gerne erzählt er, dass er in dem Städtchen bei Cuxhaven, wo er in jungen Jahren Bürgermeister und Schützenkönig war, an einem Samstag in kurzen Hosen mit seinen Töchtern zum Bäcker gehen könne, um zu hören, was die Leute sagen.

Dinge im Stillen einfädeln

Dort und in der Jungen Union lernte er jene kennen, die ihm wichtig sind - neben seinen Jugendfreunden ein ehemaliger Landrat als väterlicher Mentor, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Enak Ferlemann und der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Grosse-Brömer. Die drei verbindet das gemeinsame strategische Interesse, in Berlin regionale Belange der Küste und des Landes vertreten zu wissen. McAllister selbst zog es bisher nicht nach Berlin. Er hätte den ersten Zugriff gehabt auf das Amt des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU, überließ das aber Ursula von der Leyen - und schuf sich so eine weitere Verbündete im parteiübergreifenden Geflecht der Niedersachsen in Berlin. Das ist seine Methode: McAllister versucht, die Dinge im Stillen einzufädeln. Das Rampenlicht Berlins überlässt er der Bundesarbeitsministerin.

Dort, in der Hauptstadt, bekäme er unter Umständen auch Schwierigkeiten. Denn der 42 Jahre alte Ministerpräsident schätzt das offene Wort, spöttelt auch mal gerne über Freund und Feind. Aus Selbstschutz nur noch in Sprechblasen zu reden ist seine Sache nicht. In Niedersachsen kann McAllister darauf bauen, dass seine Zuhörer, selbst wenn sie zum politischen Gegner gehören, diskret bleiben. Das wäre in Berlin anders. McAllisters bekundet, dass es ihn - neuerdings schränkt er das ein mit einem „derzeit“ - auch gar nicht nach Berlin ziehe. Zweimal lehnte er ein Angebot der Bundeskanzlerin ab, CDU-Generalsekretär zu werden. Bestätigt haben dürften ihn die Erfahrungen seines Freundes Philipp Rösler nach dessen Wechsel nach Berlin.

Auch öffentliche Auftritte im Fernsehen sind nicht die Sache des David McAllister. Noch vor wenigen Monaten scheute er Talkshows - an Sonntagabenden schaue er lieber den „Tatort“, als an politischen Debatten teilzunehmen. Außerhalb Niedersachsens war McAllister darum auch lange wenig bekannt. Ob ihm das geschadet hat? Bei Frau Merkel zumindest eher nicht. Zur Kanzlerin und CDU-Bundesvorsitzenden hat er ein vertrautes Verhältnis. Innerhalb der Partei gilt er als einer der frühen Anhänger einer Modernisierung der Partei. Sie müsse ein offeneres Bild vermitteln, sagt McAllister.

Was das heißt, ist bisweilen schwer zu sagen. So sagt er auch mal gerne, er sei liberal, konservativ, christlich, sozial. Irgendwie scheint er in allen Parteirichtungen zu Hause zu sein. Eigene Parteifreunde bedrängen McAllister, dem ein vorsichtiges Naturell zu eigen ist, gelegentlich stärker klare Kante zu zeigen. Die Opposition haut in diese Kerbe und hält ihm vor, er sei als „Muttis Liebling“ zu zahm und erreiche weniger für Niedersachsen als lautstärkere süddeutsche Bundesländer. McAllister aber kokettiert im Wahlkampf mit seiner Nähe zu „Angela“.

Landtagswahl: Enges Rennen in Niedersachsen

Den Vorhaltungen der Opposition hält er entgegen, mit stiller Diplomatie, die eher seine Sache ist, erreiche man mehr. Erfolg hatte er damit bei der Debatte über eine Endlagersuche für hochradioaktiven Müll. Sein Anstoß sowie Gespräche mit Angela Merkel, den Bundesumweltministern Norbert Röttgen und Peter Altmaier und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ermöglichten den Entwurf eines Endlagersuchgesetzes, das die Suche nach einem neuen Endlager öffnen kann. Bei der Strukturreform der Bundeswehr trug der frühere Obergefreite McAllister in Gesprächen mit Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière dazu bei, dass die Schließung mancher Standorte in Niedersachsen später und sanfter verlief als in anderen Bundesländern. In Niedersachsen werden so nach der Reform mehr Soldaten stationiert sein als in irgendeinem anderen Bundesland. Schließlich setzte er sich ein für einen Ausbau der Windenergie vor der Küste. Eine Nähe zu den niedersächsischen Grünen, die er für dogmatisch und links gestrickt hält, bedeutet das aber nicht. Im Wahlkampf verweist McAllister, der seit Juli 2010 im Amt ist, lieber auf günstige wirtschaftliche Strukturdaten und niedrige Arbeitslosenraten. Die Zahlen sind so gut wie seit ein, zwei Jahrzehnten nicht mehr. Im Doppelhaushalt 2012/2013 werden Schulden abgebaut.

Stehvermögen, Bildung und Internationales

In den Weiten Niedersachsens kennt er, scheint es, jedes Dorf, jeden Bürgermeister - sogar Namen wenig bekannter Oppositionspolitiker aus der Provinz sind ihm gewärtig. Bei Landbereisungen ist McAllister in seinem Element, hier kann er launige Bemerkungen machen und mit kraftvoll-populistischen Einlassungen punkten. Auf dem Lande poltert er auch gerne einmal „gegen die Kommunisten“. Das Dauerlächeln weicht dann nicht aus seinem Gesicht. Auch, weil er Probleme bei Umgehungsstraßen und Schulstreitereien rasch parat hat, was wiederum auch Folge von McAllisters starkem Kontrollbedürfnis im politischen Alltag ist.

Das Schottische pflegt „Mac“, so sein Spitzname, auch im Wahlkampf. Sein Vater siedelte als Zivilbediensteter der britischen Armee nach dem Krieg nach Deutschland um, wo er schon im Krieg im Einsatz war und wo er seine Frau, eine Gesangslehrerin, kennenlernte. So wuchs David James McAllister vor dem Umzug der Eltern nach Bad Bederkesa in der britischen Siedlung Berlins zweisprachig auf. Zum britischen Premierminister David Cameron hat er vermutlich engere Kontakte als jeder andere Länderpolitiker. Horst Seehofer begründete seinen kühnen Satz, McAllister habe das Zeug, eines Tages mit Schmidt, Brandt, Kohl und Merkel auf einer Stufe zu stehen, mit drei Argumenten - dessen Stehvermögen, der nötigen Bildung und dem Internationalen, das ihm liege.

Es waren auch Fragen der Außenpolitik, die McAllister einst in die Politik führten. Ihn beeindruckten, wie er sagt, die Debatte über den Nato-Doppelbeschluss und die klare Haltung von Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Helmut Kohl in dieser Frage. Konrad Adenauer aber ist für ihn, den Altstipendiaten der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, das wichtigere Vorbild als Kohl. Während seines Jurastudiums in Hannover engagierte er sich dann bei der CDU und kam rasch in den Stadt- und Kreisrat und als just Siebenundzwanzigjähriger in den Landtag. Es war sein Vorgänger Christian Wulff, der ihm den Weg ebnete zum CDU-Generalsekretär und dann zum Fraktionsvorsitzenden. Auch Landesvorsitzender und Ministerpräsident wurde McAllister als jeweils Jüngster. Wer ihn aber als bloßen Ziehsohn Wulffs einstuft, übersieht, dass auch Wulff ihm einiges zu verdanken hatte - die Organisation der Kampagne für den Wahlsieg 2003 etwa und eine loyale und geräuschlose Fraktion und Partei. So war die Beziehung der beiden eng. Der Wirbel um Christian Wulff hat McAllister freilich weniger geschadet, als es seine Gegner gerne sähen. David McAllister hatte sich von Wulff und dessen Verhalten zur rechten Zeit abgesetzt.

In den Tagen vor der Landtagswahl geht er seiner Arbeit nach. Nur am Sonntagabend, da er hofft, mit einem Sieg auch einem Wahlsieg im Bund den Weg zu bereiten, ist sein Zeitablauf noch ungewiss: Vor die Fernsehkameras tritt er wie wohl sein Herausforderer Stephan Weil erst, wenn einigermaßen absehbar ist, wer in den kommenden fünf Jahren in der Staatskanzlei sitzt, und das kann sich hinziehen. Seine Chancen zu bleiben sind seit den jüngsten Umfragen gestiegen. Vor einigen Monaten lag Schwarz-Gelb noch zehn Prozentpunkte hinter Rot-Grün, das sich siegesgewiss gab, in den vergangenen Tagen aber lagen beide fast gleichauf.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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