Vor ein paar Wochen besuchte der niedersächsische Ministerpräsident eine Moschee am Stadtrand von Hannover. Es war unbekanntes Terrain für ihn, und das will etwas heißen. Normalerweise kann David McAllister jeden Ortsbürgermeister mit Namen ansprechen. Aber nun standen da Unbekannte, Männer mit Bart, Frauen mit Kopftuch. McAllister sagte artig „Merhaba“, das hatte er auswendig gelernt. Und noch ein paar Sätze: dass er „auch ihr Ministerpräsident“ sei, dass er „genauso gerne in eine Moscheegemeinde wie in eine Synagoge und eine christliche Kirche“ gehe. Das klang wie auswendig gelernt. Er wollte nichts falsch machen, nicht so kurz vor der Landtagswahl, nicht an einem solchen Ort, vor laufenden Kameras.
Wenn David McAllister angespannt ist, schaltet er in den Kontrollmodus um. Dann erstarren seine Gesichtszüge. Die Augen blicken ins Leere, und die helle Stimme wird dunkler, staatstragend, leiernd. Der Politiker McAllister sieht dann aus wie eine Maske, die spricht. Nur eines kann er nicht so gut kontrollieren, die Blutgefäße in seinen Wangen. Sie leuchten durch die Maske hindurch.
Die Moschee war ihm fremd. Er stellte Fragen. In welcher Sprache gepredigt werde, wer die Gebetszeiten „ausrechne“, ob Atatürk im Ersten Weltkrieg gekämpft habe. Das war etwa so, als wollte ein Muslim in einer christlichen Kirche wissen, wer denn der Mann am Kreuz sei und ob die Messe auf Aramäisch gehalten werde. Die Gastgeber bewahrten Haltung, sie waren stolz auf ihren Besucher. Nach einem Rundgang durften sie selbst Fragen stellen. McAllister war auf alles gefasst, seine Miene signalisierte höchste Alarmstufe.
„Everybody’s darling“
Aber dann tauten die Gesichtszüge langsam auf. Es ging selbst an diesem Ort um lauter Dinge, die ihn auch sonst beschäftigen: Studiengebühren, Bildungschancen, den Verfall des örtlichen Einkaufszentrums. Da war der Ministerpräsident wieder in seinem Element. Als er ging, lud er noch schnell zwei türkische Honoratioren zum CDU-Parteitag ein.
Eigentlich kennt man ihn so: locker, schlagfertig, immer einen Spruch auf den Lippen. David McAllister ist gerne „everybody’s darling“, das ist eine Triebfeder für sein politisches Engagement. Er kann auf Menschen zugehen, mit jedem ein Schwätzchen halten. So hat er Niedersachsen in den letzten zweieinhalb Jahren als Ministerpräsident erobert. Aber McAllister kann auch ganz anders sein: vorsichtig, verschlossen, misstrauisch.
Wenn er unsicher ist, wenn er unter Druck steht. Und momentan steht er mächtig unter Druck: Der Mann, der von Horst Seehofer schon zum Merkel-Nachfolger hochgejubelt wurde, könnte bald zum einfachen Landtagsabgeordneten herabgestuft werden. Zwar sagen die Umfragen der CDU ein hervorragendes Ergebnis bei der Landtagswahl am 20. Januar voraus. Doch was nutzt das schon, wenn ihr Partner, die FDP, auf der Strecke bleibt und es für SPD und Grüne zur Regierungsmehrheit reicht?
McAllisters Karrierebeschleuniger
Bislang fiel McAllister vieles wie von selbst zu. Er wurde Fraktionsvorsitzender, CDU-Parteichef, Ministerpräsident - immer als Nachfolger Christian Wulffs, der ihn früh förderte. Jetzt muss er zum ersten Mal richtig kämpfen, um an der Macht zu bleiben. Und alle sehen genau hin in Berlin, denn der Ausgang in Niedersachsen setzt den Ton, vielleicht auch den Trend, für die Bundestagswahl im Herbst. Zum offiziellen Wahlkampfauftakt am nächsten Samstag kommt die Kanzlerin nach Braunschweig, danach bleiben zwei kurze Wochen, um Wähler zu mobilisieren.
Wahlkampf liegt McAllister, das hat er bei der Landtagswahl 2003 bewiesen. Der damalige Spitzenkandidat Wulff machte ihn, 31 Jahre alt, zu seinem Generalsekretär. McAllister tingelte über die Dörfer und lernte einen Kreisvorsitzenden nach dem anderen kennen. Davon profitiert er bis heute. Die CDU hatte zum ersten Mal seit Wilfried Hasselmann wieder einen schlagkräftigen Apparat - und Wulff fuhr nach zwei Niederlagen einen historischen Sieg ein, 48 Prozent der Stimmen. Das war McAllisters Karrierebeschleuniger. Begonnen hatte sie schon in Schülerzeiten. Politik war sein Weg, sich von den Eltern abzuheben und in der deutschen Gesellschaft anzukommen.
Sein Vater hatte 1944 erstmals deutschen Boden betreten, als britischer Soldat aus Glasgow. Nach dem Krieg kehrte er als Zivilbeamter der Rheinarmee zurück. Er heiratete eine Deutsche, sie bekamen zwei Töchter, Ende der Sechziger zog die Familie nach Berlin. David McAllister kam 1971 zur Welt, als nicht geplanter Nachzügler. Er wuchs in der Britensiedlung auf, besuchte dort Kindergarten und Grundschule, ging sonntags in den presbyterianischen Gottesdienst und danach zum Curry Lunch in den Officer’s Club.
Durch und durch Kommunalpolitiker
Sein Vater brachte aus dem Büro den „Daily Telegraph“ mit nach Hause, um deutsche Politik scherte er sich so wenig wie die Mutter. Sie schickte den Jungen mit acht auf eine deutsche Grundschule. Es dauerte nicht lange, da meldete sich verstört ein Lehrer: Was ist denn bei Ihnen los, der David hat heute eine Wahlkampfrede für Franz-Josef Strauss gehalten? Genau genommen hatte er einen Wahlwerbespot der CSU rezitiert.
Als der Junge elf war und der Vater pensioniert wurde, zog die Familie nach Bad Bederkesa. Das ist ein Luftkurort bei Cuxhaven, nicht weit von der Nordsee entfernt. Mit fünfzehn trat McAllister der Jungen Union bei, und danach war es um ihn geschehen. Die Freunde fuhren zur Tischtennis-Kreismeisterschaft, er zum Kreisparteitag. Mit zwanzig wurde er Kreisvorsitzender, zog in Stadt- und Kreisrat ein, war mit dreißig Bürgermeister von Bederkesa und saß zwei Jahre später im Landtag. Nebenbei absolvierte er noch sein erstes und zweites Juristisches Staatsexamen.
Dieser Aufstieg wirkt wie die gut geplante Karriere eines ehrgeizigen Nachwuchspolitikers - es stimmt auch, aber nur mit einer Einschränkung: McAllister ist bis heute durch und durch Kommunalpolitiker. Er beschäftigt sich lieber mit dem Planfeststellungsbeschluss für ein Einkaufzentrum als mit großen Debatten über das Betreuungsgeld oder die Zukunft Europas. Und er fährt lieber über die Dörfer als in die Parteizentrale nach Berlin. Wenn er über die Politik in der Hauptstadt redet, klingt das so, als berichte ein Karpfen aus dem Hechtteich. Mit seiner Frau und den beiden Töchtern lebt McAllister immer noch im beschaulichen Bederkesa - zwei Stunden Autofahrt von Hannover entfernt. Er nennt es seine Heimat.
Als Sprechmaske bei Lanz
Manche halten das für eine besonders raffinierte Masche: Auf Landei machen kommt immer gut an in Niedersachsen, wo die meisten Wähler auf dem Land leben und es kaum Großstädte gibt. Richtig ist, dass McAllister durchaus seinen Einfluss in der Hauptstadt geltend macht. Von der Bundeswehrreform wurde Niedersachsen weit weniger getroffen als andere Bundesländer - der Ministerpräsident regelte das auf dem kleinen Dienstweg mit dem Verteidigungsminister, während sich andere laut ereiferten. Er setzte sich erfolgreich ein für die Förderung von Windenergie und vollbrachte ein kleines Meisterstück in Sachen atomares Endlager: Dass danach nun wieder offen gesucht wird und Gorleben wohl am Ende ausscheidet, geht auf McAllisters Initiative zurück. Damit schuf er der CDU - zumindest langfristig - auch eine Koalitionsoption mit den Grünen.
Es ist aber nicht bloß Show, wenn McAllister das Lied der Niedersachsen schmettert und auf Schützenfesten Hände schüttelt. Er wirkt an solchen Orten echt - im Unterschied etwa zu seinem in NRW gescheiterten Parteikollegen Norbert Röttgen. Umgekehrt liegen ihm Auftritte in Talkshows überhaupt nicht. Die meisten hat er bisher gemieden, kein anderer aus der CDU-Führung macht sich im Fernsehen so rar.
Im Sommer unternahm er einen zaghaften Versuch bei Markus Lanz. Es wurde ein Desaster. Vor der Sendung hatte die Landespartei ein Interview mit dem Ministerpräsidenten aus Versatzstücken zusammengebastelt und an Anzeigenblätter verschickt. Lanz stellte seinem Gast ein paar Fragen aus dem Interview. Man hätte erwarten könne, dass McAllister wenigstens seine gestanzten Antworten kannte. Nichts da, er rätselte, wand sich - und griff daneben. Er bettelte förmlich darum, das Thema zu wechseln.Aber Lanz ließ ihn nicht vom Haken. Da konnte man McAllister wieder als Sprechmaske erleben: dröge, unsicher, uninspiriert.
Traumhafte Sympathiewerte
Auch seine Interviews lesen sich oft so: ein Sammelsurium von Leerformeln und Allgemeinplätzen. Früher, als Fraktionschef, war er schlagfertiger und angriffslustiger. Von Sigmar Gabriel ist aus einer Landtagsdebatte der Satz überliefert, McAllister geriere sich wie ein Pitbull, sei aber doch nur das Hündchen von Wulff. Der konterte, er sei lieber Wulffs Terrier als der Mops von Schröder. Heute weicht er Streitthemen mit dem Hinweis auf seinen angelsächsischen Politikstil aus. Außerdem sei er früher konservativer gewesen. Das zahlt sich aus: Wenn sie abstrakt danach gefragt werden, wünschen sich Bürger zwar Politiker mit Ecken und Kanten. Aber wenn es um konkrete Personen geht, belohnen sie einen wie McAllister mit traumhaften Sympathiewerten.
Es sagt viel über ihn aus, wie er mit der Wulff-Affäre umgegangen ist. Anfang des Jahres sprach er ein paar kalkulierte Sätze: dass ihn niemand nach Ibiza einlade und er sowieso lieber Urlaub im Strandkorb in Cuxhaven mache. Und dass er eine Allergie gegen rote Teppiche habe. Wulff musste das als Dolchstoß empfinden. Es gab aber auch ein paar Leute in der niedersächsischen CDU, denen dieser Ton nicht gefiel. McAllister wurde im Kabinett frontal angegangen, sein Finanzminister Möllring verlangte bedingungslose Vorwärtsverteidigung. Er zog im Landtag in die Schlacht - und musste sich mehrfach korrigieren. Der Ministerpräsident folgte den turbulenten Debatten mit der üblichen Maske. Seine Staatskanzlei versorgte währenddessen die Staatsanwaltschaft Hannover mit allerlei Material, das Wulff belastete, obwohl zu dem Zeitpunkt noch gar kein förmliches Ermittlungsverfahren lief.
Im Wahlkampf wird Wulffs Schicksal kaum eine Rolle spielen, die Staatsanwaltschaft entscheidet erst nach der Wahl, ob sie ihn anklagt oder das Verfahren einstellt. McAllister kopiert derweil den präsidialen Stil seines Vorgängers. „Der Ministerpräsident für das ganze Land“, steht auf seinen Plakaten. Einen Lagerwahlkampf wird er nicht führen - allem Drängen der FDP zum Trotz. Ob das klug ist oder überaus riskant, wird sich am 20. Januar erweisen.
Ein britischer Minister?
frank frei (EuroTanic)
- 30.12.2012, 18:18 Uhr
Auf Dauer reicht's nicht, "everybodies darling" zu sein...
Kai Schraube (schrauber)
- 30.12.2012, 14:44 Uhr
Weniger Pseudopsychologie
Reiner Kuball (bambus07)
- 30.12.2012, 12:00 Uhr
Wo sind die klaren verbindlichen Ansagen? Keine Spur, durchwinden ist besser.
Elisabeth Dreier (EDreier)
- 30.12.2012, 08:58 Uhr
Wulffs Schicksal: Steuerzahler-Millionär mit feinsten Statussymbolen
Florian Adler (Florianadler)
- 30.12.2012, 00:28 Uhr