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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vroniplag Wiki Tanz der Sockenpuppen

 ·  Martin Heidingsfelder ist das Gesicht der Internetplattform Vroniplag, die verdächtige Doktorarbeiten seziert. Er ist unter mehreren Pseudonymen im Netz unterwegs. Jetzt ist der Mann, der meist als „Goalgetter“ auftritt, in der Defensive.

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Manche halten Martin Heidingsfelder für einen Helden. Einen, der falsche Doktoren enttarnt und dafür sorgt, dass Politiker, die abgeschrieben haben, ihre Ämter verlieren. Andere sehen in seinem Projekt, dem Vroniplag Wiki, ein Scherbengericht. Wieder andere finden zwar das Projekt gut, halten aber dessen Gründer für einen Wichtigtuer. Heidingsfelder selbst sieht sich als Macher. Als einen, der etwas anpackt und bewegt. Wenn man ihn nur lässt.

Wie im Bundestagswahlkampf 2005. Im Schwimmbad kam Heidingsfelder die Idee, eine Anti-Merkel-Kampagne zu inszenieren: „Angela? Nein danke!“ - das sollte der Slogan sein. Die Internetadresse war noch frei, „und ich habe sofort zugeschlagen“. Heidingsfelder ließ Aufkleber drucken und mehr als zehntausend Anstecker herstellen, finanzierte sie aus eigener Tasche vor, verkaufte sie weiter. Eine „größere Negative-Campaigning-Aktion“ nennt er das heute, eine Aktion nach seinem Geschmack. Die Sticker seien ihm „aus der Hand gerissen“ worden. Heute findet Heidingsfelder, die zugehörige Website „gehört eigentlich mal professionell archiviert (Internet-Wahlkampf Geschichte Deutschland)“.

„Der Schwarm muss zusammenbleiben“

Damals war Martin Heidingsfelder bloß ein Ein-Mann-Unternehmer aus Erlangen, spezialisiert auf Online-Befragungen von Kunden und Mitarbeitern von Unternehmen. Er spielte zwar auch mal American Football in der Nationalmannschaft, aber das ist noch viel länger her, und wer interessiert sich in Deutschland schon für Football? Heute ist Heidingsfelder, Mitte vierzig, bundesweit bekannt, als „Goalgetter“, als Gründer des Vroniplag Wiki, jener Plattform, die Doktorarbeiten bekannter und weniger bekannter Personen seziert. Die schon Plagiate in den Arbeiten der FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis enttarnt hat. Wer ist dieser Mann, der plötzlich so viel Macht bekommen hat?

Journalisten empfängt Heidingsfelder im Café Mengin am Schlossgarten von Erlangen. Er sitzt mit dem Rücken zum Fenster und beendet gerade ein Telefongespräch. Eine russische Zeitung war dran. Heidingsfelder sagt, die Russen wollten von ihm wissen, wie das so sei mit der Demokratie in Deutschland.

Heidingsfelder erzählt an diesem Tag zwei Geschichten. Die eine handelt vom Schwarm, der geeint sein soll. Von einem guten Projekt, das nicht zerbröseln darf. Das die Medien schon zur Genüge heruntergeschrieben hätten. Dahinein passen Sätze wie: „Der Schwarm muss zusammenbleiben. Und dafür ist jeder Fisch wichtig.“ Die andere Geschichte handelt davon, wie manche versuchen, ihn vom Wiki abzuspalten. In der ersten Geschichte ist Heidingsfelder „nur ein kleiner Fisch im Schwarm“. In der zweiten ist er derjenige, ohne den Vroniplag längst nicht die Beachtung gefunden hätte, die sie fand. Die erste Geschichte folgt seiner Pressestrategie, die zweite zu veröffentlichen gilt als nicht hilfreich.

Goalgetter und die anderen - das war von Anfang an ein schwieriges Verhältnis. Goalgetter bedeutet Torjäger. Ein Goalgetter kann im Alleingang ein Spiel zugunsten seiner Mannschaft entscheiden. Aber er lässt sich nicht so einfach einbinden, denn wenn ein Goalgetter die Chance wittert, einen Treffer zu landen, spurtet er los.

Im Café Mengin wird ziemlich klar, was Goalgetter von Gruppendebatten und Mehrheitsentscheidungen hält. Nach dem Gespräch wird sein Medienberater, ein befreundeter Professor, dazu dieses Zitat autorisieren: „Gute Ideen sind am Anfang immer Einzelmeinungen, und selten stimmt die Mehrheit sofort zu.“ Ja, er habe Fehler gemacht, sagt Goalgetter noch. Aber für seine Alleingänge habe er sich schon entschuldigt und sei auch heftig dafür bestraft worden. Er wurde für Wochen aus dem Chat ausgeschlossen.

Goalgetter zeigte sich unerbittlich

Heidingsfelder gründete Vroniplag im März. Der Name enthält die bayerische Verniedlichung von „Veronica“. Gemeint war Veronica Saß, die Tochter des früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der erste Fall für die neue Plattform. Schnell kamen Politiker-Fälle dazu. Schon bald wurde deutlich, dass Goalgetter weiter gehen wollte als viele seiner Mitstreiter, die sich als Dokumentare verstehen, nicht als politische Akteure. Heidingsfelder aber stellt Forderungen, er will Ergebnisse erzwingen. Politiker sollen auch ihr Mandat verlieren, wenn sie eines Plagiats überführt werden, sagt er. Sie könnten sich nach einem Rücktritt ja wieder wählen lassen, „wenn die Wähler es ihnen verzeihen“.

Bei Plagiatoren zeigt sich Goalgetter unerbittlich. Ende April wurde im Chat darüber diskutiert, wie lange die entdeckten Fälle online stehen sollen. „Eigentlich bis ans Lebensende“, schrieb Goalgetter. „Es wird eine 'Hall of Shame‘ von mir eröffnet, sobald der erste versucht, seine Schandtaten aus dem Internet zu tilgen.“

Es gab im Wiki öfter mal Streit. Etwa über Sockenpuppen. So nennt man es, wenn ein Nutzer mehrere Pseudonyme verwendet. Nach außen sieht es dann so aus, als seien mehr Menschen im Wiki unterwegs. „Vielleicht kann man an dieser Stelle mal festhalten, dass es der Seriosität des Wikis im Zweifel nicht hilft, wenn sich einzelne Nutzer mit mehreren verschiedenen Namen anmelden“, schrieb ein Wikianer in den frühen Morgenstunden des 30. Mai. „Nach dem, was ich weiß, werden mindestens die Accounts GG (Goalgetter), FdG, Dr. S. und St. (teilweise) von ein und demselben Nutzer bedient.“ Goalgetter antwortete, er habe seine Gründe und im Übrigen „schadet es mehr, im Wiki über solche Dinge zu diskutieren“. Warum es schaden sollte, blieb offen. Heidingsfelder sagt heute, er habe schon eine Woche nach der Gründung von Vroniplag in der Statistik vorn gelegen. „Da fühlen Sie sich allein und sehr einsam.“ Er habe andere zur Mitarbeit bei Vroniplag motivieren wollen. Die anderen Administratoren hätten ja gewusst, welche Pseudonyme er verwende. Im Wiki schrieb er über diese Zeit: „Fast jeden Tag habe ich eine Sockenpuppe kreiert, um nicht als Einzeltäter dazustehen.“

Bescheidene Funde

Mitte Juli hatte sich im Wiki wieder eine Menge Frust angestaut. Es waren große Artikel über Goalgetter erschienen. Der Frust entlud sich im Forum. Goalgetter sei „zu Konsensentscheidungen nicht in der Lage“ und mache „kaum berechenbare Alleingänge“, schrieb einer. „Kein Vertrauen, Null“, schrieb ein anderer. Einer kritisierte Goalgetters „Veröffentlichungsdruck ('Jede Woche ein neuer Fall')“, einer seine „überzogene Selbstdarstellung in den Medien“.

Das Vroniplag Wiki ist klar strukturiert. Über den einfachen Nutzern gibt es Administratoren, die mehr Rechte haben. Der höchste Status heißt „Bürokrat“. Eine Mehrheit der Administratoren kann einen Bürokraten absetzen. Genau das geschah jetzt: 13 Administratoren sprachen sich gegen Goalgetter aus, keiner sprach für ihn. Am Abend des 18. Juli schrieb Goalgetter, er brauche noch ein paar Tage für eine Stellungnahme. „Also Leute, bitte gebt mir eine Frist.“ Stunden später, am 19. Juli um 6.48 Uhr morgens, stufte ein Wiki-Mitarbeiter Goalgetter zum Administrator herab. So begann Heidingsfelders 46. Geburtstag.

An diesem Dienstag hatte zufälligerweise noch jemand anderes Geburtstag, mit dem Heidingsfelder schon ein paar Wochen lang zu tun hatte, ohne dass derjenige davon ahnte: Roland Wöller, der sächsische Kultusminister. Heidingsfelder wusste, dass auch gegen Wöllers Promotion Plagiatsvorwürfe bestanden, die aber noch nicht veröffentlicht waren. Die Technische Universität Dresden hatte den Fall schon einmal untersucht und im Januar 2008 festgestellt, dass Wöller „kein Täuschungsvorwurf im akademische Sinne zu machen und auch kein Urheberrechtsverstoß zu erkennen ist“. Heidingsfelder sah darin trotzdem einen Fall. Obwohl die Funde bislang eher bescheiden waren.

„Kaputt und alle“

Es gibt eine ungeschriebene Regel im Wiki. Demnach wird ein Fall dann öffentlich gemacht und auf der Homepage untersucht, wenn auf zehn Prozent der Seiten einer Dissertation Plagiate gefunden wurden. Goalgetter hatte erst zwei klassische Plagiate entdeckt. Aber er wollte den Fall Wöller pushen. Geduld gehört nicht zu Goalgetters Stärken. Seine beiden Funde stellte er mit dem Kürzel „Rw“ noch in dieser Nacht ins Forum, an seinem und Wöllers Geburtstag. Er hat einen Hang zum großen Auftritt.

Ein Plagiatsforscher, mit dem Heidingsfelder zusammenarbeitet, gab in seinem Blog den Hinweis, dass der „Dissertationsplagiarismus bis ganz hinauf in die sächsische Spitzenpolitik reicht“. Und es gab Journalisten, die eins und eins zusammenzählen konnten. Ein offizieller Fall für Vroniplag ist Wöller bis heute noch nicht geworden. Im Gegenteil: Die anderen Wikianer wehrten sich dagegen, dass der Fall Vroniplag zugeschrieben wird.

Im Café Mengin nippt Heidingsfelder an seiner Apfelschorle. Er sei erschöpft, sagt er, die Pressearbeit sei ein hartes Geschäft. Und er müsse ja auch noch sein Unternehmen führen. Die Nacht von Sonntag auf Montag habe er durchgearbeitet. Wie ihm gehe es auch anderen aus dem Wiki. Die Leute seien „kaputt und alle“. Die Dynamik und die Geschlossenheit hätten abgenommen. Am Anfang sei Vroniplag noch „klein, schnell und wendig“ gewesen, jetzt sei es ein Tanker. Andererseits sagt er auch, es sorge ihn, dass das Wiki nicht weiter wachse. Darum mache er ja diese ganze Pressearbeit, damit die Plagiatsfälle Aufmerksamkeit fänden. Es gehe ihm immer um die Sache.

Wie mit Verdachtsfällen umgehen?

Es gab bei Vroniplag von Anfang an ein Formular für Presseanfragen. Was dort eingetragen wurde, landete bei Heidingsfelder. Das gefiel nicht jedem im Wiki. Anfang Mai kam es zu dem, was man im Wiki einen „edit war“ nennt. Jemand löschte das Formular - laut Heidingsfelder, ohne ihn zu fragen und ohne Begründung. Goalgetter schaltete das Formular wieder frei. So ging das hin und her. Ein Dritter stellte zwei Tage später eine E-Mail-Adresse für Pressekontakte online. Das wiederum missfiel Heidingsfelder. Er reaktivierte sein Kontaktformular, das wieder gelöscht wurde. Die Pressearbeit teilte er sich fortan mit anderen.

Es gibt einen Satz, der treffend beschreibt, wie Martin Heidingsfelder die Rolle der Medien sieht. Er hat ihn im Chat geschrieben, Ende April. Die Plagiatssucher diskutierten darüber, wie man mit Verdachtsfällen umgehen, an wen man sie melden sollte. Eine Nutzerin schrieb, man wende sich an den Ombudsmann der betreffenden Uni. Und Goalgetter gab seinen Leuten den „Tipp: Ich lasse immer einen Journalisten hinterher telefonieren. Der fragt, er habe da von einem Plagiatsfall gehört. . .“ Goalgetter lässt telefonieren, er setzt die Journalisten auf Fälle an, er ist der Macher.

„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“

Während des Gesprächs im Café scannt Heidingsfelder auf seinem iPhone den Pressespiegel von Vroniplag. Er guckt, ob dort ein Artikel aus der „Abendzeitung“ erscheint. Er kann ihn nicht finden. Der Artikel heißt „Schützenhilfe für Doktorjäger“, und darin erfährt Heidingsfelder Unterstützung von der Nürnberger FDP-Vorsitzenden und Stadträtin Christiane Alberternst. Es ist eine Freundin, die er schon von der Uni Erlangen-Nürnberg kennt, wo er Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik studierte. Es sei ein sehr positiver Artikel über ihn, sagt Heidingsfelder.

Am Abend desselben Tages, gegen halb zehn, wurde eben dieser Artikel im Online-Portal der „Abendzeitung“ kommentiert. Unter dem Pseudonym „Susanne“ schrieb jemand über Frau Alberternst: „Eine FDP-Politikerin mit Mut. Nürnberg und die FDP kann froh sein, eine solche Stadträtin zu haben.“ Das war nicht der einzige Kommentar, der unter dieser E-Mail-Adresse abgegeben wurde. Vier Tage zuvor war der Artikel „Er ist der Doktor-Schreck“ erschienen. Es ging um Goalgetters Outing. Unter den Artikel schrieb Heidingsfelder über Heidingsfelder: „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Respekt!“

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Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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