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Vorwürfe gegen Guttenberg Die Stunde der Plagiatssucher

 ·  Immer mehr verdächtige Stellen aus der Dissertation des Verteidigungsministers tauchen auf - auch durch das Internet. In einer kollektiven „Plagiatssuche“ durchforsten Internetnutzer die Arbeit nach abgeschriebenen Stellen und veröffentlichen sie auf einer Internetplattform. Politisch motiviert sei dies aber nicht, sagen Teilnehmer.

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Die Vorwürfe wiegen schwer: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat bei seiner Doktorarbeit offenbar abgekupfert - und dabei vielleicht auch die Segnungen des Internets genutzt. Vor diesem Hintergrund mutet es wie eine Ironie der Geschichte an, dass ausgerechnet das Internet den Minister nun immer mehr in Bedrängnis bringt. Denn schon kurz, nachdem die ersten Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg öffentlich wurden, entstand im Netz eine kollektive Bewegung aus unzähligen Nutzern, die die Dissertation fieberhaft nach weiteren verdächtigen Stellen untersuchten und die Passagen veröffentlichten. Weit über 20 fragwürdige Passagen listete der „Blog zur kollaborativen Aufdeckung der Plagiate” bis zum Donnerstagnachmittag auf, Tendenz stark steigend. So gefragt war die Seite, dass sie am Vormittag kurzzeitig nicht erreichbar war. Dann aber zog sie auf eine andere Plattform um, auf der nun jeder registrierte Nutzer die Passagen aus der Dissertation einstellen kann, die ihm verdächtig vorkommen.

Als spontane Idee sei das Projekt in der Nacht zum Donnerstag entstanden, sagt ein Mitinitiator des Projekts gegenüber FAZ.NET, der seinen Namen lieber nicht öffentlich lesen will. „In dieser Nacht haben wir beobachtet, dass in Internetblogs mehr und mehr Nutzer verdächtige Stellen aus Guttenbergs Dissertation gepostet haben, die über Twitter verbreitet wurden“, sagt er. „Diese Schnipsel wollten wir dann auf einer gemeinsamen Seite bündeln, um Ordnung zu schaffen.“ Eine politische Motivation steckt nach Angaben der Macher nicht hinter dem Projekt - auch wenn dies bei manchem Plagiatjäger sicher der Fall sei, wie sie zugeben. Davon zeugen auch Schmäh-Kommentare und Angriffe von „Internet-Vandalen“, die die Seite am Donnerstag zeitweilig lahmlegten. „Uns geht es nicht um die große Politik, sondern darum Fakten zu schaffen. Nicht, weil wir etwas gegen Herrn zu Guttenberg haben, sondern weil wir es als seriöse Wissenschaftler als unsere Aufgabe betrachten, die Sache aufzuklären.“

Zumindest die Initiatoren des Projekts sind überzeugt davon, dass Guttenberg Plagiat in großem Stil betrieben hat - und sein Doktortitel nicht mehr zu halten ist: „Bei ein paar abgekupferten Stellen hinten im Buch hätte man ja kaum was gesagt. Wer aber schon die Einleitung abschreibt, kann nicht mehr behaupten, das sei ihm durchgerutscht.“

„Wollen seriöse Wissenschaft verteidigen“

Von Vergleichen mit „Wikipedia“ will das Projekt nichts wissen, eher schon vom Fall Hegemann, der ebenfalls durch Blogs im Internet aufgedeckt wurde. Wie viele Mitautoren an dem Projekt mitarbeiten, vermag der „Plagiatjäger“ nicht zu sagen - und auch nicht, wie es mit dem Projekt weitergeht. Mittelfristig sei aber angedacht, eine „fundierte Analyse“ der Dissertation zu veröffentlichen, um deren wissenschaftliche Substanz zu klären. Auch ein „Offener Brief“ der Projektteilnehmer an Guttenberg ist demnach schon in Planung. Auf Seriosität legen die Macher des Projekts nach eigenen Angaben großen Wert - jeder Eintrag, heißt es, werde gewissenhaft überprüft.

„Wir wollen die seriöse Wissenschaft verteidigen, die Herr zu Guttenberg in Misskredit gebracht hat“, sagt der Mann am Telefon noch. „Nicht mehr und nicht weniger.“ Und dann legt er wieder auf - der nächste Anruf wartet bereits in der Leitung. Es wird nicht der letzte sein.

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