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Ostdeutschland : Rechts oben

In Borken trifft sich an einem Bauwagen die „Kameradschaft Borken“, die der Verfassungsschutz dem „neonazistischen Spektrum“ zuordnet. Bild: Daniel Pilar

In manchen Dörfern in Vorpommern gibt es nicht viel. Nur schöne Natur, Frust und Neonazis. Und Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen.

          Koblentz ist ein kleines Dorf in Vorpommern, nicht weit entfernt von Polen. Es ist eine der ärmsten Gegenden Deutschlands. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Gesellschaft wird immer älter. Auf der Deutschland-Karte findet man Koblentz rechts oben. Wenn es denn überhaupt eingezeichnet ist.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Am Ortseingang steht eine Bushaltestelle. An die Innenwand hat jemand A.C.A.B. gesprayt: All Cops are Bastards. Und ein Anarcho-A. Außerdem baumelt dort ein totes Vögelchen von der Decke. Aufgeknüpft an einer Anglerschnur. Ein Dummejungenstreich an einem lauen Sommerwochenende.

          Hinter der Bushaltestelle führt eine holprige Straße durch das Dorf, vorbei an alten und neuen Häusern. Manche sind malerisch, manche sind es nicht. Bei manchen weht eine pommersche Flagge im Vorgarten. Die meisten Gärten sind leer. In einem spielt ein Mann mit Glatze und Tarnjacke mit seinem Kind. Die Straße führt vorbei am See, dem kleinen, wo gerade einige Radfahrer Rast machen und ein Mann seine Angelruten auswirft. Sie führt vorbei am alten Gasthaus, in dem nun eine Berliner Familie lebt, und vorbei an einem Plattenbau, bis hin zum alten klassizistischen Mausoleum, dem Überbleibsel des Guts, das 1945 niederbrannte, und der freiwilligen Feuerwehr.

          Etwa 200 Menschen leben hier in Koblentz. Vor sechs Jahren machten 32 von ihnen das Dorf berühmt. Damals, bei der Landtagswahl 2011, wählten sie die NPD. 33 Prozent erzielte die rechtsextreme Partei, nirgendwo in Mecklenburg-Vorpommern war es mehr.

          Seitdem hat Koblentz viele Namen bekommen: braune Hochburg, Niemandsland, brauner Kummerkasten, braune Familie, vergessenes Dorf, Nazi-Dorf. Journalisten aus dem ganzen Land kamen hierher. Sie schrieben darüber, dass im Dorf, man will es kaum glauben, Sonnenblumen statt Hakenkreuzschmierereien wuchsen. Dass es gar nicht so leicht sei, die Neonazis zu finden, was die Sache noch viel trauriger mache. Denn das bedeutete schließlich, dass ganz normale Bürger die NPD gewählt hatten. Sogar der Sohn der parteilosen Bürgermeisterin hatte das getan.

          Nach dem Ende der DDR abgehängt

          All das in einem Dorf, von dem der Angler am See sagt, dass sich hier Fuchs und Hase gute Nacht sagten. „Und das ist auch gut so.“ In dem es keine Gaststätte gibt. „Wer hat hier schon den nötigen Groschen, um jeden Tag Bier trinken zu gehen. Das war vielleicht in der DDR so.“ Keinen Laden. „Wer geht da schon einkaufen.“ Und auch keinen Imbiss. „Wer braucht das schon.“ Kaum Vereine. Und viel Nichts.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Aber immerhin gibt es die wundervolle Natur. Karpfen, Schleien, Kraniche. „Ist das nicht herrlich. Die Sonne scheint, und die Piepmatzen piepen.“ Manchmal, sagt der Mann, begegne man eben den „Hobbyglatzen“, die in Tarnklamotten herumliefen und die Gegend so „berüchtigt“ gemacht hätten. „Mitläufer sind das. Wer was im Kopf hat, der zieht sowieso weg.“ Manche aber ziehen auch her.

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