Home
http://www.faz.net/-gpg-vcaf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vor Stoibers Abschied CSU im mentalen Ausnahmezustand

 ·  Im Streit um Stoibers Erbe stellt die CSU sich selbst bloß. Zunächst versucht sie das Unmögliche: Sie will eine normale Partei mimen. Heute soll Stoiber seine letzte Regierungserklärung halten. Von Albert Schäffer.

Artikel Bilder (23) Lesermeinungen (3)

In den nächsten Tagen versucht die CSU das Unmögliche: Sie will eine normale Partei mimen. Am Dienstag soll der scheidende Ministerpräsident Edmund Stoiber seine letzte Regierungserklärung halten, am Donnerstag will die CSU-Landtagsfraktion seinen Nachfolger Günther Beckstein nominieren. Drohen der in den vergangenen Monaten verwöhnten Republik die ganz gewöhnlichen Präliminarien eines ganz gewöhnlichen Machtwechsels in einer ganz gewöhnlichen Partei? Sind die unterhaltsamen Zeiten in der CSU, mit Hochglanzfotos einer Parteiheroine in Latex und lustvollen Beschreibungen eines Bundesministers, welches „Material“ über Parteifreunde in seinen Schreibtischschubladen schlummere, vorbei?

Die CSU wäre nicht die Partei, die auf absolute Mehrheiten abonniert ist, wenn sie sich mit einer Magermilch-Version der Politik begnügte. Was so unscheinbar daherkommt - letzte Regierungserklärung des scheidenden Amtsinhabers, Nominierung des Nachfolgers -, sind selbstverständlich gekonnte Teilakte eines Schauspiels, das noch weit in den Herbst hinein die Sinne anzuregen verspricht. Selbstverständlich wird Stoiber am Dienstag sein Publikum nicht mit Rückschauen auf seine vierzehnjährige Regierungszeit langweilen. Sondern er wird ein großzügiges Investitionsprogramm vorlegen, als ginge es darum, eine Ära zu beginnen und nicht zu beenden. Aufbruch, nicht Abschied wird der Grundton seiner Rede sein.

„Nominatio praecox“

Und selbstverständlich ist die Nominierung Becksteins nicht die Erfüllung einer üblichen Formalie. Sondern sie ist Ausdruck eines Horror vacui in der spezifischen Ausformung des politischen Sommerlochs. Stoiber will erst nach dem CSU-Parteitag Ende September vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten; Beckstein soll im Oktober im Plenum des Landtags zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Der Versuch, die Gefahr, dass Beckstein in den medialen Untiefen des Sommers strandet, durch eine frühzeitige Nominierung zu bannen, trägt jedenfalls Früchte - in satirischer Hinsicht mit der schönen Wortschöpfung der „Nominatio praecox“, mit der die Morgenröte der Regierungszeit Becksteins einsetze, die manche in der Partei schon für eine Abendröte halten.

Welche sommerlichen Herausforderungen seiner harren, hat Beckstein bei einem Auftritt in einem Bierzelt erfahren, als er über die erotische Anziehungskraft strammer Männerwaden in Lederhosen philosophierte, die auf ihn persönlich allerdings keine Wirkung entfalte; schließlich heiße er Günther - und nicht Horst. Drolliger hätte Beckstein kaum offenbaren können, was von den Beteuerungen in der CSU zu halten ist, die amourösen Verwicklungen von Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer und die Geburt seiner unehelichen Tochter seien ausschließlich Privatsache und ohne Belang für den Wettbewerb um den Parteivorsitz. Immerhin: Bei Beckstein scheint das kollektive Unbewusste der CSU bestens aufgehoben zu sein.

Selbstboulevardisierung einer Partei

Vielleicht werden Neuropsychologen einmal aufklären können, welche synaptischen Fehlschaltungen zur Becksteinschen Assoziationskette geführt haben; sie belegt jedenfalls den mentalen Ausnahmezustand, in dem sich die Führungskader der CSU seit den Kreuther Verschwörungstagen befinden, in denen Stoibers politische Pensionierung entschieden wurde. Es ist ein Ausnahmezustand, der den ehrbaren Berufsstand der Politikwissenschaftler zu den Arbeitsämtern treiben könnte, mit dem dringenden Wunsch nach einer Umschulung. Denn grauer könnten all die Theorien, welche strategischen Überlegungen welche Personalentscheidungen bedingen, in der bunten CSU-Welt zwischen Latex und Lederhosen gar nicht wirken.

Die jüngste Geschichte der CSU ist die Geschichte einer Selbstboulevardisierung einer Partei. Kabalen und Klatsch ersetzen inhaltliche Auseinandersetzungen. Statt sich den Kopf zu zerbrechen, ob die Partei besser von einem Bundespolitiker oder einem Landespolitiker geführt wird, genießen die kleinen und großen Eliten der Partei die Freuden des gehobenen Moralisierens. Statt zu debattieren, ob der Volkspartei CSU ein Sozial- oder ein Wirtschaftspolitiker gut zu Gesichte stünde, wird in Sottisen geschwelgt - selbstverständlich mit strikt neutralem Gesichtsausdruck, sobald sich eine Kamera nähert, mag Beckstein auch für einen Augenblick das Podium eines Bierzelts mit einem Hinterzimmer verwechselt haben.

Nur eine Nebenrolle für Stoiber

Die CSU-Soap verheißt sogar noch eine Steigerung, nachdem sich zu den Bewerbern um den Parteivorsitz Horst Seehofer und Erwin Huber noch die Fürther Landrätin Gabriele Pauli gesellt hat. Die kollektive emotionale Intelligenz der Partei wird die vorhandenen Ingredienzien für schillernde Sommercocktails zu nutzen wissen - dazu wird gar nicht notwendig sein, dass bei Auftritten Becksteins künftig für männliche Musiker beinlange Kleidung vorgeschrieben wird, ein umfassendes Latexverbot in Bierzelten ohnehin vorausgesetzt. Hinter der Maske, Privates müsse privat bleiben, werden sich die schönsten Grimassen schneiden lassen - mit der Gewähr, dass der mediale Widerschein nicht ausbleibt.

Stoiber nimmt in diesem Spektakel nur eine kleine, aber wirkungsvolle Nebenrolle wahr: als paradoxe Erscheinung eines Elder Statesman. Nicht wer seinen Rat und seine Nähe sucht, kann auf Erfolg hoffen, sondern wer die maximal mögliche Distanz zu ihm hält. Der bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel darf in dieser Hinsicht als Experte gelten, seit er bei seiner Bewerbung um den Vorsitz des mächtigen CSU-Bezirksverbands Oberbayern von Stoiber Rückenwind in Orkanstärke erhielt; gewählt wurde sein Konkurrent, der Kultusminister Siegfried Schneider. Spötter machen schon die Rechnung auf, dass Seehofer auf dem Parteitag nur eine Chance habe, wenn Stoiber sich überwinde und sich für den Kreuther Verschwörer Huber stark mache.

Favorit Huber

Der bayerische Wirtschaftsminister Huber hat für das CSU-Spiel die traditionelle Variante gewählt - er gibt den großen Braven, manche sagen auch, den großen Langweiler. Erwin the Huber, wie ihn Gefolgsleute kraft seiner originellen Intonation der englischen Sprache liebevoll nennen, brilliert als Mann, dem bei Männerbeinen in Lederhosen nichts einfällt, schon gar nicht der Name Horst; als Mann, der seine Frau allenfalls damit ärgert, dass er eine alte Küchenmöblierung gemütlich findet; als Mann, bei dem Magazine gar nicht erst anfragen, ob er Lust hätte, mit einer Fotostrecke auf den Malediven zu demonstrieren, dass die aktuelle Bademode nicht nur für Frauen Verlockungen birgt. Statt dessen bereist Huber emsig das Land; wo immer andere CSU-Politiker eintreffen, war Huber gerade eben und kommt demnächst auch wieder hin.

Hubers Verhängnis könnte werden, dass die Kaste der politischen Auguren ihn schon zum sicheren Sieger in der Konkurrenz um den Parteivorsitz erklärt hat. In der Politik gilt eine eigene Zeitmessung, besonders in der Periode der sommerlichen Nachrichtenarmut. Die Wochen bis zum CSU-Parteitag könnten für den Fast-schon-Vorsitzenden Huber noch eine schiere Ewigkeit werden.

Vieles kann sich bis dahin ereignen - auch dass Ratio und Emotio in der CSU doch wieder in ein Gleichgewicht kommen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

Jüngste Beiträge