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Von Boettichers Absturz : Politik, Kabale und Liebe

Auftritt Hauptdarsteller: Von Boetticher am Sonntag vor seinem Rücktritt Bild: dpa

Ein Drama in einem Akt: Die CDU in Schleswig-Holstein sucht neun Monate vor der Landtagswahl verzweifelt eine neue Führung. Und von Boetticher bleibt wohl nur sein Mandat.

          Die CDU in Schleswig-Holstein ist auf der Suche nach einem neuen Parteivorsitzenden und einem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 6. Mai. Christian von Boetticher, der als Parteivorsitzender am Sonntag zurücktrat, erklärte am Montagabend, auch den Fraktionsvorsitz aufzugeben.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An diesem Dienstag trifft sich um 14 Uhr die Fraktion im Landeshaus in Kiel, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Am Abend will dann der geschäftsführende Landesvorstand zur nächsten Krisensitzung zusammenkommen, danach der erweiterte Landesvorstand. Zunächst geht es um einen Fahrplan, wie die CDU im Norden aus ihrer Führungskrise herauskommen kann. Als neuer Vorsitzender ist Wirtschaftsminister Jost de Jager im Gespräch, der auch schon seine Bereitschaft signalisiert hat. De Jager ist 46 Jahre alt, stammt aus Rendsburg und ist verheiratet.

          Bislang trat er eher in der zweiten Reihe in Erscheinung, er war gleichsam der geborene Stellvertreter, der „stille Macher“. Erwähnt wird auch Landtagspräsident Torsten Geerdts, der seit der Wahl 2009 Landtagspräsident ist und in diesem Amt deutlich an Format gewonnen hat, etwa bei der Vermittlung zwischen den sechs Fraktionen, um zu einem neuen, vom Landesverfassungsgericht eingeforderten Wahlgesetz zu kommen. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) schlug am Montag vor, bei der Suche nach einem neuen Landesvorsitzenden die Parteibasis einzubeziehen. Auch einen Mitgliederentscheid schloss er nicht aus. De Jager nannte er „einen starken Minister im Kabinett“.

          Jost de Jager und Peter Harry Carstensen

          An die Fraktionsspitze könnte der stellvertretende Vorsitzende Hans-Jörn Arp treten, aber auch Johannes Callsen, der sich bislang mit Fragen von Wirtschaft und Technologie beschäftigte, oder Tobias Koch, der als Finanzfachmann gilt. Und dann verfügt die CDU in Schleswig-Holstein auch noch über eine Art Allzweckwaffe, den Landesgeschäftsführer Daniel Günther, der seit 2009 im Landtag sitzt. Günther ist allerdings noch sehr jung und außerdem unverzichtbar als Manager des anstehenden Wahlkampfs. Wie auch immer die Personalentscheidungen ausfallen, sein Abgeordnetenmandat muss Christian von Boetticher in den Augen der CDU unbedingt behalten. CDU und FDP haben im Landtag nur eine Stimme Mehrheit.

          Er lernte sie über Facebook kennen

          Der neue Spitzenkandidat wird am 4. November gewählt. Eigentlich sollte an diesem Tag der schon nominierte Boetticher gekürt werden. Zum Verhängnis geworden ist ihm sein Verhältnis zu einer damals 16 Jahre alten Schülerin, die aus Nordrhein-Westfalen stammt und die er über das Internetportal Facebook kennengelernt hatte. Das Verhältnis begann, so schilderte es Boetticher in seiner persönlichen Erklärung am Sonntag, im Frühjahr des vergangenen Jahrs. Boetticher hat es wohl im Mai 2010 beendet, offenbar schweren Herzens. „Es war schlichtweg Liebe“, sagte er.

          Boettichers politische Karriere hatte etwas Atemberaubendes - im Höhenflug wie auch im jähen Absturz. Von 1999 bis 2004 gehörte er dem Europäischen Parlament an. Nur wenige Stimmen fehlten ihm zur Wiederwahl. Er wollte nach Amerika gehen, wurde davon aber durch einen Anruf vom damaligen Landesvorsitzenden Carstensen abgehalten: Ob er nicht Minister werden wolle? Boetticher blieb in der Politik und wurde Umweltminister der großen Koalition von 2005 bis 2009. Carstensen war er in Loyalität verbunden. So wurde er nach der Wahl 2009 - die CDU hatte die Koalition mit der SPD aufgekündigt und strebte ein Bündnis mit der FDP an - als Vertrauter des Ministerpräsidenten Carstensen Fraktionsvorsitzender im Landtag. Ein Jahr später löste er Carstensen im Parteivorsitz ab. Damit war klar, dass er auch Spitzenkandidat werden solle, vielleicht sogar schon vor der Wahl auch Ministerpräsident.

          Er schien für viele in der Partei zu jung

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